schweiß (herr d. / 3rd person rmx)

es gibt diese tage – herr d. nennt sie schweißtage – da kann herr d. kaum arbeiten, weil ihm zu viel im kopf rumgeistert, was sich nicht verwerten lässt, oder was er nicht verwerten will. dann sitzt er rum und drückt sich, kann nicht schreiben, nicht lesen, nicht heben, kaum sitzen, fühlt sich nicht frei, nur gefangen, in einem selbst gebauten käfig mit silbernen stangen. wenn er sich nicht sicher ist etwa, was eine person von ihm denkt – oder sagen wir es direkter – für ihn fühlt, etwa eine person, bei der er sich nicht sicher ist, was er von ihr halten soll. oder wenn er sich fragt, ob das was er tut, was er arbeitet, richtig ist, oder auch nur ob die art und weise auf die er vorgeht wirklich was taugt. wenn herr d. etwa duscht und ihm plötzlich irgendetwas klar wird, weil in seinen gedanken szenen der letzten tage an ihm vorbeirauschen, so wie die wasserstrahlen die seinen körper nicht treffen. er sich dann die haare gründlich einshampooniert und denkt „wuuaaah, die realität macht mir angst“ und die eigenen finger plötzlich zu fremden, krampfenden krallen werden, die die kopfhaut fast aufreißen, sich alles verzerrt, er schließlich das wasser ausmacht, weil er das gefühl hat, anders keine luft mehr zu bekommen.
diese tage sind dann gern mal von nächten begleitet, in denen herr d. viel träumt, verworren, absurd, es regnet blut, abgründe tun sich auf, dann wieder alles in ordnung, ein tolles leben, gutes essen, guter sex, dann wieder horrorshow und hin und her und zurück.
nach 13 stunden wird er wach, ist verschwitzt und fühlt sich, als hätte er nur 4 stunden nicht besonders tief geschlafen. er trinkt kaffee bis er anfängt zu frieren oder zu zittern, damit er am schreibtisch beim lesen seiner korrespondenz und seiner lehrbücher nicht gleich wieder einschläft, um etwas an diesem tag leisten zu können, aber wenn er auch nur zum supermarkt geht, wird er wieder schwitzen als leiste er schwerstarbeit. an seine träume darf herr d. dann nicht denken, wenn er es tut und versucht ein traumtagebuch zu führen, werden sich die verworrenen stränge nicht richtig zusammenführen lassen: es ist nicht ein puzzle, es sind mehrere, bunt gemischt, eine herkulesaufgabe (bei der es nicht reicht, stark zu sein).
wenn herr d. dann klarheit will, kann es helfen, am abend ausschweifende spaziergänge zu machen (da die mittagssonne töten würde, jedenfalls denkt er das), es muss aber nicht, wenn er pech hat, sieht herr d. plötzlich längst vergessene gefährten seiner kindheit im diffusen licht des waldes, ein baumstumpf wird zu einer bestialischen mischung aus wildschwein und wolf, die ente im schilf zum alligator und die wildgans, die ihn zum schutze ihrer jungen anfaucht zum feuerspeienden drachen: er schafft es nur unter großer anstrengung nicht schreiend wegzulaufen.. dann, der sonnenuntergang ist geschehen: er kann einen kurzen weg zurück durch den wald nehmen, oder einen längeren durch beleuchtete straßen – und er nimmt ohne lang nachzudenken den umweg, da er fürchtet, beim nächsten mal wirklich schreiend davonzulaufen und nicht nur in der schrecksekunde stehenzubleiben, zu einer salzsäule erstarrt.
und wenn er dann wieder zuhause ankommt, dann ist herr d. dennoch verschwitzt, als hätte er sisyphosarbeit geleistet und ewig einen felsbrocken einen berg heraufgerollt, nur um ihn dann zu verlieren – dabei war er noch nicht mal zu warm angezogen, eher zu kalt – erkältung droht – und schnell gelaufen ist er auch nicht. wenn er glück hat, wird er nach einer weiteren dusche schlafen können, ruhig und friedlich. wenn er weniger glück hat, wird er sich die nacht irgendwie um die ohren schlagen und am nächsten morgen entweder erschöpft sein tagesgeschäft erledigen, müde, ausgebrannt und überreizt, oder, wenn er nichts zu tun hat, den tag verschlafen, traumreich, und alles beginnt von vorn und er wird erneut schweißnaß wach werden, müde als hätte er drei tage nicht geschlafen.



eine überarbeitung – mit wechsel der erzählperspektive, weil es so deutlich besser in den zyklus passt.

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