Archiv der Kategorie: hauptsachen

frank und mitschuld

man stelle sich vor, dass frank nicht gestorben wäre. er wäre nun älter, gesetzter, fetter, faltiger (besonders um die augen), mit rückgängigem haupthaar und einer mageren bürgerlichen existenz gesegnet. diese stellt ihn nicht nur als ehemaligen „möchtegern-antibürgerlichen“ vor existenzbewertungsschwierigkeiten, sondern ist auch sonst mit problemen behaftet.

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bruder

bruder, was tust du? bruder,
hältst du das für richtig, ehrlich?
hör auf damit, bester bruder,
glaub mir das ist sehr gefährlich!

doch bruder, der mehr als bro
auf Jagd nach einem ideal
verstopft das ohr mit kau-
gummi mithilfe eines lineals

die mutter spricht: iss doch
der bruder schreit: nein, nicht das
die mutter, seufzend „och“
bruder frisst nur seinen fraß

der bruder läuft, der bruder übt
der bruder trainiert, er aufbaut
muskeln. das ich, einmal nicht lügt:
wenn nicht aufhört, ich draufhaut!

bruder in schule: schreibt mies wie nie
mutter sehr besorgt, ruft ich an
fährt norderney mit papa-zombie
ich hört zu, verzweifelt dran

oktober/november oder theorien, praktiken und ohnmacht

oktober/november oder: theorien, praktiken und ohnmacht

ich weiß nicht, was ich denken soll. ich weiß nicht, was ich sagen soll. ich bin ruhig oder auch nicht. ich bin müde, aber mir fehlt die ruhe zum schlafen.

*

derweil machen sich andere menschen, mit denen ich verwandt bin, sorgen um einen menschen, der ebenfalls von ihnen abstammt. ich fahre hin, sobald ich es einrichten kann, trotz bahnstreik mit einhergehender medienpanikmache und vor allem medienhetze. nein, es darf nicht sein, dass lokführer mehr verdienen wollen als ~3000 euro, mit denen sie maximal nach drölfzehntausend betriebsjahren entlohnt werden – denn wenn sie anfangen, kriegen sie mal gerade 1750 brutto für vollzeit. da „verdiene“ ich mehr als talentloser teilzeitspacko. aber gut, vielleicht kriegen die berufsmäßigen (hetz-) schriftstückverfasser selbst noch weniger. wer weiß. aber darum geht es ja nicht, ich schweife ab, entschuldigung! jedenfalls, so die these, sei jener mensch, um den sich andere menschen sorgen, mit denen ich allen eng verwandt bin, beängstigend dünn. und ja, das stimmt; er erfüllt die definition von untergewicht. ich habe das auch mal getan, mittlerweile bin ich aber auf dem weg zum übergewicht meiner biologischen wurzeln. yeah. oder eher: F***. Weiterlesen

s*****z

back in the day, when we where young and foolish

damals, als wir noch nicht in jeder minute im bus/auf dem rad/zu fuß in die damals noch nicht so guten displays der „mobilen endgeräte“ verguckt waren, als wir noch vor unseren computern saßen, die immerhin schon klappbar und tragbar im sinne von „mitschleppbar ohne automatisch folgende rückenprobleme“ waren, schrieben wir an digitalen orten, die heute längst tot sind, oder in einem zombie-stand verweilen, sodass man sich fragt, ob man die daten da nicht mal herauskopieren sollte. ich entscheide mich dazu.

jetzt sitze ich allein zuhause und sehe mir die alten nachrichten an. es ist eine gute beschäftigung. damals konnte man noch ernstlich offline sein, für ein paar stunden, oder sogar ein paar tage. ich weiß nicht, ob das heute noch geht; und denke lieber darüber nach, warum ich solche probleme hatte, über diese oder jene person hinwegzukommen. wie sie schreibt… aber dann lese ich meine antworten und weiß, dass ich damals wohl ein anderer war. hoffnungsvoller, jünger, leichter – aber zugleich auch düsterer und more desperate. ich lese und bin nicht mehr alleine. ich reise durch die zeit, bin in einem raum mit denen, denen ich damals schrieb und mir selbst als nebeliger gestalt, die ich nicht mehr kenne, da ich stets versucht habe, vergangenheit vergangenheit zu machen. oder gar nicht existent.

