die berge und das feuer

es brennt. ein bär brennt, übergossen mit spiritus. er krümmt sich, zerläuft, es riecht abscheulich. die umstehenden, die häscher, sie genießen es. sie haben den anschlag seit tagen geplant. und jetzt brennt er, der verdammte bär, es ist das einzige, was er noch verdient. er hat sich mit den falschen angelegt, den falschen dreist ins gesicht gelächelt.
und ordnung muss sein.

frank ist in der schweiz, auf einem berg, er ist nicht allein dort und auch wenn sein verlangen nach solitude nicht gerade gering ist, bereut er es nicht, dort mit seinem vater und seinem bruder zu sein. denn es ist eine andere welt, sie scheint vermutlich freundlicher, als sie ist – und frank, der ein verdammter tagträumer ist, würde, wenn er allein hier wäre vermutlich so manch fixer idee aufsitzen, vom weg abkommen und fallen, den abhang herab – wer weiß schon, was passiert, wenn man die jeweilige realität, die ebene in der man sich befindet, verlässt und unbekanntes terrain erkundet.
und selbst, wenn man sich so verhält, dass der berg ein freund ist, darf man nicht vergessen, dass man auch mit freunden mal aneinander gerät oder besser auseinander.

an einem bergsee, einsam, wenn auch nicht allein, er sieht einen schwarm kaulquappen in einer pfütze, nicht nur das, auch blumen in vielen farben, klein und zart, in dieser natur, über der gestein und eis thront, eine ständige drohung für all dieses leben, denn es könnte dem gang des wassers folgen, dass in bächen und wasserfällen der schwerkraft folgt, sich im see eine kurze ruhepause gönnt, um dann den langen weg ins schwarze meer anzutreten. es ist nicht so, dass frank nichts an nichts anderes denken kann, aber die vorstellung, dass all das, was oberhalb ist, ins fallen geraten könnte, so wie er selbst beständig alles vor seinem geistigen auge zerfallen und zerbrechen sieht, fasziniert ihn, lässt ihn nicht los und er ist froh darum, dass es so ist und nicht anders, beim gedanken an all die gedanken, die er in den letzten tagen noch hatte, die er festgehalten hat in seinem grellgrünen notizbuch, das er nicht mochte, bevor er begann, es zu nutzen – jetzt ist es das wichtigste objekt, er würde eher sein leben hergeben, als dieses buch, welches seine geheime welt verbirgt, auch wenn dieser gedanke durchaus seine schwächen hat, da er, wenn er sein leben gegeben hat, auch das buch verliert, es sei denn, er könnte es im letzten moment noch verspeisen oder verbrennen oder irgendwie vernichten, wenigstens unauffindbar machen.

aber sie fallen eben nicht herab, die felsen oberhalb, sie wollen noch nicht diesen weg gehen, sie scheinen zu beabsichtigen, die höhenluft noch ein paar minuten, stunden, tage, wochen, monate, jahre, jahrzehnte, jahrhunderte, jahrtausende (wer weiß das schon?) genießen zu wollen was bedeutet, dass der aufstieg weiter gehen muss, die blühende natur am see bald aus franks blick entschwindet, unsichtbar wird, er wird nur noch das wasser sehen, nicht blau, sondern mintgrüngrau, gletscherwasser, das ufer wird seinem blick entschwinden, als hätte es niemals existiert und doch bleiben, bis die große lawine alles zerstören wird, eines tages, den noch niemand kennt.

ospizio bernina ist eine bahnstation der berninabahn, alp grüm ist eine andere, der weg dazwischen ist nicht besonders lang, aber frank geht ihn dennoch, zu fuß, allein, da er sich mit dem rest seiner anwesenden familie scheinbar wieder einmal hoffnungslos entzweit hat in der diskussion über irgendwelche belanglosigkeiten, es ist von vornherein klar, das sich die wogen bald geglättet haben werden, aber jetzt im moment geht frank seinen weg allein, so schnell er kann, denn auch wenn der weg kurz ist, es ist sein trainingslager hier und diese ganze natur mit ihrer atemberaubenden schönheit soll ihn nicht zu sehr in seinen melodramatischen gedanken stören.
die natur aber scheint kein gefühl für franks gedanken zu haben, nach dem der lago bianco passiert ist, erscheinen, nach einem kurzen gang mit auf und ab, als frank ein schönes, sonniges plateau mit schmalem, schnurgeradem pfad betritt zur linken schöne berge, zur rechten das berninamassiv mit wasserfällen und gletschern und bald, nach ein paar weiteren metern tut sich ein blick in das tal von poschiavo auf, es ist nicht irgendein blick, es ist ein verdammt atemberaubender, man sieht siedlungen und weiter abwärts, le prese am lago di poschiavo. und als frank am rande des plateaus angekommen ist, nimmt er einen weg, der für die an diesem tag ausnahmsweise den militärstiefeln vorgezogenen sportschuhen eine nummer zu rutschig ist, denn der boden ist überzogen von schmalen gesteinssplittern, die ihn ganz gut rutschen lassen – aber als ein glückspilz, der er ohne frage ist, auch wenn er das nicht zu bemerken pflegt, passiert ihm nicht viel, er erreicht alp grüm unversehrt, um von dort aus, nach dem er den gedanken verworfen hat, weiter ins tal abzusteigen, der schuhe wegen, mit dem nächten zug nach poschiavo zu fahren, einem jener raren orte in der schweiz, in dem italienisch gesprochen wird.

