zeit für neue themen (und charaktere)

auch wenn frank experimentell wiederbelebt wurde, um umstandsarm ein erzählvehikel für eine persönlich wichtige geschichte nutzen zu können, denkt der verfasser dieser zeilen bereits seit geraumer zeit darüber nach, was es bräuchte, um dieses etwas, welches sich fremdwortverkleidet „realitätsflucht“ nennt dafür auszustatten, über politik zu reden.

denn es wird nicht besser in d-land. nehmen wir frank, den wir – das schreibe ich ohne prüfung und bei ungenauer erinnerung an das gros der texte über ihn – als pessimisten beschreben können, noch einmal als alter ego und setzen ihn einer realität aus, in der folgendes geschieht: er betrachte die situation und versuche sich, die zukunft zu extrapolieren, um dann festzustellen, wiederholt, dass es mehr oder weniger immer so kommt, wie er, sich dabei einer pessimistischen, düsteren haltung bewusst, es sich ausgemalt hat.

also, d-land. ein land, welches einen krieg indirekt per blankovollmacht an ein wunderliches bruderland lostrat, der rasch zu einem weltkrieg wurde, was zu dieser zeit vor allem aufgrund weltumspannender kolonialreiche eine wesentlich leichtere übung war, als man heute spontan annehmen würde. diesen krieg verlor man. der kaiser dankte ab, statt verantwortung zu übernehmen. man kam zu einer demokratischen verfassung, die eigentlich ganz gut war. nur: es fehlten die demokraten, so sagt es die erzählung. das ist auch, wenn man die haltungen von individuen betrachtet, sicher richtig: es gab monarchisten, es gab kommunisten, es gab andere bekloppte. aber woran es der republik fehlte, waren erfolge für das leben der menschen, sowas wie wohlstand, aufschwung. stattdessen nahm einem leidenden staatswesen, welches gebietsverluste erlitten hatte, ohne dass das der großteil des landes zu kriegszeiten besetzt gewesen wäre, eine große reparationslast die möglichkeit, das vertrauen ihrer bürger zu kaufen; stattdessen nahm eine grandiose, furchtbare inflation kleinen sparern ihre münzen. was folgte, waren kleine verbesserungen, erstickt von einer weltwirtschaftskrise und einem nicht besonders geschickt agierendem reichskanzler brüning, der die brücke von den demokraten/republikanern zum autoritären system darstellt.

in d-land kam dann ein mensch an die macht, den ein relativ neues buch als einen sexopathen bezeichnet; ein fataler volkstribun, dessen wahnsinn ex-post kaum zu übersehen ist und daher verwundert. aber in einer gestörten gesellschaft, die sich betrogen wähnt und enttäuscht von den bekannten akteuren ist, kann einer, der behauptet, das man einen sozialismus auch ohne weltrevolution, sondern sehr national, sehr d, zu betreiben und eigentlich ja doch nur ein faschist ist, sich irgendwie an die macht schwindeln. dort erreicht er dann für die, die ihm folgen, die so genannte „volksgemeinschaft“, gewisse durch schulden erkaufte fortschritte, während er seinen gegnern und dies umfasst auch viele, die er einfach zu gegnern erklärt, so indifferent diese ihm auch gegenüberstehen mögen, die menschenwürde aberkennt. anschließend nimmt er ein streichholz und führt einen brutalen vernichtungskrieg in östlicher richtung, der alles verbrennt.

aus den trümmern, dann, es ist unaussprechliches geschehen, festgehalten auf bildern, die frank auch bei der 100sten betrachtung noch die fassung rauben wie sonst nichts, entsteht etwas neues, von außen getrieben. zwei d-lands, deutlich kleiner, aber diesmal war die niederlage so total, sodass die überwältigende mehrheit sich in die neue rolle fügt und sich nicht gleich um irgendetwas betrogen fühlt.  es entstehen im westen „volksparteien“ und im osten eine „einheitspartei“, die eine „nationale front“ dominiert. die d-lands entwickeln sich unterschiedlich, das östliche „sozialistisch“, was vor allem bedeutet, dass es sich um ein relativ egalitäres, aber illiberales system stalinistischer prägung handelt; das andere, liberaler, wertkonservativer, erschafft, da der reiz der gleichheit bewusst ist und angrenzt, ein konzept mit dem namen „soziale marktwirtschaft“.

der krieg, der nun wütet, ist ein kalter. er wütet nur anderswo, man spricht von stellvertreterkriegen, ein begriff, den man nicht mit dem kleinen finger berühren kann, ohne zumindest den ganzen arm voller blut zu haben. aber im goldenen westen sowie im anderen d-land bleibt es einfach nur eisig zwischen den sich mal mehr, mal weniger unentspannt gegenüberstehenden d-lands. bis dann schließlich der selbsternannte sozialismus bankrott anmelden muss, erst ideologisch, da zu viele sich von verkrusteten eliten getäuscht sehen und eine erneuerung wollen, etwas mehr farbe, etwas mehr freiheit. letztlich relativ zufällig kommt es zum beitritt des östlichen d-lands zum geltungsbereich des grundgesetzes, und damit auch zum wirtschaftlichen bankrott der ehemaligen sozialistischen wirtschaft, deren absatzmärkte sich ebenfalls zeitgleich transformiert haben und nun eher nach dem neuen, shiny zeug gieren. ein historiker lässt sich dazu hinreißen, aufgrund dieses sieges der „liberalen demokratien“ ein „ende der geschichte“ zu proklamieren, nicht sehend, dass demokratie mittelfristig nur mit demokraten funktioniert.