*

when you just called a suicide hotline and feel disappointed that they won’t help you with the „how“ but only try to talk you back into life

da sind sie, die gestalten der damals-menschen. die der geschätzten, der heimlich geliebten – aber auch die der anderen. ich wünschte, ich könnte leise mit ihnen reden, oder sie anschreien. aber das geht nicht, der verstand muss behalten und der anschein geistiger gesundheit aufrechterhalten werden, auch wenn man so allein ist, dass man nicht gesehen oder gehört wird, so dass es kein problem wäre, die nase mit dem finger zu reinigen, ohne dafür aus der feinen gesellschaft verstoßen zu werden. der rotwein schmeckt gut, so gut, wie er immer nur schmeckt, wenn man ihn allein trinkt. es ist mir vollkommen egal, ob ich mein bestes weißes hemd damit verunstalte. ich lese weiter. worte, die man lang nicht mehr gehört hat, finden den weg durch den sehnerv ins bewusstsein. gehört trifft es nicht, denke ich, auch gesehen. ihre worte. nein, heute ist sie nicht mehr „sie“, längst nicht mehr. aber damals war sie „sie“. the woman. dieser satzbau. die fragwürdig eingesetzten ständigen zwinkersmilies. wieso habe ich mir das nur angetan? hätte ich das elend nicht an ihren wörtern („fotofieren“ ist noch harmlos!)… nein, so war es nicht. es war ok, damals, ich wollte sie, und sie wollte mich. es fühlte sich gut an. manchmal ist leben einfach. sie fühlte sich gut an. die motive sind im nachhinein ganz egal, insbesondere dann, wenn das/die ergebnis(se) festeht/en. und zudem ändern sich die motive nicht. jedenfalls nicht allzu sehr.

dennoch. dieser austausch, ein festgehaltener alltag. romantik? bitte. jedenfalls nicht in ihrer sprache, jedenfalls nicht in diesen aufzeichnungen. aber doch zuneigung und auch etwas feingefühl, sogar ein wenig mehr als unbedingt notwendig. für die statistiker ergibt sich folgendes: in der frühphase fast ein übermaß an kommunikation. dann weniger.

{Kein Betreff}
Hallo Du!
Wollte nur mal schnell ’ne Nachricht schicken, weil ich das schon so lange nicht mehr gemacht hab.

dann noch weniger. fast nichts mehr. und immer weniger schriftzeichen pro nachricht. ein durchgehendes piepen. dann: stille.

*

aber so ist es nicht, das sterben der schriftlichen kommunikation ist „normal“. man telefoniert mehr, da man nicht mehr umhinkommt, die zuerst jedes mal ein wenig seltsame telefonstimme des anderen hören zu wollen. man sieht sich, so oft es irgendwie geht. man verbringt viel zeit (im bett) miteinander. man unternimmt sachen zusammen. man muss nicht mehr dauernd schreiben; nicht mehr sorgsam worte wählen, mögliche missverständnisse so gut es geht umsegeln, oder sie, falls doch mal wieder ein satz unterwegs in eine verständnishavarie geraten ist, die opfer bergen und den angehörigen das bedauern aussprechen. der vielen worte sind genug gefallen, es folgen taten. und nachrichten mit anderen freunden. bis dann die missverständnisse wieder auftreten. aber diese sind nicht an dieser stelle archiviert, sie entstehen, obwohl man, das gesicht des anderen im blick, miteinander spricht. am schlimmsten sind die gedanken, für die man keine worte findet.

*

i miss her.

der satz, der nicht sein darf. dann, wenn es vorbei ist. denn es wird passieren, wie sehr man die andere person auch vorher geringgeschätzt hat, sie wird einem fehlen, wenn das porzellan zerschlagen und das/die band getrennt ist.

damals, das ist interessant, habe ich versucht, dass ganze schriftlich aufzuarbeiten. es existieren noch ein paar digitale zeugen in den tiefen einer alten festplatte. grausames zeug. in späteren, ähnlichen situationen habe ich davon mehr und mehr abgesehen; weniger worte. man weiß ja, was man auch damals schon wusste: der schmerz wird gehen. aber ich finde diese erinnerungen dennoch nicht lächerlich. damals-ich trauerte um die guten zeiten, fand 90cm bett zu breit für einen allein. nicht falsch. aber weniger theatralik hätte durchaus ausgereicht. das leben soll doch keine telenovela sein.

