oktober/november oder theorien, praktiken und ohnmacht

oktober/november oder: theorien, praktiken und ohnmacht

ich weiß nicht, was ich denken soll. ich weiß nicht, was ich sagen soll. ich bin ruhig oder auch nicht. ich bin müde, aber mir fehlt die ruhe zum schlafen.

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derweil machen sich andere menschen, mit denen ich verwandt bin, sorgen um einen menschen, der ebenfalls von ihnen abstammt. ich fahre hin, sobald ich es einrichten kann, trotz bahnstreik mit einhergehender medienpanikmache und vor allem medienhetze. nein, es darf nicht sein, dass lokführer mehr verdienen wollen als ~3000 euro, mit denen sie maximal nach drölfzehntausend betriebsjahren entlohnt werden – denn wenn sie anfangen, kriegen sie mal gerade 1750 brutto für vollzeit. da „verdiene“ ich mehr als talentloser teilzeitspacko. aber gut, vielleicht kriegen die berufsmäßigen (hetz-) schriftstückverfasser selbst noch weniger. wer weiß. aber darum geht es ja nicht, ich schweife ab, entschuldigung! jedenfalls, so die these, sei jener mensch, um den sich andere menschen sorgen, mit denen ich allen eng verwandt bin, beängstigend dünn. und ja, das stimmt; er erfüllt die definition von untergewicht. ich habe das auch mal getan, mittlerweile bin ich aber auf dem weg zum übergewicht meiner biologischen wurzeln. yeah. oder eher: F***.

aber das ist es nicht nur, was die sorgen bereitet. da ist eine unmöglichkeit des ruhigen beredens, jedenfalls bei mittelharter konfrontation. ich interpretiere das wie folgt: fanatismus. ich mag falsch liegen, mag zu viele schlüsse von mir auf andere machen, denn bei mir war in dem spezifischen alter auch fanatismus angesagt, wenn jetzt auch nicht vielleicht im selben themenspektrum, bei mir ging es eher selbstverliebt um bzw. gegen die doch so verdammt verlogen-verrottete gesellschaft des real existierenden, globalen kapitalismus. bei jener person geht es eher (jedenfalls vordergründig) um ernährung und fitness/muskelaufbau.

kann ich irgendwas bewirken? nein, ich habe keine superkräfte. ich kann nur zusehen. wie ich später zu einer arbeitskollegin sage, deren initialen lustigerweise mit der abkürzung von „herrschende Meinung“ übereinstimmen, ich „war nur da, um mir das mal anzusehen“. einschätzungen fallen nach wie vor schwer, denn sie sind es auch, schwierig. das meiste verwächst sich ja von selbst, und lebensbedrohlich ist das auch nicht. die quellenlage, aber, das kann ich feststellen, sind nicht dusselige bücher, sondern es ist youtube. ich stelle mir das so vor: irgendwelche muskelbepackten spackos im zuchtstierformat erzählen was über die richtige ernährung zum muskelaufbau, samt übungen, und das alles vermutlich nur, um ihre lustigen kurse oder auch seminare zu dem thema zu verkaufen, wie das „lebensberater“ aller geschmacksrichtungen so tun. seltsam, wie ich das beschreiben kann, fast so, als hätte ich da erfahrungen…

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das ganze wird von einer gewissen müdigkeit überschattet. ich kann nicht schlafen, ich bin nicht wirklich produktiv in meinen verpflichtungen außerhalb des arbeitslebens. an einem abend sitze ich vor meinem computer und denke nach, wie ich den stilvoll blinkenden cursor in bewegung setzten könnte. es wird herbst, was mich jedes jahr auf neue herunterzieht, sei es nur aufgrund der stetig zunehmenden kälte und – mehr noch – dunkelheit. und dann ist da noch dieser heranziehende persönliche jahrestag, den ich nicht mag. es liegt an mir, ich bin nicht in der lage, darauf zu verzichten zu bewerten. ich kann es nicht lassen, jahr um jahr festzustellen, versagt zu haben, wenn man es streng auslegt. und jedem jahr ist meine jugend mehr und mehr vorbei, obwohl ich noch nicht mal die dreißig geknackt habe. trotzdem ich menschen kenne, die mit über 40 noch jugendlich sind oder glaubhaft sein wollen. ja, 2004 ist 10 jahre her. 2004 war ich auch schon volljährig; und ich frage mich, ob für menschen, die 2004 nicht so erlebt haben wie ich, 2004 so lächerlich scheint, wie 1989 für mich wirkt. die mode! die frisuren! die fernseh-animationen!

