Archiv der Kategorie: außenwelt

jahresanfangsüberschwangsmüdigkeit

ich wünschte, ich hätte eine redakteurin und eine direktorin für continuity. dann wären meine texte nicht nur fehlerärmer, man frägte mich nicht nur, ob ein sprachliches bild absichtlich so schief sei, sondern ich könnte nach einem kurzen telefonat wieder einen text über vergangene figuren schreiben, etwa herrn d.

in der letzten nacht, in der ich plötzlich mit trockener kehle erwachte, aufstand, eine idee zur reformierung des krankenkassensystems in mein handy daumte, musste ich, bevor ich dann endlich schlafen konnte, über herrn d. nachdenken. wie würde herr d. das alles sehen, diese realität mit allmächtigen geheimdiensten, cryptokalypsen, ist-peggy-da und dem ganzen sonstigem rotz?

aber ich kann das nicht tun. wenn ich beginne, einen alten text zu lesen, dann muss ich erstmal zum virtuellen rotstift greifen. dies ist falsch, das ist schief und wenn ich diesen satz hier ändere, dann muss der ganze absatz überdacht werden, und zwar nicht mit wellblech. es ist wohl eine berufskrankheit, diese nicht-akzeptanz des eigenen vor-sich-hin-stolperns-und-stümperns.

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dafür kann ich eine menge tun, in bereichen, mit denen ich eigentlich nichts zu tun habe. ich habe heute einen vermurksten autoradio-einbau korrigiert. ich habe begonnen, mich wieder mit lustigem webprogrammierungskram zu befassen. ich muss das tun, denn ich kann gerade noch nicht wieder voll in diese pseudowissenschaft einsteigen, diese verideologisierte murkskacke, die ich seit 2nd half Q3 2006 betreibe und die so mies ist, dass sie nicht geschafft hat, mich in diesem langen zeitraum vollkommen zu zerstören. und nichtstun, das geht auch nicht. es ist 2020 – 5, und das ist ein ungerades jahr, und in ungeraden jahren habe ich deutlich mehr energie denen, bei denen bei der division durch 2 teilen kein modulo bleibt.

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ich stelle mir vor, ich wäre max frisch und schriebe „mein name sei gantenbein“, aber anders, in der wendezeit, und gantenbein ist nicht gantenbein, der beschließt, ein sehender blinder zu werden, sondern gantenbein ist dr. a. merkel, geb. kassner, und tut so, als würde sie sich für politik interessieren. aber ich kann nicht, trotz aller vorsätze. „p., schreib dieses jahr jeden tag.“ ja. aber diesen „gantenbein“ zu schreiben, mit aller hintergrundrecherche, mit allem storybuilding, das habe ich nicht in mir. mir fehlt es am biss, an der kontinuität. spätestens in vier tagen hätte ich eine idee, die mir noch vielversprechender und vor allem dringender erscheinen würde. ich weiß es, so war es immer; vor allem will ich nicht noch ein mieses fragment erzeugen.

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und dann ist da eskapismus insgesamt. nach wie vor frage ich mich, was realitätsflucht eigentlich sein soll, denn was ist realität, und was ist flucht? braucht es zur klaren unterscheidung da nicht die annahme, es gäbe eine begrenzte anzahl von oder gar eine übergeordnete realität? eine, die sozusagen alternativlos ist? (kassner, verschwinde!)

jz ist schuld, sie musste diese frage aufwerfen, unbeabsichtigt, so hoffe ich doch. schundige zeitschriften (wie sie der kulturpessimist in mir nennen würde, der volksmund (das alte schandmaul!) spricht von unterhaltungszeitschriften oder illustrierten (trotz wenig erleuchtung!)), seien für sie eskapismus. „realitätsflucht!“ rief ich fast zu laut aus, was auf einem öpnv-bahnsteig seltsam wirken kann, um dann leiser hinzuzufügen: „damit habe ich erfahrungen.“ im folgenden stellte sich mein wesenszug, mich in unklaren, nebulös-ironischen andeutungen auszudrücken, ausnahmsweise mal als hilfreich dar. man stelle sich vor, ich hätte personen meiner realität, die in ihrer lächerlichkeit meines erachtens auch als realitätsflucht angesehen werden kann, von meiner niedergeschriebenen… undenkbar!

wie ist es also? was ist richtig? ist es wichtig? nein.

