zombies, regime und amnesie

ich werde wach und wünsche mir, nicht wach geworden zu sein. die sonne ist nicht zu sehen, mein fenster geht nach westen, aber es vollkommen klar, dass sie nicht mehr lange gebraucht hätte bis zu mir. mein kopf schmerzt nicht, es könnte alles in ordnung sein, es war ja auch nur ein mittagsschlaf, der schreibtisch ist eine weiße, unebene fläche mit gekrakelvegetation – und doch: ich wäre lieber nicht wach.

ich stelle mir vor, einer dieser albernen endzeit-zombie-filme wäre wirklichkeit geworden. ich wäre einer der wenigen überlebenden, einer derjenigen, die sich, sobald die sonne hinterm horizont verschwindet, verstecken müssen, da die fleischgewordnen geister der finsternis sie sonst zu ihrer finsteren religion bekehren wollen. in dieser situation, in der die frage des warum zunächst eine entsetzliche energieverschwendung ist, da es vielmehr um das wo und das wie des überlebens geht, darum die eigene existenz um ein paar karge minuten, stunden, tage (aber weiter darfst du dann auch nicht denken) zu verlängern, wo es nur um das überdauern geht, welches vermutlich ohnehin sinnlos ist, da die welt, in der man aufwuchs für immer verloren ist an eine andere welt, in der in jedweder dunkelheit die bestien rebellieren, wird sie sich dennoch manchmal stellen, diese frage nach dem warum, die einen dann in eine entsetzliche hoffnungslosigkeit teleportiert.

mir fällt auf, dass es die gleiche situation ist, in der verfolgte widerstandskämpfer gegen ein repressives regime stecken – auch im dritten reich gab es einige, die schließlich gefasst wurden, weil sie einfach keinen sinn mehr in ihrem kampf mehr sahen, einsam auf sich selbst gestellt, in einer zutiefst feindlichen umgebung, in der sie niemandem mehr trauen konnten, selbst wenn ihr porträt oder profil noch nicht an jeden dritten baum getackert war, da die bluthunde, die wenige waren, kaum mehr als die widerstandskämpfer, sich auf unzählige willige helfershelfer verlassen konnten, die sich erhofften, durch ihren verrat an dem einzelnen, dem widerstandskämpfer, sich irgendeine vergünstigung sichern zu können oder wegen ihrer jüdischen großmutter weniger gefährdet zu sein.

meine situation aber – und deswegen sind diese paralleluniversen in meiner vorstellung vielleicht nicht nur nicht hilfreich, sondern schädlich – ist weit weniger heroisch. ich werde wach und denke, „warum? wozu?“ und ich kann diese fragen denken, ohne dass sie eine gefährliche ressourcenverschwendung darstellen, denn ich bin ja sicher, mir kann nichts passieren, wie mathieu immer so schön sagt: „in deutschland kann man nicht verhungern.“ ja, man kann kaum sterben, ohne irgendwelche unheilbaren oder verschleppten krankheiten oder altersschwäche, am wahrscheinlichsten ist noch ein verkehrsunfall (nein, nicht die mit den glücksgefühlen). man muss weiterleben, ohne eine bewusste entscheidung dagegen geht alles seinen natürlichen gang, es sei denn man ist ein bedauerlicher einzelfall. und ein bedauerlicher einzelfall bin ich nicht, ich in meinem kleinen zimmer unter meiner warmen bettdecke.

*

ich stehe auf und entscheide mich ein wenig in die stadt zu vagabundieren, um einen kaffee zu trinken, denn ich bin nicht wach genug, um einfach so weiter zu arbeiten, ich brauche einen sanften kaffee mit ordentlich milch und sirup, um meinen magen ruhig zu stellen. aber das schicksal hat sich entschieden es an diesem nachmittag nicht gut zu mir zu meinen, meine gerade wieder gewonnene akzeptanz der glücklosigkeit und einsamkeit wird durch real-existierende vergangenheit verdrängt, mir gelingt es so gerade eben, keinen kaffee zu verschütten und mich in einen strandkorb zu setzen. ich zücke mein in schwarzes leder gehülltes notizbuch und den versilberten kugelschreiber und beginne, den mist mit der zombiefilmwelt und dem widerstand in dieses zu schreiben, die gedanken sind noch präsent, anders als all diese träume, bei denen man nie wissen kann, ob einem die erinnerung, die ja – und da hat proust recht – gewissermaßen eine negative auswirkung auf die phantasie hat, nicht ein bein stellt, und der stift gleitet einigermaßen in kleinen haken über das dünne papier, und ich bin dankbar für die schalldämpfenden wände, die nicht nur den zweck erfüllen, dem sie ihren namen verdanken, sondern auch einen sichtschutz bieten.

ich schreibe und schreibe, auch über den falschen heroismus, der in den beispielen für die erfahrene einsamkeit und hoffnungslosigkeit, die so symbiotisch miteinander einhergehen, dass man sie als zwei seiten derselben medaillie bezeichnen kann, steckt, schließlich über die möglichkeit, mangelndes glück durch betrachtung des glücks als seltenes phänomen zu beschreiben – ich verwende eine sternschnuppenmetapher, die wohl auch mist ist, da sternschnuppen nur subjektiv selten sind, da man sie nicht immer wahrnimmt, selbst in jenen augustnächten, in denen sie sich zu häufen pflegen, ich erinnere mich daran, dass ich mir, als ich das erste mal in früher kindheit im westmünsterland eine sternschnuppe wahrnahm, mir, da man mir gesagt hatte, das man einen wunsch freihabe, irgendeine total blödsinnige sache gewünscht habe, irgendein ding – kinder werden eben doch zu materialisten indoktriniert in dieser scheißgesellschaft – aber das schreibe ich nicht alles auf, da meine finger schon fast schmerzen.

irgendwann stehe ich auf, verschwinde nachdem ich stift und notizbuch wieder in die jackeninnentasche manövriert habe und ich stelle beruhigt fest, dass in jener halben stunde die vergangenheit auch gegangen ist. als ich schließlich wieder in mein zimmer komme, sehe gerade noch ich durch das fenster, wie die sonne hinterm horizont verschwindet. es ist zeit, wieder ans werk zu gehen.

*

der letzte satz, den ich im strandkorb in mein büchlein schrieb, war übrigens: „Es ist eine Schande, nicht unter retrograder Amnesie zu leiden.“

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