russisches roulette

das leben, wie es sein kann
[schweiß 2010]

es ist einer dieser abende, an denen man sich wünscht, dass einem wenigstens der mond auf den kopf fiele – da einfach nichts im geringsten grade interessantes geschieht. der kickertisch ist chronisch besetzt in der kleinen kaschemme und auf der tanzfläche tanzen zwei tanzpaare übungshalber, bei denen auch jemand ohne einen guten blick senen würde, dass sie nur tanzpaare sind, anfänger, die üben, man ist froh kein zählen der schritte zu hören – und ohne es besser zu können, kann maxim nicht anders urteilen, als dass es schlichtweg an gefühl oder selbstsicherheit oder beidem fehlt.

dann etwas später, endlich hat das fordern seinen zweck erfüllt und maxim findet sich mit einem unsympathischen österreicher, der aber immerhin das spiel mit den stangen auf seine eigene, energische weise beherrscht, am tisch wieder. der ball rollt und rollt, manchmal springt er auch, aber das liegt nur an den unbeherrschten gegnern oder an den stahlharten bällen des österreichers und nicht an maxim, der gerade, da die situation es erlaubt, es vorzieht den ball leise und elegant durch die figurenlabyrinthe zu schicken, so dass es nur leise klickt, wenn er den spielfeldrand berührt oder in den untiefen des gegnerischen tores versinkt.

plötzlich dann, wie ein unangekündigtes gewitter, welches ohne langes fernes grollen plötzlich mit seinen sturzregen über die landschaft hereinbricht, welches man nur ahnen kann, wenn man die klimatischen vorzeichen der jeweiligen gegend genau kennt – und maxim tut das – betritt ein ganzer schwall leute den kleinen versifften club, in dem man so schön günstig seinen faden spaß haben kann.
unter ihnen ein quartett, irgendwie exponiert: ein weib, blau, große blonde augen, irgendwie billig, aber nicht zu sehr und drei kerle, gewöhnlich, zwei mit ansätzen brutaler fressen, ein wenig rambo-style, aber nicht so, als würden sie schon lange ins fitnessstudio gehn, zudem und das ist wohl am gefährlichsten, ebenfalls betrunken. einer, klassischer dackeltyp (klein, aber laut) mit nussknackergesicht, aggressiv, maxim rätselt ob er auf koks ist, klopft auf den kickertisch, will fordern. in diesem fall ganz klar herausfordern, nicht höflich anfragen, er faselt auch gleich los, auf den unaufälligsten seiner crew zeigend: „wir beide gegen euch beide, um 1000€.“
„nein, kommt nicht in frage.“ antwortet der österreicher promt, dialektfrei.
„o.k. 500.“
„auch nicht. nicht um geld. echt nicht. nicht dieses spiel.“
„100.“
„nein.“
„50.“
„nein.“ maxim hat genug, er muss sich einschalten, denn gerade fällt ihm wirklich der mond auf den schädel. idioten muss man idiotisch kommen, denkt er, und spricht, mit sanftester stimme, fast schon ins tuntige gezogen, unnatürlich: „um geld spiel ich nur russisches roulette.“

zwei stunden später hat sich das unglaubliche ergeben, maxim sitzt auf einem hölzernem stuhl, dem man sein hartes leben ansieht, verschiedenste farbschichten überbieten sich im abblättern, ein wenig kerzenwachs klebt auf der rückseite der lehne. der boden der halle, in der dieser stuhl sich mit maxim befindet, ist über und über mit ölflecken bedeckt, es riecht nach benzin, lösungsmitteln und schmieröl. „alles pures klischee“, denkt maxim, denn hier im halb aufgelassenen industriegebiet, welches den letzten strukturwandel nur knappp und schwer verwundet überlebt hat und beim nächsten wohl gänzlich den gang alles lebenden gehen wird, ohne je ein wirkliches leben gehabt zu haben, ist so einiges wie in so mancher hollywood-produktion: die fenster sind eingeworfen und durch ein loch in der nordwestlichen ecke der halle kann man den sternenhimmel sehen.
es ist klar und es ist klar und maxim zittert, denn aus der provokation ist durch seinen starrsinn ernst geworden, in seiner hand ist ein trommelrevolver mit einer kugel, die er gleich an seinen kopf an die linken schläfen setzen wird. 10000 oder tod, ein spiel, welches seinen körper fast tötet: könnte man mit den augen schwitzen, maxim sähe alles nur noch verschleiert. so aber sieht er das geld, und so idiotisch der dackeltyp sein mag, er ist ein ehrenmann mit zu viel geld, die einzige frage die sich stellt ist, warum er mit diesen leuten in kaschemmen geht, er könnte sich weit besseres leisten.

es ist zeit. im trüben schein des fünfhundertwattstrahlers hebt maxim die waffe, oder besser er versucht es, denn der arm versagt fast ihm dienst, kurz zuvor beim trommeldrehen ging es noch, jetzt muss er den rechten arm nehmen um die linke hand dahin zu navigieren, wo sie hingehört. kalt und schwer liegt der abzug auf der haut, es ist einer dieser momente, in denen er sich wünscht, noch seine guten alten langen haare zu haben. die hand zittert furchtbar, das hemd ist durchgeschwitzt, bald auch der pullover. er muss es tun, die würfel sind gefallen, ohnehin. „na, hast du keine eier, alter?“ der dackeltyp. maxim könnte noch aufhören, aber er will es nicht, 10000, das ist ein haufen geld – und dieses leben, zwar verdammt viel wert, aber so super schön in der letzten zeit auch nicht. wann könnte es nicht besser sein und wann nicht schlimmer, maxim sieht einstein vor sich stehen, in schwarz-weiß, sich selbst graustufig daneben in einem frack und mit einer ‚wayfarer‘ auf der nase, sonst derangiert, schwitzig und zittrig. er hört sich sprechen „ja, meister, alles ist relativ“.

then – finally – he pulls the f***ing trigger.

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