Schlagwort-Archive: alter kram

s*****z

back in the day, when we where young and foolish

damals, als wir noch nicht in jeder minute im bus/auf dem rad/zu fuß in die damals noch nicht so guten displays der „mobilen endgeräte“ verguckt waren, als wir noch vor unseren computern saßen, die immerhin schon klappbar und tragbar im sinne von „mitschleppbar ohne automatisch folgende rückenprobleme“ waren, schrieben wir an digitalen orten, die heute längst tot sind, oder in einem zombie-stand verweilen, sodass man sich fragt, ob man die daten da nicht mal herauskopieren sollte. ich entscheide mich dazu.

jetzt sitze ich allein zuhause und sehe mir die alten nachrichten an. es ist eine gute beschäftigung. damals konnte man noch ernstlich offline sein, für ein paar stunden, oder sogar ein paar tage. ich weiß nicht, ob das heute noch geht; und denke lieber darüber nach, warum ich solche probleme hatte, über diese oder jene person hinwegzukommen. wie sie schreibt… aber dann lese ich meine antworten und weiß, dass ich damals wohl ein anderer war. hoffnungsvoller, jünger, leichter – aber zugleich auch düsterer und more desperate. ich lese und bin nicht mehr alleine. ich reise durch die zeit, bin in einem raum mit denen, denen ich damals schrieb und mir selbst als nebeliger gestalt, die ich nicht mehr kenne, da ich stets versucht habe, vergangenheit vergangenheit zu machen. oder gar nicht existent.

*

when you just called a suicide hotline and feel disappointed that they won’t help you with the „how“ but only try to talk you back into life

da sind sie, die gestalten der damals-menschen. die der geschätzten, der heimlich geliebten – aber auch die der anderen. ich wünschte, ich könnte leise mit ihnen reden, oder sie anschreien. aber das geht nicht, der verstand muss behalten und der anschein geistiger gesundheit aufrechterhalten werden, auch wenn man so allein ist, dass man nicht gesehen oder gehört wird, so dass es kein problem wäre, die nase mit dem finger zu reinigen, ohne dafür aus der feinen gesellschaft verstoßen zu werden. der rotwein schmeckt gut, so gut, wie er immer nur schmeckt, wenn man ihn allein trinkt. es ist mir vollkommen egal, ob ich mein bestes weißes hemd damit verunstalte. ich lese weiter. worte, die man lang nicht mehr gehört hat, finden den weg durch den sehnerv ins bewusstsein. gehört trifft es nicht, denke ich, auch gesehen. ihre worte. nein, heute ist sie nicht mehr „sie“, längst nicht mehr. aber damals war sie „sie“. the woman. dieser satzbau. die fragwürdig eingesetzten ständigen zwinkersmilies. wieso habe ich mir das nur angetan? hätte ich das elend nicht an ihren wörtern („fotofieren“ ist noch harmlos!)… nein, so war es nicht. es war ok, damals, ich wollte sie, und sie wollte mich. es fühlte sich gut an. manchmal ist leben einfach. sie fühlte sich gut an. die motive sind im nachhinein ganz egal, insbesondere dann, wenn das/die ergebnis(se) festeht/en. und zudem ändern sich die motive nicht. jedenfalls nicht allzu sehr.

dennoch. dieser austausch, ein festgehaltener alltag. romantik? bitte. jedenfalls nicht in ihrer sprache, jedenfalls nicht in diesen aufzeichnungen. aber doch zuneigung und auch etwas feingefühl, sogar ein wenig mehr als unbedingt notwendig. für die statistiker ergibt sich folgendes: in der frühphase fast ein übermaß an kommunikation. dann weniger.

{Kein Betreff}
Hallo Du!
Wollte nur mal schnell ’ne Nachricht schicken, weil ich das schon so lange nicht mehr gemacht hab.

dann noch weniger. fast nichts mehr. und immer weniger schriftzeichen pro nachricht. ein durchgehendes piepen. dann: stille.