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das heiße, plastikkapseln und wasser entstammende getränk, welches mit dem kompositum chococino benannt ist, beruhigt meine nerven und lässt mich den obigen absatz antwortlos abschließen. die müdigkeit, die mir mangels relativer sorglosigkeit trotz langer jahresend-anfangspause geblieben ist, wird weichen, magisch, plötzlich; wie sich der nebel über der stadt lüftet; eben hat man noch aus dem fenster gesehen, nichts gesehen als schemen, und dann, auf einmal, helle sonnenstrahlen; licht durchflutet den raum.

p.s.:

mit d sprach ich heute über die firma, die meinen stadtteil in dieser stadt mit dem vertikal gespiegelten w einst so dominierte, die nach einem werner von benannt hatte, und gewissermaßen bis heute ordentlich kesselt. man hat sich dort im verwaltungshochhaus mit asbest verkrebst und sich entschlossen, dieses lästige geschäft mit den furchtbaren endkunden sukzessive „auszugliedern“ und wundert sich seitdem über stagnierende aktien und sinkenden markenwert. wer hätte das nur erwarten können? nein? – doch! – oh!

 

die stadt und die menschen

steigst du an den richtigen orten aus dem untergrund dieser stadt empor, wirst du geblendet sein. im eitlen sonnenschein, der hier das häufigste wetter ist, erstrahlen schöne gebäude geschmackvoller proportion. die menschen, die auf den sauberen gehsteigen vor jenen gebäuden flanieren, wirken ebenfalls positiv. man ist gut gekleidet, oft nicht nur gut, sondern auch teuer.

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es gibt orte in dieser stadt, an denen menschen auf kaltem bachwasser surfen. es gibt orte der kunst. ja, selbst im untergrund wird klassische musik gespielt, die bedrückende finsternis und fehlfarbene betonverkleidungen vergessen lässt. und wenn man am fluss flaniert, so wird man stellen finden, an denen dieser tost wie ein paar kilometer flussaufwärts, in seiner herkunft, dem gebirge. grün zerteilt die oft pastellierten gebäudelandschaften, schafft platz zum atmen, raum zum vergessen. fast vergisst man, dass man in einer stadt ist.

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doch bei allem positiven ist dies eine kontroverse stadt, nur scheinbar eine ganz und gar lebensfreundliche umgebung. es braucht keinen blick in die geschichtsbücher, um zu spüren, dass hier eine kälte haust, die das blut in den adern gefrieren lassen kann, wann immer sie will.

ein beispiel:
ein mann kommt zu spät zur ubahn, er schafft es, seine hände in zwischen die türen zu bringen. ich bemerke es erst nicht, in murakami vertieft, wie der grimmige junge herr, zur fraktion der anonymen arschlöcher gehörend (ich behaupte dies angesichts dessen überaus teilnahmsloser verabschiedung von seiner freundin), jenem anderen, dem lange dunkelbraune haarsträhnen ins unrasierte gesicht fallen, anfährt, er solle doch seine verdammte hand aus der türe nehmen. der andere aber hält seine hände in der tür – vielleicht kann er sie auch gar nicht herausziehen. kaum später, es handelt sich um maximal 10 Sekunden, gibt die tür nach, und der außenstehende setzt dazu an, einzutreten. der aggressive, sportliche, junge mann aber schubst ihn zurück, mit kraft oder wenigstens genug entschlossenheit, dass der andere, besoffen oder nicht, überrascht soweit zurücktaumelt, dass sich die tür schließt und die ubahn abfährt. man sieht noch den zurückgestoßenen dem anderem mit empörten gesichtsausdruck einen vogel zeigen, dann ist er verschwunden. der trainierte, blickt sich triumphierend und lobheischend um, aber kaum jemand in der für die morgenstunde nur wenig besetzten ubahn reagiert.