frank übersteht die stunde, die er auf eigene faust in poschiavo verbringt, ganz gut – zunächst kauft er sich grissini in einem kleinen geschäft, bei leibe kein supermarkt, ein einfaches lebensmittelgeschäft, und seine drei bis vier brocken italienisch reichen, prego, mille grazie, bongiorno, ciao – es kann tatsächlich genug sein, auch wenn er sich sicher ist, das sein akzent ihn verrät, da dieser bestimmt schrecklich ist, aber man kann nicht alles ändern. danach sitzt er auf einer bank am bach, der den ort kanalisiert durchschneidet und liest eine weitere episode aus dürrenmatts „meine schweiz“, um dann recht bald zum bahnhof zu gehen, an dem nun, eine stunde nach ihm seine eltern und sein kleiner bruder eintreffen, man verbringt weitere 45 minuten in poschiavo, darüber diskutierend, dass es besser gewesen wäre, fahrkarten bis le prese an den lago di poschiavo zu lösen, da poschiavo sich einem jedenfalls in der knapp bemessenen zeit nicht wirklich erschließt, ein see hingegen, ein see – ein gelatto am see und die welt ist, gerade an einem heißen sommertag wie diesem, 800 höhenmeter tiefer und einige grade mehr als mittlerweile gewöhnt, ein schönerer ort.

dann der rückweg, wenn man sich vorher quietschend herabgeschraubt hat, in unzähligen kehren und kurven, schraubt man sich nun wieder hoch, gezogen von gleichstrom auf der breite eines meters, stück für stück, es kreischt und dauert, irgendwann ist die höchste stelle am lago bianco erreicht, 2300 meter über dem meer – und nebenan, man sieht es aus dem fenster, geht es noch mal 1700 meter höher, so dass man sich nicht dem höhenrausch hingeben braucht, da ersichtlich und klar ist, dass man nichts erreicht hat – so denkt es sich jedenfalls frank, der sich nebenbei notizen widmet, versucht, personen zu beschreiben, insbesondere eine junge französin, die ihm schon auf jener fahrt nach ospizio bernina auffiel. und er stellt abermals fest: „wenn ich beschreiben will, wirklich beschreiben, so, dass das ergebnis lesbar ist, dass meine worte nicht ein diffuses, unklares bild zeichnen, so muss ich noch viel lernen, wege finden, die wichtigen konturen zu erkennen und mit wenigen worten klar zu zeichnen.“

letztlich ist dieses fragment, aus franks notizbuch entnommen, ein symbol dessen, was frank die ganze zeit fühlt, wenn er nachts aufwacht, weil ihn ein alpdruck geweckt hat oder er einfach nur durstig ist – er fühlt sich hilflos, die pläne, die er hatte, als er nach pontresina kam, lang, über ein semester geformt in dem zähen prozess, in dem sich die pläne bilden, die frank tatsächlich umzusetzen gedenkt, scheinen ihm entweder nicht erreichbar oder sinnlos, er zweifelt daran, dass die wanderung, die er sobald als möglich an diesen aufenthalt, dieses bergige trainingslager anschließen will, ihm irgendetwas bringen wird außer schmerzen, die bei den distanzen, die er plant wohl unabwendbar sind. und der andere plan, nein, den verwirft er in einer dieser nächte, im dunkeln bei offenem fenster notierend: „es kann nicht gut werden, was ich da plane, meine skizzen, die bestehenden szenen sind allesamt schwach, kranken an mangelnder detailliertheit und belanglosigkeit und doch sehe ich mich nicht im stande, bessere als diese zu schreiben.“

