leben / kämpfen II

„du singst schön, wie eine bohrmaschine auf schlagbohrstufe“, spricht das grünnasige alien und verschwindet vor franks geistigem auge, der gerade, unbewusst begonnen hatte, unter dusche zu singen, einen eigenen, improvisierten text, der sobald er verhallt ist, auch vergessen ist. „es ist erstaunlich“, denkt frank, „das habe ich lang nicht mehr getan, einfach so irgendeinen mist gesungen, pardon, irgendwas gesungen“ (er soll ja seine leistungen nicht immer so abwerten), „ich bin also entweder kurz vorm wahnsinn, oder sehr locker.“
locker fühlt er sich nicht und der wahnsinn scheint gerade auch eher fern, ausnahmsweise, die sache mit dem frühen aufstehen funktioniert nach wie vor recht passabel, auch wenn es hin- und wieder fast zum altgewohnten verschlafen kommt, es ist schwer sich morgens aus dem bett loszueisen. noch schwerer ist es aber, in den tag zu starten und nicht der informationssucht und dem allgegenwärtigem bullshit zu verfallen, sondern etwas sinnvolles zu tun, was eben nicht bedeutet, nur zu planen etwas sinnvolles zu tun, sondern es auch wirklich anzugehen, offensiv am telefon, am pc nicht nur darüber zu philosophieren, wie das lernen ist, sondern eben auch zu lernen, die bewerbungen tatsächlich zu schreiben und dann auch noch tatsächlich abzuwerfen und so weiter und so fort.

das glück macht nach wie vor einen bogen um frank, deshalb muss er, dass hat er sich auch schon früher immer mal wieder gesagt, aber nie wirklich konsequent und über längere zeit gemacht, kämpfen, jeden tag, aufstehen, kämpfen, schlafen, aufstehen, kämpfen, schlafen – typische tagesabläufe.

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der tag ist grau, nicht originär, aber die wahrnehmung vernebelt all die schönen farben, die glänzen, brillieren, erfreuen, aber es nicht für frank tun, denn frank hat an diesem drehtag nur schwarz-weiß-film zur verfügung. nicht dass er kameramann wäre, oder gar regisseur, aber dennoch, die farben sind nicht vorhanden. und das ist kein guter farbloser film, den er da durchlebt, kein „citizen kane“, kein „scarface“, kein „der seewolf“, erst recht nicht eine fernsehaufnahme von heinz erhard, noch nicht mal „der mann der sherlock holmes war“ oder irgendein anderer fieser, nicht verbotener nazifilm. nichts funktioniert an diesem tag, und frank fühlt sich unwissender als zachry aus „der wolkenatlas“, seine sprache ist ähnlich kulturlos, aber das bemerkt man nicht, denn sprechen… nein, nicht heute. heute ist schweigen die einsame profession des tages, daran können am abend auch ein paar (an einer hand abzählbare biere nichts ändern, es fehlt einfach an menschen, die man wirklich mögen kann.

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andere tage sind farbig, fast zu sehr, es erscheinen farben, die es eigentlich nicht so gibt, das andere extrem des farbkontrastreglers am analogen fernseher, es ist unglaublich, oder nennen wir es anders: unglaubwürdig. die sirene erschallt, so wie nachts die schiffshupen herüberklingen, vom kanal her, der über einen kilometer entfernt ist, alles böse ist entrückt, die welt ist geradezu entzückt. grenzen aber gibt es noch, die unsichtbare hand verteidigt tapfer die schnalle des ledergüters, der geschlossen bleiben sollte, jedenfalls im öffentlichen personennahverkehr, auch wenn der bus alt ist und es selbst den polstern nichts mehr ausmachen könnte.

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ich stelle träume von einem salon, einem klassisch eingerichtet, louis seize, aber irgendetwas stimmt nicht, denn die hintergrundmusik klingt mysteriös, irre, ein wenig wie die russen des frühen 20 jahrhunderts, ein schales grinsen liegt auf den gesichtern, dann begreife ich, dass ich in einen schlechten film gelandet bin, oder doch in einem besseren, harry kümel oder so. ich wache auf, um festzustellen, dass ich nicht aufwache, sondern nur in einem anderem traum gelandet bin, in dem es nicht besser zu geht, copolla, apocalypse now, kernel kurtz, in etwa, nur eben verdreht, der farbkontrastregler, ich erwähnte es bereits, totenköpfe auf pfählen, und ich kann vieles, aber nicht fliehen, ich bin mir sicher nur zu träumen, aber das erwachen ist bedauerlicherweise unmöglich. noch. dann wird die nächste dusche folgen, mit wunderbarsten bohrmaschinengesängen.

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