*

schlimmer als die theatralik ist nur, wie lange die phase sexueller dürre (hier nicht figürlich) danach dauert. weibliche menschen, an denen ich kein interesse habe. denen ich schreibe, dass ich „gerade e17 kompiliere“. frauen dieser welt: wenn es sich nicht gerade um einen e17-entwickler handelt (das kann man im internet ohne allzu starke superkräfte herausfinden), dann heißt das „danke, aber nein danke.“ im sinne von „ich bin noch verletzt, und möchte (vielleicht nicht nur deswegen) niemanden wehtun.“

*

und was bleibt, wenn man mit mehreren jahren kommunikation durch ist? eine mischung aus selbstekel, dem wunsch nach (abwechselnd) mehr oder weniger eigener idiotie, eine erinnerung an narben, die man kaum noch sieht, an nette menschen (die nettesten vergisst man immer zuerst), alkohol, spaß und einen tischkicker. an sehnsüchte und vorlieben, die sich in der zwischenzeit geändert haben können, teilweise aber auch geblieben sind. an kontakte, bei denen man weiß, dass man es kaum noch schaffen würde, diese menschen wieder zu kontaktieren. und es dann doch nicht nur deswegen lässt. erinnerungen an andere, denen man zwar immer noch schreiben könnte, aber davon dankbar absieht. und all die anderen, bei denen man sich fragt, ob diese mittlerweile in deutlich anderen lebenssituationen sind, als man selbst.

und im stillen hofft man nur: „falls ihr an mich zurückdenkt, denkt bitte auch an die guten momente.“

*

ich stehe auf, um das fenster zu öffnen. es ist nacht, die laute straße liegt still und verlassen dar. ich schütte das letzte glas rotwein auf den rasen. es ist zu sauer, um es zu trinken.

untitled (Nr. 2346784)

„I am a human being, and I am made of glass“ sagt sie und grinst nicht mal mehr. nein, dass sei kein teil einer bühnenperformance, das sei realität. ich muss wohl zweifelnd geschaut haben, auch in anbetracht ihrer abgekämpftheit. als wir uns vor zwei jahren sahen, wirkte sie so, als sei ihr leben von einer woge unbedachter leichtigkeit erfasst worden, als sei sie in den (ebenfalls) zwei jahren zuvor nur von einem kronleuchterverhangenem ballsaal in den nächsten geschwemmt worden, in einer warmen sauce aus champagner, lachs, parfum und vereinzelter abgelenkter abendgaderobe.

die veränderung wird noch härter dadurch, dass das leben irgendwann allen zusetzt. und wenn man sich dann noch gegen make up entscheidet – sie ist wirklich aus glas, sofern glas fältchen um die augen haben kann, lachfältchen auch, aber diese in grotesken winkeln von tieferen denk- und sorgenfalten durchzogen. es ist nicht so, als sei dieses leben leicht, aber ich habe, und dessen schäme ich mich jetzt, genau den weg gewählt, den ich ihr, als wie uns das letzte mal sahen, vorwarf. man schwimmt soviel leichter, wenn man einfach mit dem strom treibt, immer stetig abwärts, mit all dem anderen auf das verseuchte und überfüllte meer der toten und des plastiks zu.

„ich habe schon längst keine fragen mehr“, sage ich, „alle themen scheinen durchgespielt; antworten jedoch kann ich noch weniger bieten.“ ich versuche, geistreich zu schauen, wissend aus unzähligen spiegelexperimenten, dass ich so noch ein wenig dämlicher aussehe, wenn man mich aus ihrem winkel betrachtet.

*

wenn die frage aber ist, was denn schlimmer ist, diese ausweglosigkeit, für die der begriff „ohnmacht“ nicht annähernd weit genug reicht, oder wenn man in den morgenstunden am tag nach dem persönlichen jahrestag geschlagen wird von einer wütenden person, die sich oder die welt noch niemals annähernd verstanden hat, und dabei noch nicht mal dieses weiß, mit der man aber dennoch eine wohnung teilt; dann ist in der situation der fall klar. und wenn man erwacht, müde, angeschlagen, denkend „ich hätte diesen einen schnaps nicht trinken sollen“, ist es immer noch klar. wochen später hingegen, wenn der alltag das traurige ereignis längst wieder in einen bereich verschoben hat, der ferner liegt als der epos von gilgamesch, dann ist da kein mitleid, keine wut, keine furcht sondern nur ein argloses schulterzucken.

