(schlechte) fragmente

[kein titel] – „einleitung“

die wut verschwand irgendwann. ich kann mir bis heute nicht erklären, warum – plötzlich war einfach keine wut mehr da und ich war, wie ich immer dann sah, wenn ich es schaffte, meinen eigenen körper zu verlassen, nur ein farbloses abbild meiner selbst, als hätte da jemand am farbsättingungsregler gedreht. kleiner war ich auch geworden, unauffälliger, kaum noch fassbar, ein diffuser rest. jedenfalls erschien es mir so. andere sahen das anders, ein guter freund fragte, ob ich nun kreide fräße, oder irgendein medikament nehmen würde, ich hätte mich verändert. neutral, nicht positiv oder negativ, wurde mir versichert, während ich mich fragte, ob dieses furchtbare gefühl, weniger energie zu haben, vielleicht doch irgendwann wieder vorbeigehen würde – immer öfter ertappte ich mich dabei, wie ich stundenlang einfach nichts tat. ich saß dann auf meinem stuhl oder lag auf meinem bild und schaute nach löchern in der luft, ohne dabei fündig zu werden. ein gefühl des misserfolges, oder gar eine wut darüber, die mich belebt hätte, trat nicht ein. die lethargie schien triumphiert zu haben.

so vergingen wochen und monate, in denen ich mehr und mehr feststellte, dass mich meine eigenen gedanken selbst nicht mehr interessierten, mein eigenes schicksal mir so egal war wie irgendein beliebiges in den fernsehsendungen, mit denen ich nun ein zuvor unvorstellbares zeitkontingent verbrachte, im sessel hängend und nicht wirklich aufmerksam dem gebotenen, höchstwahrscheinlich ohnehin vernachlässigbarem inhalt, folgend.

alles schwand, alles schwindet. der text, den ich gestern angefangen habe, gefällt mir nach null uhr plötzlich gar nicht mehr, erscheint nutzlos, sinnentleert und überflüssig, pathetisch, gekünstelt und übereifrig. manchmal kann man dann doch noch weiterschreiben, manchmal nicht. das hier sind solche fragmente, bei denen ich die hoffnung aufgegeben habe – auch wenn das nicht bedeutet, dass ich mich ihnen nie mehr annehme.

letzter donnerstag

es ist donnerstag. nicht irgenein donnerstag, es ist (jedenfalls vorerst, denn wer weiß schon, was die zukunft bringt) der letzte donnerstag, an dem frank hinter der bar stehen wird, dafür sorgend, dass sich die leute in ruhe betrinken können.

noch warten ein paar stunden darauf zu vergehen, bevor frank zum letzten mal an einem donnerstag sein ehrenamt ausübt, es ist noch morgen, erst neun.

„es ist kalt geworden“, denkt frank, aus dem warmen zimmer heraus den baum vorm fenster betrachtend, dessen blätter sich gelb färben und gelegentlich von windboen gedrungen verabschieden, um zu humus zu werden. sie flattern dann noch ein wenig durch die gegend, meterweit, ein letztes winken zum abschied.

als frank angefangen hat, hinter der bar zu sein, waren die blätter auf den bäumen noch nicht fertig, es war ende april, vereinzeltes maigrün sah man bereits, mehr nicht. und jetzt ist nicht nur der sommer vorbei.

„ein guter sommer, gewissermaßen“, denkt frank, und ja, es war nicht alles schlecht. lange ausufernde sommerabende auf der wohnheimswiese, ausgiebiges grillen, volltrunkenheit, angst davor, irgendwann im delirium tremens zu enden – aber dazu ist es nicht gekommen, dazu ist selbst frank sich zu viel wert, dazu hätte es gar nicht kommen können, da es jahre braucht.

don´t look back“ hauchen die boxen des notebooks, dj shuffle hat mal wieder einen geniestreich hinbekommen, denkt frank. es ist klar: zurückblicken bringt nicht viel, im angesicht des herbstes auf einen sommer zurückzublicken, der an wärme nicht geizte, ist nicht unbedingt allzu hilfreich, wenn man nicht in trübsinnigkeit versinken will – und überhaupt, zurückblicken, wenn man zur falschen zeit zurückschaltet, fließen am ende noch tränen.

der tag vergeht, der abend kommt, im dunkeln geht frank dorthin, wo er so viel zeit verbracht hat, in diesem sommer. ein letztes mal durchfegen, jedenfalls: ein letztes mal donnerstags durchfegen.

