rikes geburtstag

der himmel ist streifig. blau, weiss, blau, weiss – wenn es rauten wären, wäre hier wohl oder übel bayern, jedenfalls ist die hitze des junitages vorbei, es ist klar: es ist sommer, ein sommerabend, der sonnenuntergang ist dennoch noch stunden entfernt, midsommar ist nah und noch nicht vorüber. auf der wiese die ewig gleichen studenten, denkt frank, der in der küche sitzt und tiefgründig ist, vielleicht hätte er doch kaffee zum kuchen trinken sollen und nicht bier. er sieht die wiese nicht, aber kann sie erahnen, er weiß, hier wird es gleich pasta geben, es ist rikes geburtstag, es ist angenehm, entspannt, die gelben, leichten vorhänge wehen ein wenig im wind, die fenster sind auf, rikes eltern sind da und eine ihrer schwestern mit ihrem sohn, der gerade mit simon, australier und rikes freund, draußen fussball spielt. frank denkt nicht an sverre, auch wenn er irgendwie immer noch fehlt, so wie wenn ein raum plötzlich anders riecht.
frank denkt stattdessen an carla und jedesmal, wenn er rikes vater ansieht, dass rike ihm ziemlich ähnelt – mehr als ihrer mutter. irgendwann, als er mal mit tom versucht hat, neue cocktails zu entwickeln, ein desaster übrigens, bestimmt 5 wochen sind seitdem vergangen, hat er mit ihm über carla theoretisiert. von wegen harte nuss und so, schrottiges gelaber mit einem menschen, dessen naivität und gewöhnlichkeit ihn schon damals insgeheim nervte. frank hatte dann ganz locker, von seiner position hinter der bar aus herumgeflirtet, wie so oft, ein spiel. und jetzt schien sich carla zu nähern. carla mit dem trockenen humor. carla mit dem spröden lächeln. carla mit dem lachen, das frank stets nervös oder immerhin ratternd vorkommt.
verdammt, denkt frank, was macht man da. am besten nichts. aber nun kalt sein: eine herausforderung. andererseits: er liebt sie nicht, da ist er sich sicher. gut, seine ex liebte er erst auch nicht, aber das ist über zwei jahre her, da war frank um einiges weniger kalt und abgebrüht, weniger desillusioniert. da war einiges anders, da sah er nicht ständig neue menschen, 2. semester, nur student, nicht barmann. andererseits, vielleicht ist das nur paranoia und alles ist ok – hope never dies. wenn er mit mathieu spräche, er würde seine eigenen probleme nicht mehr verstehen, er weiß es, es ist immer so: wenn er mit mathieu spricht, sind die probleme weg, weg durchs erzählen, sind lächerlich geworden. aber dann, irgendwann, leise im dunkeln, oder auch im hellen, im schlaf oder auch im wachzustand, pirschen sich die probleme wieder leise heran – oder auch laut und tapsend wie betrunkene tanzbären – und dann sind sie da, unausweichlich und unlösbar. „mathieu, der ist vermutlich sauer auf mich“, denkt er, „da ich mir diese filmsache nicht so ganz zutrau“.
der vorhang weht weiter und wäre der blumentopf auf der fensterbank nicht so schwer, es hätte sicherlich ein malheur gegeben. frank stellt sich vor, wie es aussähe, wenn rike plötzlich erde im rücken hätte. um ihn herum geht es um uniwahlunterlagen, er weiß nicht, was er wählen soll, diese ganze hochschulpolitik ist wie so vieles anderes in seinem leben: sie ist nicht unwichtig, auch für ihn nicht, aber wenn er ehrlich ist, tangiert es ihn verdammt periphär, ob jetzt die jusos mit den grünen oder irgendwelche anderen mit nochmals anderen die geschicke der studierendenschaft leiten: seine klausuren muss er trotzdem selbst schreiben, selbst wenn ihm auch das teilweise verdammt am arsch vorbeigeht, weil er denkt: dieses zeug fickt mein hirn, es macht aus mir einen rationalen befehlsausführer, der nach striktem, angelerntem wissen entscheidet, also eigentlich nicht direkt ein befehlsausführer, es sei denn das diese theorien befehlsgeber sein können. und er will nicht irgendetwas ausführen, er will lieber in ruhe in der sonne liegen oder im warmen und trockenen sitzen, leidlich genug zu essen haben, hin und wieder geld für ein bier oder zwei und dabei frei sein. und er weiß: „es gibt keine vollkommene freiheit, das liegt an den materiellen zwängen, du bräuchtest ausreichend kapital, dann könntest du frei sein, der weg zum kapital ist dein studium, was dich aber einengt und dein denken permanent auf bahnen lenken will, die du verabscheust, denn du denkst: wenn ich ein sklave des nutzens bin, weil ich stets meinen nutzen maximieren muss, weil das rational ist und rationales handeln total reif und vernünftig ist und vernünftig sein „gut“ ist, verdammt, dann bin ich (auch) nicht frei.“

