frank und mitschuld

man stelle sich vor, dass frank nicht gestorben wäre. er wäre nun älter, gesetzter, fetter, faltiger (besonders um die augen), mit rückgängigem haupthaar und einer mageren bürgerlichen existenz gesegnet. diese stellt ihn nicht nur als ehemaligen „möchtegern-antibürgerlichen“ vor existenzbewertungsschwierigkeiten, sondern ist auch sonst mit problemen behaftet.

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frank geht durch die stadt. er ist allein, was in den letzten tagen eine seltsam seltene erscheinung ist. wieder hat er nicht über das geredet, was ihn seit mehreren wochen belastet, als er sich soeben mit der person traf, die er mal für die nummer 1 auf der vertrauensskala hielt. er kann nur beginnen, aber er schafft es nicht, zu den harten fakten zu kommen. warum nur? hat er angst, in tränen auszubrechen, eventuell komplett zusammenzubrechen, eine nukleare kernschmelze zu erleiden? nein, nicht mehr. aber was hält ihn zurück? es mag zwar persönlich sein, aber es geht nur um emotionen, nicht um pläne zu groben unfug oder zur weltherrschaft, nicht um altes landratten-seemannsgarn. frank bleibt stehen, was in der vollen station des untergründigen personentransportsystems keine gute idee ist, hier aber dennoch folgenlos bleibt: kann es sein, dass er sich schuldig fühlt? das er glaubt, mit seinem verhalten den erlittenen verrat erst begünstigt zu haben?

*

ein paar jahre zuvor. nein, es sind nicht jahre, wir sprechen von dekaden, wenn auch im kleinstmöglichen ganzzahligem plural.

frank steht an einer ampel, einer lächerlichen bedarfsfußgängerampel an einer straße mit einer fahrbahnbreite, die kaum mehr als drei meter misst. er sieht nicht auf den boden, was er schon zu dieser zeit oft macht, er sieht auch nicht in die luft, er träumt ausnahmsweise nicht. frank ringt mit sich selbst: soll er warten, oder es wagen, die straße bei rot zu überqueren? denn zählt das rot, wenn man es durch den druck des ampelknopfes erst ausgelöst hat? hat man wirklich diese macht? wie so oft hat er das gefühl, nicht so handeln zu können. es sind keine kleineren kinder vor ort, es ist wirklich niemand dort, die kleinstadt liegt ausgestorben vor ihm, aber dennoch: wenn ihn nun jemand sähe? irgendjemand, der jemand kennt, der dann in einer kette von unnützer kommunikation dazu führe, dass frank schließlich für sein fehlverhalten geschimpft würde? oder polizisten in zivil? er sieht nach links, er sieht nach rechts. ein fahrrad kommt. es ist schnell, aber wahrscheinlich wird die ampel jetzt doch schnell genug sein, um den fahrradfahrer zu einer bremsung zu veranlassen. frank stellt sich vor, wie der fahrradfahrer stark bremsen muss und über den lenker geht. er denkt: trägt helm, passiert nichts, vielleicht ein paar kratzer, ein bisschen blut.

wenn das passiert, was man sich zuvor ausgemalt hat, aber man nicht sicher sagen kann, ob das, was geschehen ist, das ausgemalte, auch gewünscht war, dann sollte man sich darüber nicht viele gedanken machen. nicht so frank: bis heute, sagt er, fühlt er sich mitschuldig am fahrradunfall des unbekannten mannes an der fußgängerampel, obwohl der unfall auch für diesen vor allem ein schock war; nur ein paar kratzer und kosten für einen neuen unbefallenen fahrradhelm.