lediglich auf dem berg, oder genauer, beim aufstieg oder abstieg, schweißtreibend muss es sein, und ständig neue ausblicke freigeben, ist dieses diffuse gefühl, welches manchmal in gedanken gipfelt, deren tristes thema die frage ist, ob es nicht besser wäre, nicht zu existieren als so, nicht da — in der flora und fauna der alpen, mit der stellenweisen buntheit, die in ihrer zufälligkeit in franks augen schöner ist, als es der schönste park sein kann, den insekten, den pfiffen der murmeltiere, den sich ewig ins tal stürzenden wassern, diesem ständigen gegensatz zwischen kargheit von felsen und gletschern und dem pflanzenreichtum der almen und täler, dem klang der kuhglocken unsichtbarer herden – lediglich unter dem einfluss all dieser eindrücke und der erschöpfung fühlt er sich gut. danach verurteilt er sich selbst für seine andauernden zweifel, seine schwarzsichtigkeit, die nicht geht, obwohl das essen gut schmeckt und die natur eine augenweide ist, die luft rein, die sonne so wärmend, fragt sich, ob er notwendigerweise so enden musste, wie er ist, oder ob da nicht vielmehr ein verlangen ist, sich schlecht zu fühlen, ein „worrior“ (warrior + to worry) zu sein, denkt, dass es vielleicht helfen könnte, dazu überzugehen, die umgebung genauer wahr zu nehmen, genauer zu beobachten und sich selbst dabei, das ist am wichtigsten, mehr freude über kleine dinge zu erlauben. aber nachts, wenn die sonne im westen hinter den gipfeln bei st. moritz versunken ist, dabei diese gipfel hat glühen lassen, in der einsamkeit der nacht — das hatten wir schon.

dann geht es zurück, er hat es tatsächlich geschafft, in 8 tagen kein ernsthaftes gespräch zu führen, er ist dem immer wieder entflohen, und der zug wird ihn in 13 stunden von der welt des gebirges an die heimische ostsee bringen, zurück dorthin, wo er lebt, mal gern, mal ungern, dorthin, wo sein leben vor sich hin mäandert, ziellos, sinnlos, nutzlos, ein verlust von etwa 1700 höhenmetern in dreizehn stunden, wenn man sich von höhenmetern etwas kaufen könnte, wenn sie kapital wären, dann wäre man an der ostsee recht arm, an diesem „mare balticum“, welches noch nicht mal eine wirkliche brandung aufweist. „ein gebirgssee im tal, salzig“, denkt frank und muss grinsen, in einem zug, in dem sich neben ihm schweizer landjugend mit alkohol und schnupftabak für zürich vorbereitet.

schlussendlich, als er die stadt an der förde erreicht hat, stellt er fest, dass er keine freude mehr empfindet, hier anzukommen, zum ersten mal in fast drei jahren, der zauber ist verflogen, die einstige schönheit wird von der hässlichkeit der offenen wunden und fragen des lebens überschattet.

am nächsten abend, nach einem tag voller überlegungen und bestellungen, um diese wanderung realisieren zu können, jene wanderung an die er nicht mehr glaubt, der er zuvor in seiner idiotie eine große heilende wirkung zuschrieb, die er nur zu einem kleinem teil des ursprünglich gedachten umfangs absolvieren wird, denn was im leben fehlt ist die zeit allein, und frank verschwendet sie gern – ein ’sit in‘ in der wohnheimküche, es ist genauso, wie es schon vor einem jahr war, man betrinkt sich ein wenig, dann geht man zu unsinn über, dazu sich mit einem softball in pflaumiger footballform abzuwerfen – ein gewisses glück in der sinnlosigkeit jener handlungen führt weiter, frank fällt etwas ein: „wir müssen den bären verbrennen“, das hat er mit dem getreuen heinrich schon vor seiner abfahrt ausgemacht, und da frank spiritus hat, stellt es auch kein problem da, diesen spielzeugbären aus billigster ostasiatischster produktion, vermutlich produziert von kinderhänden, zu richten, für das, was er tut.

und es brennt, ein bär brennt, übergossen mit spiritus. er krümmt sich, zerläuft, es riecht abscheulich. die umstehenden, die häscher, sie genießen es. sie haben den anschlag seit tagen geplant. und jetzt brennt er, der verdammte bär, es ist das einzige, was er noch verdient. der bär hat sich mit den falschen angelegt, den falschen dreist ins gesicht gelächelt.
und ordnung muss sein, denn die berge sind weit weg, die errinnerung an sie ähnelt der an einen schönen traum, scheint nicht mehr real passiert zu sein beim blick auf den brennenden bären, dessen grinsen nicht schwindet, da er niemals lebte, er ein produkt einer welt ist, die so weit von den kaulquappen am bergsee entfernt ist, dass sie ein stern sein könnte, dessen licht man noch sieht, obwohl er längst erloschen ist. und das dach über franks kopf will auch nicht einstürzen und ihn unter sich begraben – es geht weiter.

er wird wandern müssen.

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