vergänglichkeit

laut hämmern meine finger worte auf papier, ihre waffe ist eine mechanische schreibmaschine, eine geräuschkulisse, bei der das wort „hacken“ wieder seinen, in zeiten leiser notebooktastaturen mit geringem hub, fast verlorenen sinn gewinnt. wie finde ich diese cd nun, dieses neue album? mir fehlen die worte. „aus dir wird nie ein musikrezensent, dir fehlt nicht nur das vokabular, sondern auch das nötige musikverständnis – deine metaphern klingen alle hohl und vergleiche solltest du dir besser gänzlich sparen.“ denke ich, und ja, da ist der zweifel wieder groß. passenderweise werden meine ohren dabei von „im zweifel für den zweifel“ beschallt, sicherlich. ja, ein zweifler das bin ich, gäbe es „zweifel“ als studiengang, das wäre mein fach, geeignetes nebenfach wäre dann noch „zeittotschlagerei“, wenn nötig. und sonst? meine konzentration ist kaum vorhanden, jeder zweite satz, den ich schreibe, ist furchtbar, die anderen sind noch schlimmer.

aber zurück zum zweifeln, das kann ich wohl wirklich einigermaßen. seit jahren kann ich nicht davon ablassen, dieses und jenes von zeit zu zeit anzuzweifeln… moment, stimmt das noch? zweifel ich noch so viel? ich zweifele daran, ob ich noch wirklich so viel zweifel, genial, großartig, aber ein berechtigter zweifel, hat der zunehmende zynismus doch dazu geführt, dass ich viel mehr akzeptiere, eine lakonische bemerkung und ich gebe mich zufrieden. oder so. wer bin ich? wer ich bin? bin ich wer?

ich weiß es längst nicht mehr. so manche position ist aufgegeben, geblieben ist ein beliebiger haufen, der positionen nur noch vortäuscht. ja, dahin hast du mich getrieben, oh verzweiflung! wer sich außer dem eigenen ableben irgendwann in der zukunft nichts sicher sein kann, der kann keine positionen mehr haben. wer sich selbst von all dem gesocks in seiner umgebung am wenigsten vertraut, da er weiß wie gut er lügen kann, der muss auch keine positionen mehr haben.
die klarheit, sollte sie jemals mein benebeltes hirn erreicht haben, ist vergangen. „man schlägt sich irgendwie durch die eigene existenz, mehr macht man nicht mehr“, denke ich und weiß, dass dieser gedanke eine lüge ist, es gibt noch ziele, nur bedeuten sie mir selbst nichts mehr. „die folter endet nie“, ein titel dieser cd, ja, ich mag die cd, das kann ich sagen, wenn ich auch in diesen liedern keine antworten sehen kann, es gibt keine antworten mehr für mich. denke ich jetzt und gleich nicht mehr, sei es da ich immer noch antworten erwarte, oder eher brauche, antwortillusionen sind mir herzlich willkommen, antwortillusionen zahlen an meiner tür keinen eintritt, nein, sie werden mit kusshand begrüßt (zweifel: begrüßt man mit kusshand?).

denn ich brauche viele antwortillusionen, ich vernichte sie wie der ameisenbär ameisen, in rauhen mengen, ich brauche viel um satt zu werden, den hunger für kurze zeit davon zu jagen, kurz ruhe zu finden, mal wieder eine nacht durchzuschlafen.

das telefon. ein konzert im schloss, mendelssohn bartholdy, eintritt frei, passenderweise tönt dabei „stürmt das schloss“ aus meinen kurzzeitig an den hals verlagerten kopfhörern, ich sage zu, denn eine meiner erlogenen eigenschaften ist kulturbegeisterung, eine farce, die funktioniert und die man mir, benehme ich mich nur borniert genug und gebe mir etwas mühe, mich gewählt auszudrücken, scheinbar glaubt.

doch es ist noch zeit, ich kann und muss noch weiter hören. eine meinung muss gebildet werden, auch wenn ich nicht bei der sache bin, vielleicht gar nicht sein kann, denn eure liebe tötet mich, all ihr leute, die ihr immer wieder auf mich setzt, in mich vertraut, was doch bestenfalls einer großen idiotie gleichkommt, denn es bringt nichts und wird nichts bringen – wäre ich ein rennpferd, so wäre ich eines, das stets vielversprechend läuft, doch niemals gewinnt, immer wieder einen meter vor der ziellinie scheut oder oder auf der schlussgerade knapp schlappmacht – bestenfalls, auch bei niedrigen quoten.

wie ich so über mich als rennpferd denken muss, bekomme ich plötzlich appetit auf hafer – ein hauch von terror umfängt mein bewusstsein, als ich realisiere, wie absurd es wäre nach diesen gedanken hafer zu fressen, nein, das ginge nicht. und joggen gehen sollte ich ohnehin mal wieder. vielleicht jetzt? die zeit könnte reichen, auch wenn es draußen eiskalt ist, aber klar ist, ich brauche vorher das album auf meinem smartphone, um nicht nur meine performance zu messen, sondern mich dabei auch in musik ergehen zu können… doch ich zögere und zögere, muss noch dieses und jenes… kurzum: zum laufen kommt es nur kurz, als ich rennen muss, um den bus nicht zu verpassen.

am nächsten tag werde ich erst spät und leicht verkatert wach, dabei will ich doch seit wochen erstmals seit jahren wieder in einen sonntagsgottesdienst gehen um zu beten, dass die vergänglichkeit, die meine gedanken so oft heimsucht nicht das leben derjenigen nimmt, die mir meines gegeben hat. doch zu spät, es ist 13:13, die doppelte glückszahl bringt mir kein doppeltes glück, mir bleibt nach zwei schokoladencrossaints und einem glas milch nur mich zu duschen, mich dann warm zu kleiden um das, nun bereits schwindende, kalte wintersonnenlicht für einen spaziergang zu nutzen, durch gefrorene schneereste an flüssigem salzwasser entlang.

am abend dann eine eventuell grobe missachtung des prinzips „keine meisterwerke mehr“, denn donnie darko spricht durch den spiegel hindurch mit frank, dem unheimlichen riesenhasen. später, nach ein paar stümperhaften drehungen an den stangen, die die welt bedeuteten und wenig definierten worten über das neue album, im flimmern und blitzen der halb defekten schreibtischlampe, der versuch dem tag noch ein wenig abzugewinnen, für das, um das es ja angeblich geht. und das einzige, das nicht vergeht, bleibt der ewige zweifel, gift in meinen adern, willens jede allzugroße zufriedenheit und zuversicht auszurotten, auf das sie vergehe, so wie auch die begeisterung für diese cd sich mindern wird, vergehen, wie alles, das lebt.

(ja, dieser text ist auch ein rezensionsversuch zum album schall und wahn der band tocotronic.)

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