*

„ich hätte diesen einen schnaps nicht trinken sollen.“ man denkt es, schreibt es und weiß, dass es tatsächlich nur einer war. und man denkt: „verdammt, ich bin alt.“ du kannst dich endlich völlig selbst über wasser halten. du hast einen job, schon über einen monat, fest. und du denkst weiter „ich muss mich auch selbst über wasser halten, denn an diesem ort habe ich niemanden.“ was nicht völlig richtig ist, es gibt anzeichen, dass du doch die person haben könntest, die dich schlägt. aber das ist nichts, was auch nur zu erwägen wäre; du hast immer noch ein paar essentielle prinzipien. diese reichen bei weitem nicht so weit, wie die ganzen grundsätze, die du mit 18 ostentativ vor dir hertrugest, weil du glaubtest: „es ist eine pflicht, grundsätze zu haben. es ist ein muss, es führt keinerlei weg daran vorbei; denn ohne grundsätze…“ – 10 jahre später denkst du nur: bla, bla, bla – langweile mich nicht so, ehemaliges ich. aber immerhin, gewisse prinzipien hast du noch, du ziehst einsamkeit gewalt eindeutig vor. und während du das denkst, erodieren deine alten freundschaften immer mehr.

*

du hörst ein altes lied und denkst: das ist ja ein lied von jemandem, den ich kenne. nur um dich zu korrigieren: präteritum: „kannte!“
wenn du menschen nicht anschreibst, so machst du das nur, weil du angst hast, dass sie nicht mehr antworten; egal, wie sehr du versuchst dir einzureden, es sei nur, weil du nicht stören willst. let’s face it, eine e-mail stört nicht wirklich. und auch das ist falsche grammatik, es gibt längst kaum noch ein „uns“ dass diese bezeichnung verdient.

*

sie grinst und sagt nur: „you stopped feeding malcolm. he died in his cage.“ alles was ich antworten kann: „oh, you dear, oh glass, i am so undescribably sorry, i have run out of metaphors long ago.“ „it’s alright, it wasn’t your fault.“

p and his cities

p. (was kurz für polonius steht) geht durch die toten straßen der isarmetropole. hin und wieder hält er inne, herrschaftliche architektur betrachtend, die von einer (glücklicherweise längst vergangenen) kulturellen blüte berichten.

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wenn man schweigt und den allgegenwärtigen geräuschpegel dieser eigentlich leisen großstadt verdrängt, kann man die geschichten hören, die all diese steinernen zeitzeugen zu erzählen haben. es sind geschichten von fackelmärschen, vom klirren von schaufensterscheiben, von der beladung von viehwagen mit menschen, von einer frenetischem liebe zum abgrundtief bösen. aber was man nicht sieht, interessiert nicht in dieser stadt; man sieht hier keinen wohnungsmangel, vielleicht einen büroüberschuss, man sieht stuck und ornamentik, aber nicht das, was geschah und geschieht in dieser hölle der gemütlichkeit.

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im HB grunzen täglich die holz- und blechbläser, während die auf holz sitzenden menschen zu ihren allzu schweren humpigen biergläsern blech reden. ein prosit der gemütlichkeit, so they sing. warm und grau sind die gesichter, und es geschah nicht von ungefähr, dass ein gewisser brüderle ausgerechnet vom ausfüllen von dirndln sprach; ein schöner schein, endlos strahlend, auf das niemand die hässlichen fratzen sehe, die sich nur so selten zeigen, seitdem die gotik überwunden ist, die ein paar dieser als anschauungsobjekte an nôtre dame de paris hinterlassen hat.

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immerhin, es naht hoffnung. beim strauchelnden traditionshaus s. aus b. (ehemals f/m) erscheint diesen herbst ein werk, welches den herbst des planeten als eine realität beschreibt, die in stein gemeißelt ist, wie die inschriften im alten rom, die auch nach tausendjährigem verfall immer noch ihre botschaften zur entzifferung dahingeben. nein, there is no effing hope. even the rich are doomed. less than the rest of „us“, though.

