titel unbekannt

das geweine ist groß und doch verständlich, nicht fehl am platz jedenfalls. trennungen sind für die verlassenen stets hart, auch wenn da nur noch eine gefühlsillusion vorherrscht – den schmerz veringert die fadenscheinige natur derselbigen nicht. und ich bin fröhlich, nicht schadenfreude, aber es ist einer dieser magischen tage, an denen alles, was man versucht gelingt. vielleicht ist das nur so, weil man nicht zu viel versucht, aber letztlich ist es egal. man besiegt ebenbürtige gegner am kickertisch mit 10:0 und gewinnt beim pokern stets mit händen, die pre-flop schlechter gewesen wären, man bekommt ein bier nach dem anderen spendiert, die leute lachen auch über die blödesten witze, die man diesem jahrhundert bislang gemacht hat.. und bekommt noch nicht mal die verdiente tracht prügel, wenn man leute über minuten komisch anstarrt oder (wenn auch nicht auf das übelste) beleidigt.
aber zurück zum geweine, welches meine stimmung nicht verderben kann, da sie einfach zu blendend ist, es sind tränen, die auch ich hätte vergießen können, die härte dieser frau ist einfach unglaublich, man möchte fast denken, dass das lied „denn du trägst keine liebe in dir“ ihr auf den leib geschrieben wurde, oder besser auf die person, aber lassen wir das, kürzen wir solche betrachtungen ab, sie ist zu jung dafür, mit 10 bricht man noch keine herzen, jedenfalls nicht am fließband – und traurig wirkt sie auch nicht wirklich, es ist eine stahlharte eiseskälte, freundlich vorgetragen und auch wenn nicht mal live-gitarrengeschrammel ihr herz erweichen kann, kann ich mäßig involvierter ihr nicht wirklich böse sein…

*

„ich glaube, ich habe ein gutes herz“, sage ich, „ich denke, das ist es, was mich rettet, in meiner unberechenbaren arroganz, bei meinen fiesen sprüchen, meinen erfolgreichen bluffs, meinen ständigen lügen.“ bei lügen, merke ich, schaut sie auf. „lügen?“ „ja, lügen. es kommt mir manchmal so vor, als sagte ich seltener die wahrheit als ihr gegenteil. ich bin ein opportunist, ich stimme zu, auch wenn ich gegenteilige absichten habe, ich täusche, ich verberge emotionen, ich bin falsch, falscher als falschgeld.“ sie grinst, setzt an etwas zu sagen, sagt dann aber doch nichts. „ich glaube, mein studium, welches mir zuwider ist, hat mich zum lügner geformt, hat die hochstaplerei zu meiner berufung gemacht, frag mich nicht wie.“ „jetzt weiß ich, warum du nicht mehr schreibst. du erzählst deine geschichten jetzt verbal, du lügner. woher soll ich wissen, dass du mich nicht anschwindelst, da du mir gestanden hast, ein lügner zu sein? es klingt zwar möglich, sogar wahrscheinlich, dass du die wahrheit sagst, das mit dem „verbergen von emotionen“ ist sicher wahr, ich kenne keinen, der ein solcher eisblock ist, aber der rest?“ ich überlege kurz, auf die knie zu fallen und ohne grund – wir kennen uns schließlich kaum und auch nicht im entferntesten im biblischen sinne – um ihre hand anzuhalten, aber zum einen habe ich mich heute schon gefährlich positiv über ehe geäußert, und zum anderen ist der schnee, in den ich mich knien müsste dreckig, und nein, mit dem kreuz um ihren hals, mit dem sie mich satansbraten jederzeit bannen könnte, fände sie das vermutlich noch nichtmal lustig, auch wenn man natürlich nicht sagen soll, das christen generell humorlos wären und dann steht sie ohnehin mehr auf frauen. „ich wäre gerade fast vor dir auf die knie gefallen“ sage ich, leise „warum?“ „weil ich ein eisblock bin, vermutlich. ein verlogener eisblock.“, meine stimme wird wieder lauter, „ein verlogener eisblock, vielleicht aus glas, aber eher bergkristall – soll ich dir ein bier mitbringen?“

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c. redet mir fast ein drittes ohr an die backe und ich bin verdammt ihr aufmerksam zu lauschen, denn es würde sie sicher beleidigen, wenn ich es nicht täte, sie könnte wütend werden und ihre ausraster sind legendär. und auch wenn es mich nicht im geringsten interessiert, was sie erzählt, es fällt mir leicht zuzuhören, denn sie hat einfach diese beeindruckende präsenz, sie mag über familiäre streitigkeiten mit ihrem bruder und ihrer mutter reden, über prinzipien, ja, sie könnte mir etwas über die diffusionsprozesse des kaugummikauens erzählen, über den deutschen konjunktiv 2, über ihre mit arbeit ausgefüllten tage, ihren perfektionismus – man muss einfach nur zuhören, ein wenig ihr in die goldenen augen schauen, an den richtigen stellen mal ein wenig kommentieren, zum beispiel zustimmend, man muss gar nicht versuchen, selbst groß viel zu sagen, sie wird das heft schon wieder an sich reißen. aber das soll keinesfalls heißen, dass sie nicht zuhören kann, sie kann, sogar gut. und vertrauen kann man ihr auch, aber darum geht es nicht, eher um die bisous, um die umarmung vor der verabschiedung. denn amerikanische forscher, so war kürzlich irgendwo zu lesen, ich glaube es war in der welt, haben herausgefunden, dass umarmungen wichtiger sein sollen als küssen.

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