*

aber so ist es nicht, das sterben der schriftlichen kommunikation ist „normal“. man telefoniert mehr, da man nicht mehr umhinkommt, die zuerst jedes mal ein wenig seltsame telefonstimme des anderen hören zu wollen. man sieht sich, so oft es irgendwie geht. man verbringt viel zeit (im bett) miteinander. man unternimmt sachen zusammen. man muss nicht mehr dauernd schreiben; nicht mehr sorgsam worte wählen, mögliche missverständnisse so gut es geht umsegeln, oder sie, falls doch mal wieder ein satz unterwegs in eine verständnishavarie geraten ist, die opfer bergen und den angehörigen das bedauern aussprechen. der vielen worte sind genug gefallen, es folgen taten. und nachrichten mit anderen freunden. bis dann die missverständnisse wieder auftreten. aber diese sind nicht an dieser stelle archiviert, sie entstehen, obwohl man, das gesicht des anderen im blick, miteinander spricht. am schlimmsten sind die gedanken, für die man keine worte findet.

*

i miss her.

der satz, der nicht sein darf. dann, wenn es vorbei ist. denn es wird passieren, wie sehr man die andere person auch vorher geringgeschätzt hat, sie wird einem fehlen, wenn das porzellan zerschlagen und das/die band getrennt ist.

damals, das ist interessant, habe ich versucht, dass ganze schriftlich aufzuarbeiten. es existieren noch ein paar digitale zeugen in den tiefen einer alten festplatte. grausames zeug. in späteren, ähnlichen situationen habe ich davon mehr und mehr abgesehen; weniger worte. man weiß ja, was man auch damals schon wusste: der schmerz wird gehen. aber ich finde diese erinnerungen dennoch nicht lächerlich. damals-ich trauerte um die guten zeiten, fand 90cm bett zu breit für einen allein. nicht falsch. aber weniger theatralik hätte durchaus ausgereicht. das leben soll doch keine telenovela sein.

*

schlimmer als die theatralik ist nur, wie lange die phase sexueller dürre (hier nicht figürlich) danach dauert. weibliche menschen, an denen ich kein interesse habe. denen ich schreibe, dass ich „gerade e17 kompiliere“. frauen dieser welt: wenn es sich nicht gerade um einen e17-entwickler handelt (das kann man im internet ohne allzu starke superkräfte herausfinden), dann heißt das „danke, aber nein danke.“ im sinne von „ich bin noch verletzt, und möchte (vielleicht nicht nur deswegen) niemanden wehtun.“

*

und was bleibt, wenn man mit mehreren jahren kommunikation durch ist? eine mischung aus selbstekel, dem wunsch nach (abwechselnd) mehr oder weniger eigener idiotie, eine erinnerung an narben, die man kaum noch sieht, an nette menschen (die nettesten vergisst man immer zuerst), alkohol, spaß und einen tischkicker. an sehnsüchte und vorlieben, die sich in der zwischenzeit geändert haben können, teilweise aber auch geblieben sind. an kontakte, bei denen man weiß, dass man es kaum noch schaffen würde, diese menschen wieder zu kontaktieren. und es dann doch nicht nur deswegen lässt. erinnerungen an andere, denen man zwar immer noch schreiben könnte, aber davon dankbar absieht. und all die anderen, bei denen man sich fragt, ob diese mittlerweile in deutlich anderen lebenssituationen sind, als man selbst.

und im stillen hofft man nur: „falls ihr an mich zurückdenkt, denkt bitte auch an die guten momente.“

*

ich stehe auf, um das fenster zu öffnen. es ist nacht, die laute straße liegt still und verlassen dar. ich schütte das letzte glas rotwein auf den rasen. es ist zu sauer, um es zu trinken.

[ohne titel]

seit frühester kindheit besteht mein leben daraus, menschen zu beobachten. das ist so weit ganz normal, nehme ich an, auch wenn ich das natürlich nicht abschließend beurteilen kann, denn über das beobachten rede ich nur höchst selten mit anderen menschen. gespräche über das beobachten und das was man daraus zieht kann ich nur in meiner phantasie führen, jedenfalls wenn es offensichtlich um das „beobachten“ als solches gehen soll. natürlich unterhält man sich über die resultate von beobachtungen, man gibt einschätzungen von sich, die gelegentlich wertschätzungen darstellen.
Weiterlesen