in dunkler nacht

„Bester Beweis einer guten Erziehung ist die Pünktlichkeit“, das ist von g. e. lessing überliefert, und wenn daran ein funken wahrheit ist, dann ist frank wohl gut erzogen. oder er war es jedenfalls mal. frank hat nie großen wert auf die pünktlichkeit anderer gelegt. gut, es ist kein schönes gefühl, versetzt zu werden oder warten zu müssen. aber frank hat sich nie deswegen beschwert, so weit er zurückblicken kann, er hat versucht, verständnis zu haben, noch nicht mal enttäuscht zu gucken. und in den wenigen fällen, in denen er zu spät war, hat er sich stets entschuldigt. so war es jedenfalls einmal. jetzt aber kommt es öfter vor, dass frank zu spät ist. es ist ein symbol dafür, dass sein leben aus den fugen geraten ist. oder sogar ein symptom?

überhaupt ist frank nicht ganz da. er kann sich schlecht konzentrieren. er vergisst sachen. er redet wirres zeug, selbst wenn es ihm nicht egal ist, selbst wenn er mit stella spazieren geht, die wieder zurück ist und schon wieder studieren darf.
aber das ist auch alles egal. frank ist krank. nicht nur im kopf, auch seine nase läuft marathon und gelegentlich trainiert er für die nächste meisterschaft im „krass husten ohne zu verrecken“ (khozv) – es ist unnötig noch zu erwähnen, dass er nichts effektiv, maximal effektiv nichts machen kann.

frank geht abends spazieren, wenn es dunkel ist, allein durch den wald. er hustet sich die lunge aus dem leib, und wenn ein später vogel kreischt, fährt er zusammen, als drohe gefahr von vereinzelten eulen. es ist fast vollkommen dunkel, neumond, aber der himmel ist sternenklar, vereinzelt sieht man den lichtschein von fernen straßenlaternen durch die bäume blinzeln. die kopfhörer auf franks ohren singen „es ist nicht schön, allein zu sein“ aus dem lied „morgen wird wie heute sein“ und frank weiß aus seinem leben heraus, dass beides wahr ist. wird er seinen geburtstag feiern? erleben wird er ihn, wenn nicht ein unfall geschieht oder die leichte grippe tödlich wird, so viel ist klar, dass hat er beschlossen, aber das war es dann auch. was soll man tun? er weiß, er darf sich nicht hängen lassen, muss sich ständig selbst in den faulen arsch treten, er weiß aber auch, dass sich das leichter denkt und sagt, als es tatsächlich umzusetzen ist.

die schatten des damwilds hingegen stören frank nicht, es sind schöne zahme tiere, im vergleich zu jenen ist er ganz klar das raubtier. er muss daran denken, wie er mal ein schaf gefangen hat und muss schmunzeln. „ja, wo ist der unterschied? haben tiere auch depressionen? sie hätten das recht dazu, so wie die menschheit mit ihnen umspringt“, denkt frank. ein falscher gedanke, denn er lässt das durchbrechen, was ihn seit jahren gelegentlich fertig macht, jenes, was seine mutter stets „weltschmerz“ nennt. dieses gefühl, welches frank lähmt, weil er weiß, dass er unmöglich gegen diese ganze scheiße angehen kann, die ihn bedrückt, er alleine ist zu schwach, ja gelegentlich sogar nicht stark genug dazu, all diesem wahnsinn mit seinem verhalten im kleinen rechnung zu tragen, etwa dann, wenn er heizt, aber das fenster den ganzen verdammten tag auf kippstellung lässt.

die lichtung ist erreicht. frank wundert sich, dass es so menschenleer ist, er scheint der einzige mensch in diesem wildpark zu sein. er versucht sich vorzustellen, dass alle anderen menschen tot wären und er der letzte seiner art sei – es ist vollkommen klar, wie er handeln würde – um nicht den gedanken zu denken, der ihn seit über einem jahr wieder täglich peinigt, denkt er: „ich würde die menschheit vollends ausrotten – sofern das möglich ist, in einer solchen situation“.

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