szene 2

„der saal ist nicht voller menschen, der saal ist voller fratzen“, denke ich und weiß plötzlich, dass ich mal wieder einiges in meinem kopfe geraderücken lassen sollte. aber nicht jetzt, ich muss mich konzentrieren, alles ist in vollem gange. die stelle mit dem geschmetterten „i could like you, if you were more like me and less like you!“ ist gerade eben schon durchstanden, und wenn dann bald das – ich verliere hinter der bühne immer jegliches zeitgefühl – „i could love you, if you were less like me and more like you!“ ertönt, dann muss ich aufpassen, damit ich zur rechten zeit auf die bühne wanke und meinen einen satz sage, danach zusammenbreche und gerade hörbar mein „vorhang“ hauche.

es ist unbekannt, was sich der verfasser dieses stückes, welches man als eine seifenoper mit leicht sarkastischem unterton beschreiben könnte – immerhin ist es keine musical-adaption von „topgun“ -, sich bei dieser schlussszene gedacht hat, es ist ein mysterium und wird eines bleiben. wäre es das nicht, ich hätte diese rolle niemals angenommen. seit ich denken kann, habe ich eine furcht vor dem banalen – während ich die abscheu davor über die jahre überwinden konnte, ist diese furcht stets geblieben, ich will nicht banal sein und weiß doch genau, dass ich es sehr oft bin. mit dieser rolle aber, mysteriöser unsinn eines vom verfasser unerläuterten spätwerks, kann ich sie, so hoffe ich, etwas kaschieren – und wenn es nicht gelingt, so bleibt mir immer noch die hoffnung, dass dieser spaß am ende, dessen verkörperung ich sein darf, den meisten banausen unbemerkt bleibt; was es vom olymp des feuilleton blitzt oder hagelt, tangiert mich – so behaupte ich stets seit dem ich das erste mal verrissen wurde – ohnehin nicht, es geht mir um die meinung des unvoreingenommenen, aufmerksamen theaterbesuchers, oder vielmehr der unvoreingenommenen, aufmerksamen theaterbesucherin.

während ich mich noch selbstkritisch frage, ob das wirklich so stimmt, folgt schon mein auftritt. es gelingt.

*

auf dem rückweg sind die straßenlaternen nicht nur unscharf, sie sind fratzen, monströs – so vielen scheinmonstern bin ich nicht mehr begegnet, seit dem ich anschließend an zwei stunden „Doom 2“ in der dunkelheit von einem freund nach hause gerannt bin. die gedanken sind wattig und substanzlos, es ist als hätte mein hirn beschlossen, dass es nicht immer „panna cotta“ sein muss, dass auch mal schlagsahne reicht. irgendwie frustriert mich meine gedankenlosigkeit, die beim champagner scherzhaft gewünschte dummheit („wie schön es sein muss, wenn man es nicht mitbekommt, dass sich andere über einen lustig machen“) scheint zu wirklichkeit geworden zu sein, eine eiskalte, kruppstählerne wirklichkeit in einer mondlandschaft mit stinkendem straßenverkehr – man wird meinen eltern eine rechnung schreiben über die munition, die man brauchte um mich aufgrund meiner plötzlichen dummheit notzuschlachten – es wird die niedrigste rechnung sein, die ich je verursachte und zugleich die letzte.

mein einziger trost ist, dass die tränen, die plötzlich aus einer unbegründeten rührseeligkeit über meine wangen rinnen, nicht festfrieren; es folgt ein supergau, denn trotz der dunkelheit bemerkt die alte freundin, mit der ich so gern belanglosigkeiten austausche, meine tränen, als sie mir unvermittelt über den weg läuft und stellt mir mit ihrer besorgnis-stimme eine dumme frage, auf die ich in rätseln antworten muss.

als wenig später ich meine tür aufschließe frage ich, halblaut, angeschossen: „wann fällt endlich der wahre vorhang?“. die wanduhr aber antwortet nicht, und so mach ich kein licht und lege mich einfach schlafen: „der nächste tag muss besser sein – oder ich buche einen flug nach atlantis.“

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