dann, der abend, den er am nächsten tag schon fast vergessen haben wird (aber das ist eine berufskrankheit): es ist voll, und alfredo und frank reden sich ein, dass es an ihrer guten arbeit das semester über läge, auch wenn es vermutlich einfach nur der start des wintersemesters ist, der die vielen leute in den guten, alten, sich selbst stets treugebliebenen studentenclub spült – die einen kommen wieder, die anderen werden wieder kommen.

nachmittags, nachdem er mit dem ‚getreuen heinrich‘ in die stadt gefahren ist, da er nicht weiß, was er tun soll, da er sich nicht konzentrieren kann und kaum mehr als zwei halbwegs gerade gedanken nacheinander durch die gehirnwindungen kommen, geht frank allein zurück, da er befürchtet, dass ihm im bus schlecht werden würde.

zurück geht es am silbernen meer entlang, aber…

[kein titel]

es gibt cevapcici mit zigeunersauce. „es muss freitag sein“, denkt frank, die eben geholten cevapcici auf dem teller betrachtend – es ist freitag. als frank noch barmann war und verantwortung trug, wenn man das denn so nennen mag, diesen weg zum leberschaden, da gab es auch einmal freitags cevapcici mit zigeunersauce. widerlich war das, frank war geradezu speiübel.

der gedanke an eine längst vergangene übelkeit verdirbt frank den spaß am essen, aber er zwingt sich, das zeug dennoch zu fressen. es hilft ja nichts, auf halbem wege aufzugeben.

gruseltag

die suppe läuft. ich schwitze, ohne es zu wollen. gut, wann will man schon schwitzen, mag man sagen, aber ich will es nicht. ich bewege mich nicht, liege einfach nur ruhig. der kopf rumort, der magen auch – schön im dreivierteltakt.

es ist der schlimmste tag im jahr, geburtstag. wieder ist ein jahr vorüber, dass hätte besser laufen können, wieder werde ich mir vornehmen, jetzt alles anders und vor allem besser zu machen, wissend, das es nicht gelingen wird, da es nicht gelingen kann.

menschen stürmen auf einen ein, werfen einem verwünschungen an den kopf, man muss geschenke annehmen, die man nicht will und am besten dabei auch noch freude vorspielen, was mit der zeit so gut gelingt, dass man fast schon selbst an die eigenen lügen glaubt – und die eigenen lügen zu glauben ist seit jeher der anfang vom ende.

ein satz, den ich google ceo eric schmidt ein paar tage zuvor in einem video habe sagen hören, verschwindet auch nicht mehr aus meinem kopf: „we eat our own dogfood“. ich esse auch mein eigenes hundefutter.
obwohl, stimmt gar nicht: das essen an solchen tagen ist besser als fast im ganzen sonstigen jahr.

die wahrheit

„die wahrheit“, denkt frank, „ist schon ein riesiges problem. oft ist sie uneindeutig und schwer zu finden.“ während sich die blätter vor franks fenster langsam, stück für stück dafür bereit erklären, sich zu verfärben, setzt sich frank, gerade wieder genesen, schweren fragen aus. „ich sollte das nicht tun, es ist gefährlich“, weiß er, aber er kann es doch nicht lassen, seine geistige gesundheit ein wenig auf die probe zu stellen. es ist die angst, nicht mehr der zu sein, der er stets war, der er ist, es geht um die aufrechterhaltung seiner identität. frank, der grübler, frank, der worrior, frank, der ewig-sich-selbst-im-weg-stehende.

frank weiß, dass er sich von diesem bild lösen sollte. ein positiveres selbstbild, ja – aber es muss auch auf fakten beruhen, kurzum: es müssen erfolge her.

und so zerlegt er sich, wie er es nennt, um sich zu analysieren, zu bewerten und dann, vollkommen erschöpft, wieder zusammenzusetzen – „wo ist die wahrheit?“ – „wer bin ich?“ – „was bin ich?“ – fragen über fragen, fragen, die frank nicht beantworten kann, aber muss.

bei aller selbstsezierung muss der mensch dann aber doch noch essen und so macht sich frank auf den weg zur mensa, um irgendetwas gedankenlos in sich hereinzustopfen, die nährstoffsituation zu sichern. ein grotesker verstoß gegen das konzept der freude über das alltägliche – frank hat es wieder aufgegeben, „schnell aufgeben, das kann ich gut“, denkt frank.

auf dem rückweg dann, der grau erscheint, obwohl die sonne scheint und kalt ist, da vom meer her eine steife brise weht,… und weiterschreiben ging nicht, zu schlimm…

wer sich diesen krüppeln annehmen möchte, bitte sehr.

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