november

verflucht, denke ich, während ich auf die geschmacklose „tomatensoße“ auf meiner lasagne starre, „das zeug ist aber rot, könnte auch blut sein.“ durch meinen kopf rasen bilder von verschiedensten tötungszenen, von klassischer strangulation über mafiamäßige bleispritzenschießanfälle bis hin zu der kettensägenszene aus „Scarface“ (von 1983), bei der man aber nur blutspritzer sieht – nein, vielleicht doch kein blut, zu hell. wenn es dunkler wäre, dann könnte man es für blut halten, aber es ist tageslichthell in der mensa, was am glasdach liegen mag.

„November. Ein Monat ohne Herz.“, schreibe ich auf das blatt, das vor mir liegt und freue mich darüber, dass mir so ein schwachsinniger satz gelungen ist, denn das ist selten geworden in der letzten zeit. ja, ein monat ohne herz. so witzig ist das gar nicht. die ganze witzmaschinerie überhaupt, nein, nicht lustig. ein monat ohne herz. wie das stimmt. nur studium, studium, studium und ab und zu ein wenig twitter, heute diesen, morgen jenen film, konsumieren, konsumieren, konsumieren, überholen ohne einzuholen. der november ist fast vorbei und es kommt mir so vor, als hätte ich in diesem ganzen monat noch nichts vernünftiges zu wege gebracht. noch nichts vernünftiges? blödsinn! eher nichts unvernünftiges, sicherlich nichts gescheites, und das ist streng genommen viel schlimmer. ich habe keinen text geschrieben, kein layout gebastelt, kaum fotos gemacht. gelernt habe ich viel, aber gebracht hat es bislang wenig. ineffektiv, das alles. und ständig zweifel, ständig angst (auch vor menschen). „November. Ein Monat ohne Herz!“ so ist’s recht.

„‚Zeitverschwendung ist die leichteste aller Verschwendungen‘, Henry Ford “ lese ich in der zitate-box der startseite meines internetbrowsers. recht hat er, recht mag er haben. zeitverschwendung, das geht einfach, insbesondere mit der zeitverschwendungsmaschine, die ich gerade erst eingeschaltet habe. was soll ich auch sonst machen? lesen, auf papier? habe ich schon, an diesem tage, mehrere tausend worte, die größtenteils nichtssagend verhallt sind, die bedeutungen der worte (eigentlich ja: wörter) verschwammen mir heute nur so vor den augen. draußen ist es dunkel, auch wenn die uhr behauptet, dass es gerade mal 17 uhr sei, also noch nachmittag, ‚tea time‘ – woran ich mich halte: ein pfefferminztee verdampft neben mir und erfüllt die spärliche und ungenügend gelüftete kammer mit seinem frischen duft. behaglich ist es, ich habe aufgeräumt, so ordentlich war es lang nicht mehr. aber die ordnung ist nur oberflächlich, der schubladenschrank, der meine tischplatte stützt, ist seit monaten in einem zustand, den man vielleicht mit bürgerkrieg vergleichen könnte, nur weniger blutig. ich habe keine ahnung von bürgerkrieg, genauso wie ich nicht weiß, wie kalt es in russland ist (da ich noch nie dort war) und dennoch sage ich ständig „es ist aber auch kalt wie in russland!“ – ich kann nicht anders, als es zuzugeben: ich äußere mich wie ein idiot, rede von dingen, von denen ich so wenig ahnung habe, wie ein gewöhnlicher fisch vom radfahren – und auch das weiß ich nicht wirklich, vielleicht wären fische ja die geborenen radfahrer, wenn sie nur nicht unter wasser leben würden und beine hätten.
„Ein Vollidiot bin ich gern“, singt es da aus den tonausgabegeräten meines notebooks, ‚Element of Crime‘, das passt gut zu dieser katerstimmung, die besteht, obwohl ich seit wochen keinen alkohol mehr trinke (und übermäßig spät gehe ich auch nicht zu bett in der letzten Zeit), „der letzte Verstand, da geht er.“ oh ja, der letzte verstand muss mich vor monaten verlassen haben, denn… ich weiß auch nicht. genauer: nichts mehr. jeden morgen, wenn ich mich mühsam aus dem bett quäle, denn diesen ganzen november schlafe ich schlecht, sehe ich einen imaginären croupier vor mir stehen, grinsend: „rien ne va plus – nichts geht mehr!“

