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ich stehe vorm weinregal und kann mich nicht entscheiden. es ist zum heulen. nicht, weil die auswahl zu groß wäre, nein, der schuh drückt wo anders: ich weiß nicht, ob ich das tun soll, eine flasche wein auf vorrat kaufen. ich entscheide mich dagegen, das mit dem vorrat würde wohl oder übel nicht funktionieren. bier? nein auch nicht, ich arbeite doch gerade so erfolgreich gegen die plautze an. ich kaufe eine packung mikrowellennudeln und erdbeerjoghurt von danone aus dem sonderangebot.

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musik hat mich – in den zeiten in denen es mir relativ gut ging – immer wieder vor den unsichtbaren fallen der falschen stimmungen gerettet. musik war eine gute, treue begleiterin auf all den einsamen wegen. zugegeben, es gab auch musiken, die mich ein wenig deprimiert haben, aber zumeist war ich mir dessen bewusst und wollte es auch nicht anders. mea culpa. im letzten jahr aber, habe ich mich kaum noch um musik gekümmert, genauso wie ich mich eigentlich um immer weniger, ja fast überhaupt nichts mehr gekümmert habe. ich habe nicht nur nicht mehr nach neuer musik meinen hals verrenkt, nein, ich habe es noch schlimmer getrieben und fast gar keine musik mehr gehört. vielleicht manchmal im straßenverkehr, aber einfach so aufs bett legen, musik anmachen und träumen – nicht mehr. mea maxima culpa. oder so. so oder so, man kann die vergangenheit nicht ändern, man muss die gegenwart bearbeiten und versuchen die zukunft schön zu gestalten. sagt man. ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es klingt jedenfalls nicht ganz falsch.
trotz all der schuld, die ich auf mich geladen habe, will ich an dieser ungeeigneten stelle mit meiner ungeeigneten stimme einen verweis auf eine gute musik geben: bobby baby. aber, mal im ernst, googlen müssen sie das dennoch selbst.

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„ersties…“, m. verzieht sein raubtiermaul zu einem grinsen, „ersties!“. ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll… ich habe die wahl: ich kann in das grinsen einfallen, oder zweifel aus den tiefen des inneren unbehagens ausgraben wie lang verschüttete bergleute. da ein schöner tag ist, entscheide ich mich gegen letzteres. es würde eh nicht funktionieren. m. hat gute laune, das ist ein kampf gegen windmühlen. „ja, was für witzige weltbilder die haben. als wäre die welt ein streichelzoo.“

wenig später, ich habe den bösen blick einer dritten, den ich mit meinem dreistesten lächeln beantwortet habe, schon fast vergessen, der bus rollt. wenn man so im bus hinten sitzt und sich die schmierereien irgendwelcher asis ansieht, kann man gut die ganze kultivierte schöngeisterei vergessen (auch wenn die nicht so fern liegt, proust’s gilberte swann etwa lässt verlauten: „Was liegt mir schon daran, was die anderen denken? Ich finde es einfach grotesk, wenn man sich in Dingen des Gefühls um andere Leute kümmert. Man fühlt für sich, nicht für das Publikum.“) und ich frage: „kannst du auch im traum fliegen?“

das publikum im bus reagiert auch gar nicht darauf, jedenfalls weniger als auf die zuvor von uns durchgeführten farbzählungen, die zwischen 6 und 2 farben schwanken, man kann alles runterbrechen, man kann nur die kleidung und accessoires zählen, oder wie m., der hier (selten!) mal einen ganzheitlicheren ansatz als ich verfolgt und auch noch haut und haare dazu zählen will.

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die düsternis durchdringt mich. es ist nicht unbedingt die schönste ecke der von der ostsee durchbrochenen stadt, in der nähe skandieren irgendwelche besoffenen irgendetwas unverständliches, während sie ihre bierflaschen zerschmeißen. es ist samstag, kurz vor zehn, herbst und dunkel.
an der breiten straße, deren bürgersteige kaum bevölkert sind, nur hin- und wieder huscht ein dunkles individuum entlang gehen manche der straßenlampen aus, es ist ja auch schon 22 uhr, wer soll denn da noch unterwegs sein, an dieser straße, die die lastwagen zu den fähren befördert. beim penny brennt noch licht, die letzten billigbiere werden noch verkauft, damit die nacht noch etwas länger gehen kann oder damit die nacht nicht so kalt wird, ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen, sondern mache stattdessen die musik aus, denn ich will mich nicht verlaufen und der traurige kram ist in dieser kühlen düsternis auch nicht gerade empowering.

wenig später ist es nur noch in meinem herzen kalt, wie immer bin ich in einem raum voller fremder menschen still und beobachte, wie so oft bleiben die beobachtungen ohne nennenswerte resultate, die über das offensichtliche hinausgehen.
als es sich geleert hat, bereue ich es fast, zuvor meinen begleitschutz vergeben zu haben. ich wäre gerne noch geblieben, auch wenn der grüne veltliner mit der großen aufschrift GV bereits leer war.

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schlafen kann ich zwar gut, aber es ist nicht schön aufzuwachen, weil man sich vor husten schüttelt. die nase ist auch frei wie die feindlichen kämpfer in guantanamo, jeder atemzug ist eine qual.

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„Ich mag es auf der Schuhkommode“ schreibt k. h., die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und an die ich noch länger nicht mehr dachte. ich lese den satz und muss grinsen, es geht nicht anders, es führt kein weg daran vorbei. ich sitze alleine vor meinem pc und vor einer stunde hätte ich fast gekotzt, wenn ich es zu diesem zeitpunkt nicht geschafft hätte, nicht mehr weiter zu trinken. ich lege mich schlafen und träume davon, dass ich erst in einer woche wieder aufstehen müsste. dabei war es gar nicht so schlimm auf dem geburtstag.

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