Archiv der Kategorie: innere befindlichkeit

abschied?


Die Welt, in der ich lebe, wird derzeit täglich von irgendwelchen kleinen Beben erschüttert. Ich befürchte gelegentlich, dass Teile von ihr ganz zusammenbrechen. Es sind so viele Wendepunkte dicht voraus, wir fahren Achterbahn. Wir fahren Achterbahn, und zu all dem Gekotze und Gekreische in den Reihen vor und hinter uns stellt sich noch die Frage, ob wir in der nächsten Runde auch noch nebeneinandersitzen werden, ob uns wieder ein gemeinsamer Bügel vor dem schlimmsten Bewahren wird, ob wir weiter in der Not unsere Hand in die warme Hand des Anderen legen können.

Das letzte Mal, als ich in einer vergleichbaren Situation war, habe ich schließlich den Großen Sartre um Hilfe gebeten und dabei dummerweise zu „Der Ekel“ gegriffen. Jetzt steht kein Sartre in unserem Regal, Sartre ist 6 Zugstunden entfernt (oder wäre im Notfall binnen Sekunden auf dem elektronischem Buch). Aber ich will nicht noch mal Sartre fragen, denn die Entscheidung damals war nicht nur übereilt, sondern auch zu schmerzhaft. Ich greife also blind in das Regal, öffne die Augen und stöhne auf; es ist die Reclamausgabe von Kafkas Erzählungen, die sich in meiner Hand befindet, es ist ausgerechnet Kafka für den ich W. G. Sebalds „Schwindel. Gefühle.“ beiseite legen muss.

Immerhin weiß ich jetzt, wohin ich will, denke ich, während ich mich darum drücke, das Büchlein endlich irgendwo aufzuschlagen: Ich will schreiben, und mein Geld damit verdienen, Halbfertigschreiberzeugnisse anderer dabei zu begleiten, verkaufsfertig zu werden. Das wollen leider auch viele Andere, was die Sache nicht leichter macht, aber eben auch nicht unmöglich. Aber das wo und das wann und das wie bleiben ungeklärt, Öl ins Feuer kleiner, eskalierender Streitigkeiten zwischen zwei Menschen, die das Gefühl haben, im Zweifelsfall eher zuwenig als zuviel Glück zu haben und die ein wenig geradliniger Lebenslauf eint.

Ich schlage die „Erzählungen“ auf und lese „Prometheus“, nur ein paar Zeilen lang. Das Wort müde bleibt hängen, es ist morgen, es passt zu dem, was ich empfinde, ich bin ein wenig müde, vielleicht sogar ein wenig beziehungsmüde.

*

Die Welt dreht sich weiter, nur ich stecke fest. Dieses Gefühl beschleicht mich, wann immer ich mir wieder zu viel vorgenommen habe. Die Beziehungsmüdigkeit ist wieder verflogen, die andere, körperliche Müdigkeit dagegen nicht, sie wird von Tag zu Tag, von Morgen zu Morgen, von Nachmittag zu Nachmittag schlimmer, weil sie Abends, sobald die Sonne sich am Horizont verabschiedet hat, plötzlich verschwunden ist.

Ich muss lesen, ich muss schreiben, ich muss mich selbst für Bewerbungen neu erfinden. Ich muss essen, ich muss trinken, ich muss hierhin, ich muss dorthin. Ich muss schlafen.

Und von diesem Blog muss ich weg. Die Versuchsanordnung funktioniert nicht mehr.

Dies ist der letzte Post an dieser Stelle. Im Verborgenen wird es weiter gehen.

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ungenaues „ja, genau“

„Ja, dann können sich Einzelkaufleute auch kein weiteres Fremdkapital beschaffen… Ja, genau.“

in meinen händen verbiegt sich der kugelschreiber. welch glück, dass dieser aus einer metallfeder besteht, sonst würde ich diesen süßen vortrag stören, dessen fehler anscheinend niemand hört. ich beobachte die vortragende, zugleich den lehrer, und sehe kein minenspiel bei letzterem, welches einen fehlererkennungsmechanismus verrät. mein eigenes gesicht – da derzeit nicht eingefroren – muss kurzfristig den ausdruck größten zweifels aufgewiesen haben, ein zucken, einen anfall oder etwas derartiges, vermutlich ein ähnlicher ausdruck, wie der, der sich zeigt, bevor ich mich übergebe.