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mein sonstiges leben trottet so vor sich hin. ich bin gewiss nicht zufrieden, aber nicht bereit, etwas zu ändern. meine *lose „beziehung“ etwa. sie macht keinen sinn, außer dass sie etwas halt und konstanz gibt, einen rahmen. liebe ich sie? ich denke nicht. aber wenn sie vor mir steht, so sind da doch gefühle, nicht umsonst ist sie hauptsubjekt meines fotostreams. ist sie außer sichtweise, so bleibt da loyalität, aber viel mehr auch nicht. geliebt habe ich schon mehr, so viel ist klar. aber im gegensatz zu all diesen personen besteht hier noch kontakt, i am the worst at staying in touch. eine fiktive frage ertönt in meinem kopf: „warum trinkst du kaum noch alkohol?“ eine möglich antwort lautet: „weil ich dann an SIE denken muss, an SIE, die ich nicht mehr kontaktieren kann.“ mitnichten, sentimentalismus ist das. ich will mein denken nicht noch unklarer machen.  zurück zum vorherigen thema: was ist ein bild ohne einen rahmen?

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aber zurück zu den wichtigeren fragen: warum macht jene person, wegen der ich extra 12 stunden in zügen der deutschen bahn an einem herbstwochenende verbracht habe (und dies jederzeit wieder tun würde), das? denn das motiv ist immer am wichtigsten, man denke da nur an fernsehverballhornungen von prozessen zu tötungsdelikten. und das motiv wird jenes sein, welches es wohl immer ist, wenn aus jungs männer werden, aus jungs, die nicht die obermacker sind, nie waren und auch nur schwerlich werden werden. auffallen. irgendwie, marktnische nennte das die kapitalismuswissenschaft. herausstechen, glänzen? und dabei natürlich in die falsche richtung laufen. wahrscheinlich, da vor lauter intelligenter verkopftheit der instinkt fehlt. aber angenommen, man würde mich fragen, was würde ich empfehlen? meine immer noch relativ frühe lebensweisheit sagt mir: gelassenheit. denn was in frühen beatnik-übersetzungen mit „du bist ganz schön bedient“ übersetzt wurde, wäre wohl besser mit „du bist ganz schön gelassen“ getroffen worden, hätte aber selbstredend längst nicht so amerikanisch geklungen wie „you are quite cool“. gelassenheit und in-die-augen-schauen. dauerhaft. das funktioniert. auch wenn es vielleicht angst erzeugt, aber fear is interesting, und gelassenheit mildert die selbige angst, lächeln noch mehr (WARUM HEISST ES NUR ANLACHEN? GENAU!). nicht zu extrem sein, das klappt nur bei den verrückten und verzweifelten. und deren probleme möchte man nicht unbedingt in seinem leben haben. der verfasser glaubt zu wissen, wovon er da spricht.

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aber ich möchte kein lebens-„berater“ sein. „beratung“ hat längst die bedeutung verloren, die sie vielleicht einmal hatte. wenn jemand „berät“, so wird dieses jemand stets versuchen, dir irgendetwas zu verkaufen. finanzberater zum beispiel. nicht, dass sie einem helfen, die eigenen finanzen gut zu regeln. nein, dass, was man mühevoll noch dem konsumistischen alltag abzweigt, das ist es, was sie interessiert. legen sie es doch an! und wenn man es nicht schafft, etwas geld am konsum vorbeizuschmuggeln, so stehen sie, ein einkommen und ein bisschen dessen, was man dereinst vermögen nannte, vorausgesetzt – so jedenfalls meine optimistische annahme – mit so genannten konsumentenkrediten bereit. du hast kein geld für das neue cabrio, die neue küche, das neue bett oder irgendetwas anderes, ohne das man, wäre das bedürfnis nicht geweckt, genauso gut leben könnte (man nennt diese produkte „lifestyle-produkte“)? kein problem, hier hast du unseren konsumentenkredit mit selbstverständlich total spitzenmäßigen konditionen. „schuldenfalle? nein, jetzt noch nicht.“/“du bist noch nicht so weit, da haben wir noch arbeit vor uns.“ sagt/denkt das teufelchen auf der schulter und freut sich.

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thilo sarrazin hat vor jahren ein buch geschrieben, welches ich nicht gelesen habe. sarrazin, der „finanzexperte“ – jeder nichtjournalist ist ja in irgendeiner sache ein experte heutzutage, wenn er als mensch im fernsehen erwähnt wird, mit ausnahme derer, die sich für ein mikriges honorar und etwas aufmerksamkeit am nachmittag dem spottenden chipskauer/bierrülpser zeigen – schürrt, so wird kolpotiert, darin die angst vor überfremdung. nein, sarrazin, spd-mitglied (ja, immer noch!) ist kein multikultilinker. der böse muselmann pflanzt sich zu schnell fort, und überhaupt. wäre sarrazin wirklich das finanzgenie, als dass er oft beschrieben wurde, selbst von den kritikern seiner theorien, so müsste er dieser tage schon längst ein buch mit genau dem gleichen titel geschrieben haben, in dem er mit der bundesregierung bzw. der gesamten politischen elite (abzüglich eventueller gallischer dörfer) dieses landes hart ins gericht geht. denn die schuldenbremse… die schuldenbremse hat potential, genau das zu erreichen, was der titel jenes ersten sarrazin-buches unterstellt. sie ist symptom der allgemeinen idiotie, die in berlin, münchen und vielen anderen hauptstädten deutscher länder die hebel im griff hat. (warum ich idiotie unterstelle? ockhams razor.)

