existenz

ich habe das rettungsboot aufgegeben und kann keine rettungsflaschenpost mehr versenden, da ich die ganzen flaschen in die felsigen klippen dieser einsamen insel geschmissen habe. was soll ich auch jetzt wieder trinken, dachte ich mir, nicht dass ich dann hinterher die zwölf härtesten schritte der zivilisierten lügengesellschaft gehen muss, falls ich mal wieder dorthin zurück finden sollte.

meine tage hier sind düster, die nächte sind finster – ich friere beim bad in heißen quellen und in der größten tropenhitze schwitze ich keinen tropfen und kann mich noch nicht mal cool dabei fühlen, da niemand hier ist und mir niemand diese wahren geschichten glauben wird, wenn ich doch noch mal die gelegenheit haben sollte, ein gutes garn an einem guten abend in guter gesellschaft zu spinnen.

bis auf die unausweichlichen selbstgespräche geht es mir gut, es ist besser hier, als in den letzten wochen in gesellschaft, in denen ich zwischen wutausbruch und weinkrampf schwebte, in denen ich schneller hätte kapieren sollen, dass es nichts taugt, als nüchterner, alter, feiger, in sich selbst gefangener sack in die tanzschuppen zu gehen, weil mir das vielleicht den ein oder anderen kalten rückweg erspart hätte, ich dann vielleicht nicht hier gelandet wäre, in eskapadia, in meiner strandhütte, als einziger überlebender einer schiffskatastrophe, als robinson wochen ohne freitag durchlebend und sich mit material beschäftigend, mit dem ich mich jetzt beschäftige, da es sinnlos geworden ist und mit dem ich mich zuvor beschäftigte, da ich es als faszinierende herausforderung empfand, mich mit etwas zu befassen, das mich nicht interessiert – ich wollte einfach sehen, ob ich so etwas mir auch aneignen kann. eine frage der kontrolle über das selbst, ein paar stufen unter der kontrolle der schweißdrüßen in tropischer hitze.

aber was, frage ich mich in meinen düstersten momenten, was nützt es mir, mich selbst so überwunden zu haben (und in der überwindung mich schon geradezu entmenschlicht zu haben), wenn es doch niemand erfährt? die weltformel wirst du hier auch nicht lösen, sagt dann der papagei auf meiner schulter zu mir, während ich so trübselig bin, dass ich trotz hunger die kokosmilch verweigere, und dieses gekrächze, macht mich glücklich, aber dann auch wieder traurig, weil ich vor niemand mit diesem papageien prahlen kann, dem ich zwar nicht das sprechen, aber doch einen satz beigebracht habe.

ich weiß, wie es kommen wird, ich werde immer mehr aufhören, produktiv zu sein, da es ja doch keine anerkennung gibt, eine geordnete existenz hier einfach wenig sinn macht. sollte man mich hier finden, so wird man mich finden wie den „Marcel Appenzzell“ in Perecs „La Vie Mode D´Emploi“ – ausgehungert und verwildert.

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