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jahre später liegt frank auf einem sofa. er möchte einschlafen, es war kein schöner abend; er muss etwas klären, aber er will diese klärung jetzt nicht angehen. er weiß: mit betrunkenen zu diskutieren ist möglich, aber sinnlos. und die trunkenheit ist eindeutig festzustellen, denn wenn man schon nicht mal mehr wahrgenommen wird, obwohl man am selben tisch sitzt; wenn über einen in dritter person gesprochen wird, obwohl man doch da ist und geistig fitter als der ganze restliche verdammte kneipensaal, dann ist es sogar auch noch das mildeste von trunkenheit auf der anderen seite auszugehen. das muss er ansprechen am nächsten morgen. das geht so nicht. aber hoffentlich, denkt er, hoffentlich, wird sie mich nicht noch an diesem abend zu einer weiteren interaktion zwingen, sondern einfach ins bett gehen und ihren rausch ausschlafen.

er stellt sich vor, wie sie es nicht tut. wie sie ihn wachrüttelt, nein, besser, wie sie ihn bewirft und knapp verfehlt, weil sie meint noch irgendetwas zu regeln zu müssen oder einfach nicht allein in dieser trunkenheit noch etwas essen zu müssen. und er hat keine ahnung, wie er dann reagieren würde. er will gar nicht darüber nachdenken. er nimmt sein smartphone, seine kopfhörer, und stellt seinen lieblingseinschlafpodcast ein und versucht, tief zu atmen.

gerade als er wegdämmert, kommt sie dann. unmittelbar vor ihm zerschellt ein brotbrett. sie sieht ihn an, wie er sich aufrichtet, nimmt missbilligend seine kopfhörer war und schimpft: „mein vater stirbt und du liegst hier und hörst deine beschissenen podcasts!“ frank denkt: „der mann ist nicht wirklich dein vater, und er stirbt nicht, er hätte nur nicht so viel saufen sollen, morgen wird es ihm wieder gut gehen.“ es geht weiter, sie sagt dies, frank erwidert irgendetwas, was er sofort vergisst. sie sagt das, es ist alles sinnlos was sie sagt, es macht keinen sinn, sich über „argumente“ gedanken zu machen, denn die argumentationsebene liegt längst drei reihen von gipfeln und engen schluchten zurück.

frank denkt: ich möchte hier nicht bleiben. ich möchte morgen das gespräch nicht führen. ich weiß nicht, was ich hier noch kitten soll, das ist doch wie zerbröseltes sicherheitsglas mit einem pritt-stift zu reparieren. in diesem moment keift sie: „dann hau doch ab, da kannst du dann immer das machen, was du willst.“ und frank hört sich sagen, selbst leicht überrascht: „genau das mache ich. ich packe jetzt meine sachen, und dann verschwinde ich.“ erstaunen in ihrem blick: „nachts um zwei? wo willst du denn hin?“ „egal, weg, hier kann nicht bleiben. ich mag nicht von dem nächsten brotbrett getroffen werden.“

als er gehen will, ist die tür verschlossen, der stets steckende schlüssel steckt nicht. er hat nur eben schnell seine kleine umhängetasche gepackt, das iPad rein, die jacke aus dem schrank angezogen, dem hund lebewohl gesagt, und jetzt ist die tür zu. er hat sie aus dem augenwinkel von der tür ins bad huschen sehen, wahrscheinlich hat sie dort den schlüssel versteckt. er sagt: „schließt du bitte die tür wieder auf?“ „ich weiß nicht wo der schlüssel ist. trete die tür doch ein.“ er winkt ab, worauf sie, während er die suche in eigene hände nimmt, noch ein paar mal sagt, er solle die tür doch eintreten, bis sie sich endlich in ihr bett verzieht.

es dauert lange, aber nach ca. 10 minuten hat er den schlüssel gefunden. er winkt in den leeren beleuchteten flur und sagt leise „auf nie mehr wiedersehen!“, öffnet die tür, lässt den schlüssel innen stecken (obwohl er sonst immer außen steckt) und er geht. geht die treppe herunter, geht aus dem haus, in den dunklen wald, denn wenn er in drei stunden am bahnhof sein will, muss er den kürzesten weg gehen. und er wandert durch den wald, den er erst kennt, da ihn durch diese teile der hund zerrte, dann durch unbekannte, es wird heller, er erreicht die stadt, er erreicht den bahnhof. nach zehn minuten kommt schon der zug. und frank denkt sich: puh, das war so nicht gedacht.

er fühlt sich nicht mitschuldig.

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