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könig midas, man erinnere sich, war ein mann, der aufgrund seiner besonderen begabung fast einsam verdurstet oder verhungert wäre: alles was er berührte, verwandelte sich in gold. da ist es doch besser, es einfach mit den gebrüdern grimm zu gehen, und sich stattdessen einen goldesel vorzustellen, dessen fäkalien gülden sind. midas, jedenfalls, so fahren die chronisten fort, musste später mit eselsohren leben.

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die welt ist leider nicht so einfach, nicht alles, was man fertigstellt, gewissermaßen also ausscheißt, wandelt sich zu gold. das gegenteil ist der fall: vieles ist und bleibt scheiße. da hilft dann auch nicht das gebetsmühlenhaft wiederholte konzept des optimierens, aus scheiße wird kein gold. überhaupt, dieses ewige optimieren, welches für den durchschnittlichen volkswirtschaftler darin zu liegen scheint, ein wenig mit differentialrechnung unfug zu treiben; optimieren, als ob man jeweils ein wirkliches optimum erreichen würde, nein, man kann wohl froh sein, wenn eine inkrementelle verbesserung dabei herausspringt und eben nicht, was auch schon mal vorkommen soll, eine verschlechterung, da man leider irgendwelche variablen vergessen hat. nicht, dass ich platons republik vorziehen würde, aber diese ewige lächerlichkeit des „wir haben das jetzt optimiert“ oder, noch besser, des „wir haben das jetzt ein bisschen optimiert“ ist wahrlich eine form der fortgeschrittenen sprachvergewaltigung.

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mit s. habe ich kürzlich (na ja, vor gefühlten 3 wochen) über sprache und die auswirkung von sprache auf das denken des jeweiligen individuums philosophiert. meine steile these war, das sprache die gedanken vergewaltige, da diese in gewissen bahnen der sprache gefangen seien. keinesfalls ein neuer gedanke, nein, den hatte orwell auch schon, „newspeak“. man mag dagegen argumentieren, etwa das in kreativen prozessen ohne weiteres neue begriffe gefunden werden oder das kinder sachen, für die sie keinen begriff kennen, mit eigenen worten bezeichnen, aber dennoch bleibt die frage, ob eben diese gegenbeispiele im spezifischen fall als gegeben angesehen werden können und darüber hinaus bliebe das problem, diese neuen begriffe anderen zu vermitteln, was in einer restriktiven gesellschaft mit unter nicht so einfach sein mag.

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aber was interessieren mich gesellschaften, was interessieren mich meine gedanken. ich habe husten und schnupfen und leichtes fieber und bin etwas gereizt (denke aber lieber nicht darüber nach, warum), was ich merkte, als ich kurz vor abfahrt derselbigen fast mit meiner mutter aneinander geriet. nun, die besten entscheidungen meines lebens habe ich bislang ohnehin durch münzwurf getroffen, herrlich, diese schönen, schweren zwei-euro-münzen.

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da ich nicht mehr liegen kann (mein rücken schmerzt) aber immer noch krank bin, wühle ich mich in decken eingehüllt am computer durch alte elektronische nachrichten, da ich, fiebernd, die idee habe, eine kommunikationsgeschichte zu schreiben, sozusagen eine folge von nachrichten mit datum und zeit, ein wenig wie „e“, aber auch mit elementen des klassischen briefromans. während ich so durch die alten nachrichten gehe (die ich längst vergessen habe), kommen mir meine damaligen lebensumstände wieder vor augen, ich erinnere mich an mein altes zimmer, die ewige angst (in der zeit, als ich noch bei meinen eltern lebte) vom computer verdrängt zu werden, bevor ich meine unklar definierten angelegenheiten erledigt hätte. ich sehe die situationen vor mir, auf die sich meine korrespondenzen beziehen. ich fühle wieder, was ich damals beim lesen fühlte, die lächerlich aufkeimende eifersucht bei der erwähnung des schnöden wortes „ex“, ich weiß sofort, warum ich die eine mail etwas freundlicher schrieb und die andere etwas weniger enthusiastisch, da die dämonen der good old gloominess mir den blick vernebelten, auch wenn ich dieses gefühl damals noch anders nannte.
das einzige, was ich wirklich im hier und jetzt empfinde, zusätzlich sozusagen, ist die scham (oder unangenehme berührtheit) wenn ich einen rechtschreib- oder wortfehler entdecke (etwa „zumindestens„), der ärger über offensichtlich schlechte lügen oder über grandiose naivitäten, die ich doch auch damals schon bemerkt haben müsste. was hinzu kommt, ist der abgleich mit meiner heutigen realität, insbesondere bei den mails, in denen menschen mein umfassendes allgemeinwissen lobpreisen oder meine moralische integrität, welche ich damals monstranzhaft vor mir her trug. ein abgleich, der nicht angenehm ist, denn es kommt mir so vor, als wäre ich in den letzten jahren auf der stelle getreten oder hätte sogar ein paar schritte in die falsche richtung gemacht. auch wenn ich, wie bereits erwähnt, fiebere, erwehre ich mich dem reflex, die ursachen dieser beobachtungen nur meinem studium zuzuschreiben, welches mich, so entnehme ich diesen nachrichten, die ich nun eingegrenzt auf zeiträume und stichworte gezielt durchgehe, niemals ausgefüllt hat.

