geh nicht in bars, wenn du tot bist

vor jahren, als ich noch fleißiger musik hörte, amüsierte ich mich köstlich über die liedtexte der deutschen band „die ärzte“. in einem ihrer lieder heißt es: „wenn in der hölle kein platz mehr ist […] kommen die toten auf die erde zurück“, eine (wie ich damals noch nicht bemerkte) hommage an den werbe- und horrorfilmemacher george a. romero, die mich einfach nur köstlich amüsierte.

seit gestern aber, und darüber will ich, nein, muss ich hier schreiben – auch wenn der horrorfilm als eskapistische weltdarstellung ein interessantes thema wäre – frage ich mich, ob das wirklich so witzig ist. seit letzter nacht, in der ich schweißgebadet erwachte, ohne dass mir etwas im traum zugestoßen wäre – es war einer dieser geisterträume, in denen ich ohne erkennbare physische existenz andere menschen beobachte – kann ich mir vorstellen, dass es eine schlimmere hölle sein kann, wieder auf die erde zurückgeschickt zu werden.

wie so oft bei träumen ist die erinnerung an diesen ähnlich wirr und dünn, wie an die nächte, in denen man noch haarscharf am richtigen filmriss vorbeigeschrappt ist; ich will versuchen, nichts dazu zu dichten, was nicht einfach ist, ich verzweifle in diesem moment daran, dass ich keinen einstieg finde, also schlicht, protokollarisch, wie die geschichten von frank, der hier eine rolle spielt, eine hauptrolle:

frank, etwas blaß und mit den malen eines selbstmörders, der sich für das gute alte hangmanspiel als todesart entschieden hat, aber sonst durchaus wie eh und je, nur ein wenig steifer und von ausgesuchter blässe, unterhält sich mit stella in einer bar, die uns dreien wohl bekannt ist. wie erwähnt bin ich nicht wirklich dabei, ich träume diese situation nur, körperlos und damit von ein paar schwächen befreit, und so kann ich augenzeuge einer intensiven unterhaltung werden, die bei einem trio bestenfalls auftritt, wenn eine person gerade getränke holt oder wegbringt. sie sitzen nebeneinander und blicken sich an, es ist eine dieser komischen pausen aufgetreten, bei denen in filmen dann so oft der große speichelaustausch losgeht, was hier nicht geschieht, nein, es ist schlimmer, denn stella stellt eine dieser fragen, bei denen man nicht nur nicht weiß, ob sie rhetorisch sein sollen oder nicht, sondern auch nicht, ob man frei raten darf ohne danach mit drinkgetränkter kleidung und geröteter wange dazusitzen. „weißt du worauf ich stehe?“ fragt sie, ‚immerhin ist es kein erotisches hauchen, aber dieser unterton. und dieser blick, intensiv!‘, denke ich und bin mir sicher, dass der untote frank dasselbe denkt, der sich dazu entscheidet, dass es besser ist passiv zu wirken, als schlecht zu raten. nach entsetzlich langen zehn sekunden folgt dann die schockierend lapidare auflösung: „im winter warme wollpullover zu tragen. das ist so super.“

ich erinnere mich noch, franks ratlos enttäuschte reaktion gesehen zu haben („ja, wolle ist toll.“), dann saß ich schon senkrecht im bett, benommen, in unklarheit, zunächst nicht wissend, wo ich mich befand. mir wurde klar, dass ich eine pause bräuchte: ich machte licht, legte den bademantel an, schaltete in der küche den wasserkocher ein, um mir einen tee oder einen ekligen instantcappucino zu machen, setze mich an meinen mit aufgeräumten papierstapeln bestückten schreibtisch, für etwa eine stunde, in der ich ergebnislos darüber hin- und her-sinnierte, was dieser traum für folgen für mein leben haben und warum ausgerechnet stella so über wolle reden sollte, da ich mich nicht erinnern kann, sie mal in wolle gehüllt gesehen zu haben, noch nicht mal im winter, was an sich auch seltsam ist. kurz bevor die unvermeidlichen magenschmerzen vom instantcapuccino einsetzen würden, legte ich mich wieder schlafen. als ich wieder aufwachte, kannte ich die antwort: geh nicht in bars, wenn du tot bist.

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