denn man kann staaten kaputtsparen. genauso, wie man das mit unternehmen tun kann – finanzinvestoren machen so etwas manchmal, weswegen ein gewisser mü. diese in einem relativ lichten moment als „heuschrecken“ bezeichnete; „blutsauger“ hätte es besser getroffen. man „entzieht kapital“, über gewinnausschüttungen und verdeckte gewinnausschüttungen. keine rücklagen bilden, die nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. „ich will nur dein bestes, baby! dein geld!“ und komischerweise folgt nach dem entzug, pardon der „ausschüttung“, recht bald illiquidität, und es müssen insolvenzanträge gestellt werden.

wenn ein staat sich entscheidet, zunächst keine schulden mehr zu machen, und dann seine schulden zurückzubezahlen, so kann er die mittel, die er „einspart“, selbstverständlich nicht mehr ausgeben. er kann also seinen bediensteten nicht mehr gehalt zahlen, er kann weniger investieren, kurzum, er beschränkt seinen eigenen handlungsspielraum. fatal ist, wenn er noch nicht mal die notwendigen reparaturen mehr bezahlt. denn das wirkt sich auf die bewertung der vernachlässigten vermögensgegenstände aus – ob es jetzt brücken, universitäts- und verwaltungsgebäude oder bahnstrecken sind, oder immaterielle assets wie internationale forschungsprojekte, an denen man nicht mehr teilnimmt. das, was den krediten an sicherheit entgegensteht, wird also weniger wert; und dies vermutlich schneller, als man es schafft, die verbindlichkeiten abzubauen. ein schelm, wer böses dabei denkt. default.

also: das projekt schuldenbremse ist der gipfel neoliberaler idiotie, ein systematisches ausbluten öffentlicher kassen. viel weiter kann es nicht gehen, oder? oh, glückselig bist du, deutschland, hast du das endstadium des kapitalismus erreicht. wenn nicht noch eines folgt.

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ich liege auf dem sofa. ich kann mich nicht bewegen. ich bin ohnmächtig. ich versuche mich zu konzentrieren, auf irgendetwas, aber es geht nicht. es spielt auch keine rolle. ich weiß nicht, was ich will. nur eines will ich oft. weg. weg aus dem alltag, weg aus diesem land. irgendwohin, wo debatte nicht gleichzeitig automatisch hass bedeutet. wo ehrlich über das diskutiert wird, worauf es ankommt und nicht die existenziellen fragen von nebenthemen vernebelt werden. wo keine übermutter mittels umfragen ein land zu tode verwaltet. vielleicht skandinavien. vielleicht amerika. immerhin: nicht great britain, und wohl auch nicht australien.

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etwas später, an einem ort, der von einem zuhause kurzzeitig, so wie museen gelegentlich durch sonderausstellungen, die die eigentliche sammlung verdrängen, zu einem familiären errinnerungsort geworden ist. genauso vorübergehend; es wird wieder ein zuhause werden. anders als in der analogie handelt es sich hier aber um einen funktionswechsel.

geschwister, irgendwo zwischen „nach der mid life crisis“ und „ruhestand“ versuchen, teilen zu lernen. ich gehöre nur durch abstammung mittelbar dazu, habe die freiheit, mich umzusehen. ich finde ein tagebuch, welches ich nicht wirklich entziffern kann. nur die daten kann ich entziffern. WK, II. ein wichtiger fund.

beeindruckender sind aber noch die angesammelten bücher. selbst die, bei denen man verstehen könnte, dass sie nur für dass regal gekauft wurden, sind gelesen. nicht zerlesen, aber doch eindeutig gelesen. das ist schön. aus den ritzen des holzbodens steigen bildungsdämpfe auf. ich gewinne großen respekt für meine dortigen wurzeln.

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was bleibt? eine frage, die ich nicht stellen will. was meine antwort wäre, wenn ich denn müsste: eskapismus oder liebe. von letzterer kann ich derzeit nicht berichten, es fehlt an derartigen gefühlen. die novemberkälte ist da. ich gehe im tshirt joggen. emotionen werden ohnehin überbewertet, empfindungen vielleicht auch. meine gänsehaut ist anderer ansicht. man kann sich die anstrengungen von verliebtheit auch einfach sparen, vergeht diese doch ohnehin, zumeist schmerzhaft. aber ver*heiten sind vielleicht einfach irrelevant. lediglich zufriedenheit, das wäre schön. und manchmal bin ich – trotz allem, wenn auch nur im kleinen – nah dran.

P.S.: kurz, nachdem das obige endlich abgeschlossen ist, sehe ich die novemberausgabe von deutschlands bester satiresendung. am ende der sendung tritt ein syrischer flüchtlingschor auf. mir kommen die tränen, ich beginne zu weinen. jetzt, ganz kurz bevor ich auf „veröffentlichen“ drücke, fehlen mir die worte. ich habe keine worte für die unmenschliche herzlosigkeit dieses landes.

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