anti-mephisto

„Ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

— Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vers 1336 / Mephistopheles

„so weit ich denken kann, so weit meine erinnerung reicht, ist es immer so gewesen, dass ich mich stets bemühte, für ausgleich zu sorgen, konflikte so friedlich wie mir möglich bei zulegen, harmonie zu bewahren. und über lange jahre gelang mir dieses, so fern ich es denn wirklich wollte und mich nicht meinem jähzornigen temperament hingab, nicht meine wut mich ergreifen ließ, mein handeln mit dem bestimmte, was man landläufig verstand nennt, nicht allzu schlecht.“

„mit der zeit aber, mit den jahren, nachdem ich die ein oder andere krise durchgemacht hatte, durchaus existentieller natur, nach jahren, die den enthusiasmus und die gutgläubigkeit meiner kindheit und frühen jugend gänzlich aufgezerrt hatten, die mich zynisch gemacht hatten, verließ mich mein glück. ich wollte nach wie vor keiner person schmerzen zufügen, die das nicht verdiente, aber mein gefühl hatte mich verlassen. wollte ich eine diskussion auf freundliche weise zu einem ende bringen, kam es zu tränen und schlimmer noch war es, wenn es um mehr als diskussionen ging, etwa ernstere zwischenmenschliche verhältnisse.“

„goethes faust hatte ich in der schule nur widerwillig und wenig aufmerksam gelesen, aber jahre danach fand ich eine ausgabe, die faust I und II vereinte, als ich aufräumte. ich wollte das buch lesen, um es danach in ein antiquariat zu geben oder wegzuwerfen, und da ich wenig zeit hatte, verschlang ich das buch in erstaunlich kurzer zeit, was auch daran gelegen haben mag, dass ich nun eine ganz andere sicht auf diese verse hatte, als in den naiven tagen meiner jugend.“

„als ich faust II ebenfalls absolviert hatte, nach knappen zwei tagen, die nur aus lesen und dem ordnen meiner angelegenheiten bestanden, in denen ich mir kaum zeit zum schlafen und noch weniger zeit zum essen gönnte, schlief ich erschöpft ein. der traum war groß und leer, so wie meine träume zu dieser zeit stets waren und sie spiegelten meine fehler wieder, quälten mich mit situationen, die ich lieber vergessen hätte. eine stimme sprach zu mir aus der gestalt einer person, die schon vor jahren das zeitliche gesegnet hatte (so etwas erschreckte mich aber nicht mehr, denn es geschah nicht allzu selten, dass ich den geistern der vergangenheit in träumen begegnete):
‚du bist ein teil von jener kraft, die stets das gute will und stets das böse schafft.'“

„nach diesem satz wurde ich wach, schweißgebadet, und ich musste stundenlang über den satz nachdenken, den mein alter, toter onkel mir auf den weg gegeben hatte. ich war wie gelähmt, konnte nichts tun, musste erst diesen satz verarbeiten. und ich ging die geschichte meines handelns durch, und ganz falsch war das nicht. meine ideale verriet ich durch mein handeln, oder wenigstens die ergebnisse meines handelns ständig. es tut nichts zur sache, ich will keine beispiele nennen, es würde zum einen nichts ändern, zum anderen will ich nicht mit meinen geschäften prahlen. jedenfalls: ich erkannte, dass ich der anti-mephisto bin. seitdem ist dies mein geheimer name.“

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