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es ist das ende des abends, die menschen sind voll, die bar leert sich, draußen vor der tür, unter dem vor regen schützenden dachüberstand, stehen die leute rum, etwas gedrängt, manche rauchen, manche warten aufs taxi, andere sondern worte ab. „man, was macht jenny da“, sagt ein mauerblümchen, „was tanzt sie mit dem typen, der sieht doch aus wie mr burns. und sie ist doch so hübsch!“ ich grinse über so viel oberflächlichkeit, um nicht die verachtung in meinem gesicht durchblicken zu lassen. das gespräch landet, wie kann es anders sein, bei schönheitschirurgie. irgendwie mischt sich das studienfach des kapitalismus in die diskussion und nach dem schwank über botox, der sich fast nach routine anfühlt, kann ich nicht umhin zu sagen: ‎“bei der bosheit, die sich im gesicht niederschlägt, ist die schönheitschirurgie relativ machtlos. man muss sich malen lassen, so wie dorian gray.“
irgendjemand glaubt tatsächlich, dass ich meine was ich sage und zwingt mich dazu, mit leicht sarkastischem ton anzufügen: „ja, ich habe mich malen lassen – bis jetzt wirkt’s.“

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was auch formt, mehr noch als bosheit vielleicht, ist schmerz. ich spreche nicht von krankheit, nicht von körperlichem schmerz, ich spreche von seelischen schmerzen, die ich kaum noch kenne, da ich eine strategie anwende oder vielleicht, um optimismus vorzutäuschen, angewendet habe, die kürzlich in dem lächerlichen dating-/flirtstrategie-newsletter, der seit einiger zeit zu anschauungszwecken in einen meiner zahlreichen email-accounts aufschlägt, erwähnt wurde. der betreff „100% Kontrolle, egal wie sie reagiert“ zeigt schon worum es mir bei dieser verhaltensweise geht/gegangen ist, auch wenn man das „egal wie sie reagiert“ in meinem fall durch ein „egal was passiert“ ersetzen kann – es geht um die vermeidung negativer emotionen durch fortwährende worst-case-erwartungen. wenn du nichts erwartest, kannst du nicht enttäuscht werden, man kann dich nur positiv überraschen. das rettet vor so manchem leiden, es macht leiden fast unmöglich. man muss sich aber vorstellen, was das bedeuten kann: wenn es dir gelingt, am morgen aus deinem verdammten bett aufzustehen, ohne dir dabei den verdammten fuß zu brechen, ohne hinzufallen und sich eine blutige platzwunde am hinterkopf zu holen, dann ist das schon ein verdammter erfolg. du hast gewonnen, denn du hast ein schon fast sicheres übel irgendwie überlebt. das verändert die wahrnehmung, das verzerrt das subjektive realitätsempfinden, das macht dich zu einem anderem menschen. du lebst schmerzfrei, dir kann man keine schmerzen zufügen, denn du selbst legst dir schon immer die geistigen daumenschrauben an und spannst dich manchmal zur abwechslung dazu noch ein wenig auf die streckbank. selbst wenn dich dann jemand mit etwas trifft, fühlt sich der felsbrocken, den du soeben pariert hast, nur so an wie eine windboe oder vielleicht, wenn es richtig hart kommt, wie ein nasser wattebausch.

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