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es ist die stadt der hohen mieten. die stadt der unbeheizten herzen. die stadt der bewegung.
ihre hübsch zurechtbotoxierte und überschminkte fratze, die nur noch durch übermäßiges rouge lebendig wirkt und ihre süßen töne mögen dich einlullen. mich nicht. nicht mehr.

ungenaues „ja, genau“

„Ja, dann können sich Einzelkaufleute auch kein weiteres Fremdkapital beschaffen… Ja, genau.“

in meinen händen verbiegt sich der kugelschreiber. welch glück, dass dieser aus einer metallfeder besteht, sonst würde ich diesen süßen vortrag stören, dessen fehler anscheinend niemand hört. ich beobachte die vortragende, zugleich den lehrer, und sehe kein minenspiel bei letzterem, welches einen fehlererkennungsmechanismus verrät. mein eigenes gesicht – da derzeit nicht eingefroren – muss kurzfristig den ausdruck größten zweifels aufgewiesen haben, ein zucken, einen anfall oder etwas derartiges, vermutlich ein ähnlicher ausdruck, wie der, der sich zeigt, bevor ich mich übergebe.

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status

in den nächten, in denen es mir gelingt zu schlafen, träume ich wirren mist von winterreisen in von hyänen und wölfen gezogenen pferdewagenkolonnen. in den raren gesprächen, in denen es mal um komödiantische absurditäten geht und mal darum, dass mein herz aus dem gleichen schnee besteht, in dem die hyänen zuweilen versinken (die wölfe nicht), sitze ich meistens passiv und still da, eingedenk dessen, dass ich mich sonst doch nur um kopf und kragen rede.
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zombies, regime und amnesie

ich werde wach und wünsche mir, nicht wach geworden zu sein. die sonne ist nicht zu sehen, mein fenster geht nach westen, aber es vollkommen klar, dass sie nicht mehr lange gebraucht hätte bis zu mir. mein kopf schmerzt nicht, es könnte alles in ordnung sein, es war ja auch nur ein mittagsschlaf, der schreibtisch ist eine weiße, unebene fläche mit gekrakelvegetation – und doch: ich wäre lieber nicht wach.

ich stelle mir vor, einer dieser albernen endzeit-zombie-filme wäre wirklichkeit geworden. ich wäre einer der wenigen überlebenden, einer derjenigen, die sich, sobald die sonne hinterm horizont verschwindet, verstecken müssen, da die fleischgewordnen geister der finsternis sie sonst zu ihrer finsteren religion bekehren wollen. in dieser situation, in der die frage des warum zunächst eine entsetzliche energieverschwendung ist, da es vielmehr um das wo und das wie des überlebens geht, darum die eigene existenz um ein paar karge minuten, stunden, tage (aber weiter darfst du dann auch nicht denken) zu verlängern, wo es nur um das überdauern geht, welches vermutlich ohnehin sinnlos ist, da die welt, in der man aufwuchs für immer verloren ist an eine andere welt, in der in jedweder dunkelheit die bestien rebellieren, wird sie sich dennoch manchmal stellen, diese frage nach dem warum, die einen dann in eine entsetzliche hoffnungslosigkeit teleportiert.
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träumen bleianzüge twitter geschichten

wenn du aufwachst, weißt du nur selten noch, was du geträumt hast. mal ist es verworren, mal absurd, mal durchaus realitätsnah und lässt dich hoffen, dass es so (nicht) kommt. aber es gibt auch die anderen morgen, an denen du dich darin erinnerst, wie du leute verprügelt hast, weil sie dir dein portemonnaie abziehen wollten, richtig horrorshow, mit blut und zahnverlust. oder wenn du dich nur daran erinnerst, coke zero getrunken zu haben, die dir wie im realen leben bei den ersten schlücken einigermaßen geschmeckt hat – aber bei den letzten überhaupt gar nicht mehr. Weiterlesen

flashback

„du auch hier?“
„na ja, weißt ja, stress. die frage, ob man sich vollfressen oder sich nach jahren eine packung zigaretten kaufen sollte, um sich den unbändigen appetit zu verrauchen. es ist ja offensichtlich, wie du darüber denkst, welche wahl du getroffen hast, an dieser stelle noch mal ein herzlichstes „happy cancer“. Weiterlesen