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insomnia wasweißichnichtwieviel

es ist nacht und – natürlich – schlafe ich nicht, bin noch nicht in die kissen gesunken, sehe mir noch nicht an, ob die obskuren welten der träume auch diese nacht interessante oder bewegende schlafunterhaltung für mich zu bieten haben. nein, ich bin wach, sitze am pc und starre löcher in den bildschirm. meine füße sind schon halb erfroren, aber ich muss den morgigen tag noch planen – und das ist nicht einfach, das war niemals einfach, das wird mir wohl niemals leicht fallen.
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geh nicht in bars, wenn du tot bist

vor jahren, als ich noch fleißiger musik hörte, amüsierte ich mich köstlich über die liedtexte der deutschen band „die ärzte“. in einem ihrer lieder heißt es: „wenn in der hölle kein platz mehr ist […] kommen die toten auf die erde zurück“, eine (wie ich damals noch nicht bemerkte) hommage an den werbe- und horrorfilmemacher george a. romero, die mich einfach nur köstlich amüsierte.

seit gestern aber, und darüber will ich, nein, muss ich hier schreiben – auch wenn der horrorfilm als eskapistische weltdarstellung ein interessantes thema wäre – frage ich mich, ob das wirklich so witzig ist. seit letzter nacht, in der ich schweißgebadet erwachte, ohne dass mir etwas im traum zugestoßen wäre – es war einer dieser geisterträume, in denen ich ohne erkennbare physische existenz andere menschen beobachte – kann ich mir vorstellen, dass es eine schlimmere hölle sein kann, wieder auf die erde zurückgeschickt zu werden. Weiterlesen

ich

mein eskapismus hat mich weit getrieben, ich lebe niemals dort, wo ich mich aufhalte, ich frage mich fast, ob ich das jemals getan habe und kann die frage immer erst beantworten, wenn mir eingefallen ist, dass ich die glücklichen phasen meines lebens, in denen das nicht so war, erfolgreich verdrängt habe. ich träume von telefonaten mit menschen, die ich jahre nicht gesehen habe und die ich damals nicht mochte und drücke nicht immer den rufannahmeknopf wenn die gegenwart anruft. ich denke über kochen nach, aber mache höchstens mal nudeln. ich plane, bilder zu malen und bemale nur gelegentlich mal telefonzettel mit einem kugelschreiber.
ich hoffe, nicht zu scheitern, aber mache kaum etwas, das ein scheitern verhindern könnte.
jedes zweite mal, wenn ich alkohol getrunken habe, fährt mir am nächsten morgen der gedanke durchs katzenjammernde hirn, doch nie wieder alkohol zu trinken. ich nehme mir vor, kontakt zu halten, schreibe tatsächlich ein paar sätze, die mir dann aber nicht gefallen, so dass ich sie nicht abschicke, bis ich vergessen habe, dass ich sie jemals schrieb – anrufen kann ich nicht, weil ich niemanden stören möchte, und ich (gefühlt) immer nur dann angerufen werde, wenn es mich gerade nervt. ich nehme mir vor, ehrlich meine „notizen über den tag“ zu schreiben, aber wenn ich dann über das „ehrlich“ nachdenke, schreibe ich lieber gar nichts. ich überlege, eine geschichte zu schreiben, in der ein samenspender zufällig eine frau kennenlernt, die, wie sich dann herausstellt, sein kind hat – eine geschichte, so kitschig und witzig, dass es ein til schweiger-film sein könnte – schreibe aber nur die idee in stichworten auf und arbeite danach an einem weiteren „szene“ text, der widerum nicht zu den vorhergehenden passt. Weiterlesen

zombies, regime und amnesie

ich werde wach und wünsche mir, nicht wach geworden zu sein. die sonne ist nicht zu sehen, mein fenster geht nach westen, aber es vollkommen klar, dass sie nicht mehr lange gebraucht hätte bis zu mir. mein kopf schmerzt nicht, es könnte alles in ordnung sein, es war ja auch nur ein mittagsschlaf, der schreibtisch ist eine weiße, unebene fläche mit gekrakelvegetation – und doch: ich wäre lieber nicht wach.

ich stelle mir vor, einer dieser albernen endzeit-zombie-filme wäre wirklichkeit geworden. ich wäre einer der wenigen überlebenden, einer derjenigen, die sich, sobald die sonne hinterm horizont verschwindet, verstecken müssen, da die fleischgewordnen geister der finsternis sie sonst zu ihrer finsteren religion bekehren wollen. in dieser situation, in der die frage des warum zunächst eine entsetzliche energieverschwendung ist, da es vielmehr um das wo und das wie des überlebens geht, darum die eigene existenz um ein paar karge minuten, stunden, tage (aber weiter darfst du dann auch nicht denken) zu verlängern, wo es nur um das überdauern geht, welches vermutlich ohnehin sinnlos ist, da die welt, in der man aufwuchs für immer verloren ist an eine andere welt, in der in jedweder dunkelheit die bestien rebellieren, wird sie sich dennoch manchmal stellen, diese frage nach dem warum, die einen dann in eine entsetzliche hoffnungslosigkeit teleportiert.
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träumen bleianzüge twitter geschichten

wenn du aufwachst, weißt du nur selten noch, was du geträumt hast. mal ist es verworren, mal absurd, mal durchaus realitätsnah und lässt dich hoffen, dass es so (nicht) kommt. aber es gibt auch die anderen morgen, an denen du dich darin erinnerst, wie du leute verprügelt hast, weil sie dir dein portemonnaie abziehen wollten, richtig horrorshow, mit blut und zahnverlust. oder wenn du dich nur daran erinnerst, coke zero getrunken zu haben, die dir wie im realen leben bei den ersten schlücken einigermaßen geschmeckt hat – aber bei den letzten überhaupt gar nicht mehr. Weiterlesen