*

polonius denkt: es braucht auch keine hoffnung. ein zyniker wie ich hat diese noch nie benötigt; ein sarkastiker kann sich auch an den gruseligsten der sog. nachrichten erfreuen und belustigen. und dann gilt, weiterhin, dass er immer auf den füßen landen wird. das wahre glück sei ihm vergönnt, aber er soll sich stets so fühlen können, dass sich kein ernstzunehmender grund bietet, die eigene sinnlose existenz auch nur einen tag vor ihrem natürlichen ende aufzugeben.

*

und h., die irgendwann mal glanzvolle stadt am elbestrand, wohin es ihn irgendwie zieht? „ist mindestens genauso verlogen und korrupt. es wäre ja auch furchtbar, wenn irgendwo alles in ordnung wäre. worüber könnte man dann noch klagen?“, denkt p., grinst und verlässt langsam schreitend die bretter, die gewiss nicht die welt bedeuten.

abschied?


Die Welt, in der ich lebe, wird derzeit täglich von irgendwelchen kleinen Beben erschüttert. Ich befürchte gelegentlich, dass Teile von ihr ganz zusammenbrechen. Es sind so viele Wendepunkte dicht voraus, wir fahren Achterbahn. Wir fahren Achterbahn, und zu all dem Gekotze und Gekreische in den Reihen vor und hinter uns stellt sich noch die Frage, ob wir in der nächsten Runde auch noch nebeneinandersitzen werden, ob uns wieder ein gemeinsamer Bügel vor dem schlimmsten Bewahren wird, ob wir weiter in der Not unsere Hand in die warme Hand des Anderen legen können.

Das letzte Mal, als ich in einer vergleichbaren Situation war, habe ich schließlich den Großen Sartre um Hilfe gebeten und dabei dummerweise zu „Der Ekel“ gegriffen. Jetzt steht kein Sartre in unserem Regal, Sartre ist 6 Zugstunden entfernt (oder wäre im Notfall binnen Sekunden auf dem elektronischem Buch). Aber ich will nicht noch mal Sartre fragen, denn die Entscheidung damals war nicht nur übereilt, sondern auch zu schmerzhaft. Ich greife also blind in das Regal, öffne die Augen und stöhne auf; es ist die Reclamausgabe von Kafkas Erzählungen, die sich in meiner Hand befindet, es ist ausgerechnet Kafka für den ich W. G. Sebalds „Schwindel. Gefühle.“ beiseite legen muss.

Immerhin weiß ich jetzt, wohin ich will, denke ich, während ich mich darum drücke, das Büchlein endlich irgendwo aufzuschlagen: Ich will schreiben, und mein Geld damit verdienen, Halbfertigschreiberzeugnisse anderer dabei zu begleiten, verkaufsfertig zu werden. Das wollen leider auch viele Andere, was die Sache nicht leichter macht, aber eben auch nicht unmöglich. Aber das wo und das wann und das wie bleiben ungeklärt, Öl ins Feuer kleiner, eskalierender Streitigkeiten zwischen zwei Menschen, die das Gefühl haben, im Zweifelsfall eher zuwenig als zuviel Glück zu haben und die ein wenig geradliniger Lebenslauf eint.

Ich schlage die „Erzählungen“ auf und lese „Prometheus“, nur ein paar Zeilen lang. Das Wort müde bleibt hängen, es ist morgen, es passt zu dem, was ich empfinde, ich bin ein wenig müde, vielleicht sogar ein wenig beziehungsmüde.

*

Die Welt dreht sich weiter, nur ich stecke fest. Dieses Gefühl beschleicht mich, wann immer ich mir wieder zu viel vorgenommen habe. Die Beziehungsmüdigkeit ist wieder verflogen, die andere, körperliche Müdigkeit dagegen nicht, sie wird von Tag zu Tag, von Morgen zu Morgen, von Nachmittag zu Nachmittag schlimmer, weil sie Abends, sobald die Sonne sich am Horizont verabschiedet hat, plötzlich verschwunden ist.

Ich muss lesen, ich muss schreiben, ich muss mich selbst für Bewerbungen neu erfinden. Ich muss essen, ich muss trinken, ich muss hierhin, ich muss dorthin. Ich muss schlafen.

Und von diesem Blog muss ich weg. Die Versuchsanordnung funktioniert nicht mehr.

Dies ist der letzte Post an dieser Stelle. Im Verborgenen wird es weiter gehen.