spazieren laufen sinnieren beißen

frank kommt nicht wieder, ich bin noch da und werde es noch lange sein. ich wanke durch die verschneite dunkelheit, allein und die zivilisation will nicht verschwinden, sie haben alle fröhliche spuren im schnee hinterlassen. auch die verdammten straßenlampen sind einfach zu viele und zu weit entfernt um sie auszutreten um endlich nur das licht des mondes zu sehen, der in einer schmalen sichel wie ein augenloser smiley eine komische fratze von himmel durch die beschneiten, halb erfrorenen äste der hohen bäume zeigt. die tiere sind nicht unruhig, ich scheine nur ein schatten zu sein, der durch ihr territorium schreitet – vielleicht sind sie auch einfach zu domestiziert, die ganzen fütternden kinderhände und die nur sich selbst jagenden jogger sind schuld.

*

an einem anderem abend laufe ich. ich nehme mir vor, eine lange distanz zu machen und zufällig schaffe ich das, was ich mir vorgenommen habe. zufällig, nicht da ich ernsthaft angst gehabt hätte, es rein physisch zu schaffen, nein, selbst meine leberwerte sind gut, zufällig, da mir einfällt, wie ich mich dazu bringen kann, dass zu tun was ich mir vorgenommen habe: es hilft nämlich nichts, selbst wenn ich mich bestrafen will, sobald seitenstiche einsetzen, lasse ich davon ab, ich bin einfach zu, ja was, waschlappig?! was aber hilft, jedenfalls an diesem abend: ich denke an die schulzeit zurück, einskommazweikilometerlauf und ich wollte gewinnen, gegen jemanden, den ich nicht mochte, der um vieles besser trainiert war, ein leichtathletikass, ich, der ich höchstens sporadisch mal laufen ging und sonst mich schlank hielt durch wachstum und partielle nahrungsverweigerung. es konnte nicht funktionieren, aber ich habe dereinst erstaunlich lange mitgehalten, bis ich dann dem größenwahnsinn verfalle und zweihundertmeter vorm ziel zum entspurt ansetzte, mühsam vorbeizog, um dann, etwa hundert meter vor dem ziel mich überholen zu lassen. ich versuchte alles, um nicht nachzulassen, wenigstens nicht dritter zu werden, denn ich hörte schon schuhgetrappel und keuchen hinter mir, auch wenn mein herz alles dominierte und meine lungen nach sauerstoff lechzten. irgendwie schaffte ich es um haaresbreite als zweiter über die ziellinie, ich ging von der rennbahn runter, mir wurde schwarz vor augen, ich kotzte in die rabatten.

so aber (mit dem gedanken, ich müsste dieses mal virtuell gewinnen) schaffe ich es und denke mal wieder über den sinn und unsinn der sachen nach, mit denen ich gewählt habe, mich zu beschäftigen – die musik, die ich höre, dient nur der ausblendung meines eigenen keuchens und der sonstigen geräusche da draußen, ich will meine lungen nicht nach luft lechzen hören und mein herz nicht schlagen, auch reicht es, meine schritte zu fühlen.
ich denke: ‚dieser ganze quatsch kreist doch nur darum, noch risikoärmer noch mehr geld zu machen‘ und ich weiß nicht, ob ich überhaupt geld will. mehr geld als ich zum überleben brauche. ich stelle mir vor, was ich alles machen würde, wenn ich nicht mehr wüsste, wie ich es schaffen kann, das konto der null näher zu bringen. das ist der falsche gedanke, sollte ich die absicht zu haben, mich besser zu fühlen. money can´t buy me love, so viel es klar, das war schon zu zeiten der beatles so, überhaupt, was will ich? ich will sanfte frauenhaut spüren, ich will verständnis, will hingabe und mich hingeben, ich will harte strafe, wenn ich von meinem selbstgesteckten weg zum ziel ziellos abweiche, aber nicht kontrolliert werden, ich will die hitze der höllischsten höllenfeuer und null kalvin und alles zu gleich.

*

dann ist da immer noch die eine frage, die nicht „was bleibt?“ lautet (denn die antwort ist, dass letztlich nichts bleibt) sondern „was wird?“ und ich kann sie nicht beantworten, noch nicht mal am jahresende, trotz all der sinnlosen rückblicke, die man über sich ergehen lässt, trotz all der eigenen vergeblichen, strukturlosen analysen. selbst die frage „was ist?“ ist nicht einfach zu beantworten, ja vielleicht ist es unmöglich, sich selbst zu durchschauen, da sich gedanken um die eigene person immer in sich selbst verwirren, kein klarer blick möglich ist, da man, wann immer man in den spiegel schaut, eine gewisse intention hat – unterbewusst.

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so verbleibe ich, mit dem wunsch, eines tages das buch meines lebens schreiben zu können, welches nichts sein wird, als eine „ode an die feigheit“. in diesem neuen jahr, welches vor 25 stunden begann, denkt mein pflichterfülltes selbst, erst mal diesen text vollenden zu müssen, dessen beginn für eintagsfliegen aeonen zurück liegt. und auch ich bin manchmal eine eintagsfliege, die genauen hintergründe dieser erkenntnis offenzulegen, fehlt mir an dieser stelle aber das vehikel: frank, dem ich diese geschichte anhängen könnte, wie so viele andere, ist nicht mehr unter uns. und für neujahrsbeissereien ist mir die ich-form zu heikel. oh feigheit, vor turbulenterem errettetest du mich vor etwa der zeitspanne, mit der man einen tag in stunden ausdrückt – und verhinderst nun, dass ich diese detailreich darlege. du bremst mich, du hältst mich auf, allzu oft hasse ich dich dafür. aber wenn du mir scherereien ersparst, du hassgeliebter teil meiner person, bin ich stets bereit, dir oden zu widmen, deiner in hingabe zu gedenken, dir den letzten wahn und mut zu opfern.

(fortsetzung könnte folgen.)

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