auch croupiers kenne ich nur aus filmen, auch wenn ich mal für ein paar minuten in einem französischem casino war, wenn ich mich recht entsinne, muss das in dinard gewesen sein. dinard liegt bei saint malo, einer stadt mit imposanten stadtmauern, im 2. weltkrieg durchaus beschädigt, aber anschließend wieder weitgehend aufgebaut. wenn ich so zurückdenke, frage ich mich, zu welcher jahreszeit das gewesen sein mag, entweder war es wohl im frühjahr, oder im herbst – bei all den farbigen bildern, die mir zum mont st. michel, rennes, dinard und saint malo einfallen, weiß ich nur, dass es nicht sommer war und nicht winter, mäßig warm also, in der schönen bretagne, gelegentlich regnerisch. wie die meisten erinnerungen sind die bilder in meinem kopf unscharf, ungenau, ja, bei manchen bin ich mir nicht sicher, ob ich sie richtig zuordne. etwa wenn es um busfahrten geht, also längere, da habe ich einige hinter mich gebracht, die ich spontan nicht wirklich auseinander halten kann, es braucht immer ein wenig zeit, um zu wissen, ob es da nach rumänien, in die bretagne, die schweiz, nach schottland oder rom geht, wenn ich mich plötzlich bildlich erinnere, was in letzter zeit oft geschieht, vermutlich aufgrund meiner miserablen situation – moment, miserabel? je unbewusster man schreibt, desto wahrer? ich weiß nicht, was miserabel ist, ok, ich fühle mich selten gut und oft schlecht und bin wohl zu einsam, aber macht das gleich eine miserable situation? und ist das nicht letztlich auch egal?

wenn ich träume, dann reise ich. die traumfetzen, an die ich mich erinnern kann, wenn ich morgens wieder erwache, ereignen sich alle nicht im „jetzt“ und nur selten im „hier“. ich unternehme reisen durch verdrehte vergangenheiten voller grauer städte und in diffuse zukünfte, farbiger als das leben und wenn ich dann wach werde, ein mühsamer vorgang mit bereits beschriebenen croupier, dann muss ich immer erstmal feststellen wo ich bin, wer ich bin und womit ich mich beschäftige. das geht mal sehr schnell, mal dauert es länger. und ich bin in meinen träumen niemals im november unterwegs, mal stapfe ich durch februarschnee, mal ist weihnachten, oft frühling oder sommer, hin und wieder sogar oktober. november ist nie. „warum kann das jahr nicht einfach 11 monate haben? dann könnte man diesen trübsinnigen november wegfallen lassen..“, denke ich und weiß, dass das genauso mist ist, wie opposition für franz müntefering. denn diese tage gingen trotzdem nicht, sie hießen nur anders.

und dann, ständig, wenn auch nicht unablässig, szenen aus meiner Vergangenheit vor augen. ob sie jahre zurückliegen oder nur tage, ob sie sich mit personen abspielen, mit denen ich eine beziehung hatte oder mit denen ich nur dieses eine mal gesprochen oder interagiert habe: sie gehen mir nicht aus dem kopf. und auch wenn ich bei einigen bereits irgendwann des rätsels lösung fand, das „richtige“ verständnis für diesen satz, jene tonlage, dieses zwinkern oder was auch immer – es kann sein, dass ich mich beim nächsten mal, wenn mir diese, nun eigentlich gelöste situation, szene, begebenheit vor augen kommt, mich der „lösung“ partout nicht entsinnen kann. und er quält mich weiter, dieser eine, launige satz einer ex-freundin, dessen bedeutung ich damals nicht ergründen konnte.

„du hast dich in eine argumentative und philosophische sackgasse verrannt, ohne wendehammer. du musst den rückwärtsgang einlegen und da raus.“ wie leicht sie das sagt. „ich habe keinen.“ denke ich, dann sag ich es. dumm von mir, so etwas zu sagen, aber im moment kommt es mir wirklich so vor. jedes schlamassel, in das ich mich stürze, muss ich bis zum letzten auskosten und wenn es dann vorbei ist, dann brauch ich das nächste. bis zum ende und noch weiter. und schlamassel stammt nicht umsonst aus dem westjiddischen. wir erinnern uns…
wobei auch das letztlich keine rolle spielt, denn auch wenn ich recht haben könnte, hat sie doch recht, diese pythia, dieses verfluchte orakel, ich bin mir so sicher, dass sie keinen schimmer hat, was ich denke, fühle, bin – und doch liegt sie stets allzu richtig, es ist wahrhaftig gut, dass ich nicht an übersinnliches glaube, denn täte ich es, so wäre ich wohl noch verwirrter, als ich es ohnehin schon bin, würde gegenüber jeder beliebigen person behaupten, dass ich das orakel wiedergefunden hätte und alsbald eingesperrt werden – oder wäre das am ende besser?

das einzig gute was bleibt, in dieser zeit, in der mein blut allzu unverdünnt durch meinen körper fließen muss, ist so etwas, dass kaum greifbar ist, denn es ist die tatsache, dass meine tagträume andere sind, als die, die ich habe wenn sich die sonne nicht zeigt, genauer, denn wir sprechen ja vom november, vom fast-winter (in dem nicht nur die natur erstirbt, sondern auch die gebäude zu verfallen scheinen und ich auch), von mitteleuropa, wenn die sonne sich seit mehreren stunden nicht mehr zeigt, der wind da draußen vor dem fenster einsam durch die starren äste fegt, an denen er keine blätter mehr zum abreißen und spielen findet. und auch bei mir gibt es nichts mehr zum abtrennen, jeder gedanke mir selbst den kleinen finger der linken hand zu nehmen ist gegangen, da es ja auch letztendlich nichts ändern würde, sogern ich das hätte.
und hoffentlich ist bald dezember, der richtige winter in dem dann wahrlich alles erstirbt um aus dem reflektierten licht der schneedecke neu zu erstehen, nur um erneut zu vergehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s