fliegen und bienen

frank liegt auf seiner decke und mampft weiße kokosschokolade, die schokolade ist bio und frank denkt: „aus biologischem anbau“ und er kann nicht anders als sich weiße kokosschokoladenbäume vorzustellen, sie sehen aus wie weiße palmen, aus ihrem holz und ihren früchten wird kokosschokolade gewonnen. und während er die bienen von einer kleeblüte zur nächsten fliegen sieht, muss er daran denken, wie sein bruder ihm erklärte, man nenne honig in seinen kreisen bienenkotze — eine fliege setzt sich auf seinen fuß, das gefühl alt zu sein wird unerträglich, er fault schon, deswegen ist die dicke schillernde fliege auf seinem fuß, er wird sie verscheuchen und verscheuchen – ohne jeden effekt, irgendwann wird er keine kraft mehr haben und die fliege wird sich an ihm sattessen, an seinem kadaver – er weiß um die absurdität dieses gedankens, aber das ändert nichts am vorhandenseins des gedankens, an dem schmerz in der brust, der von zeit zu zeit auftritt, er ist absurd, alles ist absurd und er ist erst 23.
in all diesen gedanken ein rufen, es ist lukas, eine frisbee segelt dicht an franks kopf vorbei, also ist gleich schluß mit lesen und üblen gedanken – frank ist nicht böse darum.
zwei stunden später, frank ist immer noch auf der wiese; er liegt wieder rum, er hat mit lukas und lukas freundin frisbee gespielt, er kann das buch nicht mehr lesen, es wird nichts gesagt, aber jegliche konzentration ist dahin, er denkt an dies, denkt an das, seine mütze wird ihm vom kopf gerissen, man will kirschen drin aufbewahren, er ruft „meine mütze ist kein kirschenfänger, ihr kackbratzen“, er ruft stockend, erschöpft und die fliege ist auch wieder da, „ich faule“ und megalomaniac dringt in seine ohren aus den altvertrauten kopfhörern, stella ist da, frank kann nicht reden, kann nichts, noch nicht mal rumliegen, er steht auf, geht ein paar schritte, gehen klappt auch nicht, und der multivitaminsaft ist ihm durch den fischgeruch verdorben, der von lukas freundins leerem fischteller herüberweht und sich in franks nase verfängt.
dann rafft er sich auf und will gehen, einkaufen, vielleicht wird die dicke schwarze wolke in seinem kopf gehen, wenn er was isst und ein bisschen schläft, sich ruhe gönnt, ohne verrücktes buch und ständige beschallung, sich stille gönnen – und er da er dummerweise lukas freundin, deren mitbewohnerin und christoph verrät, wo er hingeht, soll er was mitbringen und als er nein sagt, geht und wieder kommt, da er sein portmonaie in der umhängetasche vergessen hat, schusselig wie er nun mal ist, da soll er versprechen, was mitzubringen – jeanette, so heißt die mitbewohnerin von lukas freundin, deren name übrigens nina ist, hat seine tasche genommen. frank rastet fast aus, er ist unleidlich, er weiß es. christoph faselt was von gentlemantum, worauf frank ihn anfährt: „wenn ich kein gentleman wäre, würd ich sie jetzt einfach ausknocken, dann hätte ich die tasche, also halt bloß dein maul.“
schließlich hat er sein portemonaie, er geht einkaufen und bevor er ankommt fühlt er sich schlecht, es ist klar: er wird eis mitbringen und er wird sorgfältig auswählen, dann wird er sich zurückziehen, notfalls für den restlichen tag, er braucht ruhe, zeit für sich allein, ninas geburtstag wird er nicht mitfeiern, so viel ist klar.
er kommt wieder, entschuldigt sich, stella spielt nicht mehr mit sina volleyball, sie ist weg, frank denkt „jetzt haben wir uns gar nicht unterhalten“; er geht nach hause, backt sich frühlingsrollen, trinkt orangensaft, hört keine musik mehr, legt sich schlafen.
gegen halb zehn wird er wieder wach, er weiß, das jetzt gerade fussball gespielt wird, stella hat ihn, während er seine frühlingsrollen verzehrt hat, noch deswegen kontaktiert; frank, mürrisch, hat gesagt, dass ihn das nicht sonderlich interessiere.
er schaut im internet nach: deutschland führt. und er zieht sich was an und geht nach draussen, schauen, ob da jemand ist, und tatsächlich: lukas steht mit dennis draußen herum, er hätte wetten können, das diese beiden jetzt gerade fussball gucken. nach etwas smalltalk gehen sie in die küche von natalie, der kleinen französin, es ist nicht nur sauber dort, es gibt auch einen kleinen fernseher, man darf rauchen – auch wenn frank das nicht betrifft. gegen englands u21 in einem finale ist selbst frank, ehemals bekennender antideutscher, für die eigene nation und natalie bewirtet ihre ungebetenen gäste gut, backt einen kuchen, sie kann gut backen, frank hat schon einmal einen kuchen probiert, den sie gemacht hatte: großartig.
frank sitzt still, das spiel läuft, man kommentiert die ballwechsel, frank sieht mal zum fernseher, mal schaut er sich um, es gibt hier sachen mit kyrillischer beschriftung, ihm fällt ein, das natalie hier mit ein paar bulgaren lebt, gelegentlich schaut er natalie an, er denkt über sein leben nach: „ich darf nicht mehr an stella denken, wenn ich im nüchternen zustand nicht mit ihr reden kann, hat das alles keinen wert, nicht den geringsten wert um genau zu sein, ich muss überhaupt aufhören, so viel zu grübeln, es bringt mich um.“ dann, ein tor, frank freut sich ein wenig, dünne, oberflächliche freude, 3:0, schönes tor und die stimmung ist gut, es ist klar: deutschland ist europameister, und frank ist froh, das niemand sagt „wir sind europameister!“, denn das ginge ihm dann doch zu weit, dieses dusselige identifikationszeug.
das spiel geht weiter, es fällt noch ein tor, dann ist es vorbei – man bleibt sitzen, da der kuchen noch nicht fertig ist, es braucht noch vanillepudding, lukas macht ihn – dann geht man eine etage tiefer in eine andere wg, der boden ist dreckiger hier und frank schweigt weiter, schafft es aber immerhin, nicht zu viel nachzudenken, der gedanke an die fliege ist weg und die surrenden bienen schon lange vergessen.

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