1998 dann, nach 16 jahren zuletzt definitiv bleierner regierung des „kanzlers der einheit“ kommt es zu einem wandel. frank, noch jung, ist enthusiastisch. rotgrün übernimmt: ein generationswechsel. ein aufbruch. so jedenfalls die hoffnung. es kommt auch zu aufbrüchen, es werden viele steine umgedreht, und wenn man nett wäre, könnte man sagen: wo gehobelt wird, da fallen eben späne. das problem ist nur, dass die resultate von änderungen auf diesen ebenen, sei es politisch, sei ökonomisch, nicht gleich sichtbar werden. ich will nicht das bild vom staatsschiff nehmen, denn es würde nur passen, wenn man von einem navigationssystemfreien schiff im nebel ausgehen würde. jedenfalls: man „liberalisiert“ munter, d. h. man privatisiert munter, und dann nimmt man denen, deren wirtschaftliche existenz durch all diese umbrüche (neben den beschriebenen steht eine generelle „transformation von einer industrie- in eine dienstleistungsgesellschaft“ an, wie man euphemistisch die abwanderung entscheidender wirtschaftszweige zur profitmaximierung in niedriglohnländer, die durch einen gravierenden abbau von handelsschranken = schutzzöllen möglich geworden ist, nennt) zerrüttet wurde, auch noch ihr gnadenbrot.

man muss ja kein egalitäres system von nebenan mehr fürchten, die dominotheorie, so idiotisch sie von beginn an war, gilt nicht mehr, da der dämonisierte steinumschmeißer evaporiert ist. also, warum diesen menschen so viel geben, dass sie eine würdige existenz führen können, während sie faul wie „florida rolf“ auf kosten der „ehrlich arbeitenden“ in der sozialen hängematte und so? nein, nein. mitmenschlichkeit ist rückschritt! vorwärts immer, rückwärts nimmer! und warum ein funktionierendes staatliches rentensystem beibehalten oder sanft reformieren, wenn da auch der kollege maschmeyer verdienen könnte? ist die finanzindustrie nicht auch eine dienstleistungsbranche? wachstum ist fortschritt! nsm!

es vergehen 12 weitere jahre unter der ersten bundeskanzlerin in zwei verschiedenen koalitionskonstellationen, in denen „rot“ sich nicht von der nach und nach umsichgreifenden vertrauenserosion erholt, wobei man sich auch stolz eines „nostra culpa“ verweigert und weiter stumpf „weiter so“ blökt. man hat die letzten wahlen doch schon so schön verloren! nein, alles richtig, so gut wie nie. die finanzkrise hat für ihre verursacher keine konsequenzen. „fast wie bei der entnazifizierung“, murmelt frank. außerdem wird zukunft gründlichst verschlafen: 2013, 22 jahre nach 1991 und der erfindung des world wide web wird verkündet: „das internet ist für uns alle neuland“. frank kotzt im strahl. ein überwachungsskandal wird mit mehr überwachung „gelöst“.

in einer gesellschaft, in der immer mehr menschen das mitgefühl abgeht, da sie es selbst nicht zu erfahren meinen, womit sie auch nicht völlig unrecht haben, kommen dann seltsamerweise menschen auf, die ähnlich denken wie jener sexopath. ideen, denkt frank, sind nicht totzukriegen. schon noch demokratisch, aber gänzlich illiberal. sie schreien „wir sind der volker!“ oder so und sprechen bei asylbewerbern von „asylanten“, fürchten überfremdung, logischerwiese insbesondere dort, wo es „fremde“ nur in homöopathischen dosen gibt. es wird kommentiert, dass man bestimmte teile der politelite an galgen hängen wolle, während man „linksgrünversiffte“ eher mit zügen in die gaskammer…, kurz, man kokettiert unverfroren mit dem schrecklichsten, was in diesem land je geschah. wenn er sich mühe gibt, kann frank sie sogar ein wenig verstehen, diese blinde, brutale, blutrünstige wut. nur was macht man daraus? wie kann man die wogen glätten? und ist dies das einzige problem, oder ist nicht auch die „linke“ ein problem, die sich mehr um rechte von promillebestandteilen der bevölkerung zu kümmern scheint, als für sich selbst eine würdige entlohnung zu fordern? die ein im grunde undemokratisches, bürokratisches „europa“ genanntes brüsseler behördenungetum glorifiziert, nur weil die grundsätzliche idee dahinter gut sein könnte?

man betrachte nur mal die kumulierten prozentwerte der volksparteien (zweitstimmen):
1949: 60,2 %
1969: 88,8 %
1990: 77,1 %
2009: 56,8 %
2017: 53,5 %
2018: 50,3 % (aktuelle umfragedaten von wahlrecht.de, arithmetisches mittel [best: 55 %; worst: 46 %; median: 50 %])

d-land ist also, das will ich hier konstatieren, mit oder ohne erzählvehikel, in einer staatskrise. und das macht, auch wenn es hier um realitätsflucht geht, versuche einer betrachtung der realität nötig.

danke für die aufmerksamkeit!

 

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