anscheinend merkt man, dass er nur physisch anwesend ist, rike hat irgendetwas zu ihm gesagt, er hat es nicht verstanden und fühlt sich gleich schlecht, am blau weißen himmel ziehen imaginäre, schwarze wolken auf „sie hat doch geburtstag“, er muss nachhaken, glück gehabt, nichts wichtiges, ja, ich ess gern noch ein stück kuchen. pasta dauert ja noch eine halbe stunde. der kuchen schmeckt gut, sahnig, schokoladig, bananig und er würde noch besser schmecken, denkt frank, „wenn ich nicht wüsste, dass es eine backmischung ist“.

knapp zwei stunden später grübelt frank immer noch vor sich hin, die zweite maschine wäsche läuft, er hat den weg an der wiese entlang (zu den waschmaschinen) vermieden, da er keine lust hat auf die leute, die er eh morgen sieht zu treffen. es hat schon pasta gegeben, sehr deliziös. es sind neue leute da, einige freunde rikes (sverre nicht, der jetzt merkbarer fehlt, denn rike und sverre haben sich verkracht) und frank hört links von sich ein gespräch über die eigentümlichkeiten des pädagogikstudium (interessiert frank einen ziemlichen scheißdreck) und rechts von sich, in der männerecke, ein gespräch über australisches bier und autos (interessiert frank auch einen ziemlichen scheißdreck). das linke gespräch ist aber schlimmer, nicht nur, weil er mit rikes freundinnen/kommilitoninen nicht wirklich auf einer wellenlänge ist (bei zweien mag er noch nicht mal das gesicht, er findet sie hinterhältig, mit einer anderen findet er einfach nicht ins gespräch, wie immer, noch eine andere hat noch nicht das level erreicht, auf dem sie großartig ist), sondern weil es fragen aufwirft (frank unterhält sich außerhalb der universität äußerst selten über irgendwelche fachlichen fragen, er denkt: „verflucht, die leben das wirklich!“) und weil es ihn erinnert an eine zeit, in der er zwar nicht wirklich glücklicher war, aber zufriedener, stetiger, geradezu: bürgerlicher. also trinkt frank seinen whiskey-ginger und sitzt herum, beteiligt sich hin und wieder an der englischsprachigen auto-bier-diskussion, ohne groß über das thema nachzudenken.

irgendwann schaut er auf die uhr, die wäsche ist fertig, oder eher: die zweite maschine kann in den trockner, und er verabschiedet sich auf unbestimmte zeit, er will nun doch kickern gehen in der TOHmate, mit den leuten, die er morgen eh sieht. „es ist kaum zu glauben“, denkt frank, als er kickert, „ich kann mich auf das spiel konzentrieren und muss nicht mehr grübeln.“ das bier geht auch gut runter, es hat die richtige temperatur.

selbst als carla ankommt, muss frank nicht grübeln. es läuft. nach dem kickern noch etwas billiard im team mit „dem chef“, wie frank ihn nennt, da er – egal was er macht – ein unerträgliches chef-gehabe an den tag legt – auch beim billiard. „nichts können, aber maul aufreißen, mit einer arroganz, die es zwecklos erscheinen lässt, ihr ans bein zu pinkeln. auch gut“, denkt frank und empfindet verachtung, er könnte das auch, aber nein, so will er nicht sein. irgendwann wird es dann doch langweilig, die leute an der singstar-playstation singen teils grausam, teils erträglich (einzig asa ist großartig), er verabschiedet er sich bei allen, die noch da sind, es ist eins, in der küche brennt noch licht, rike ist noch da, simon auch, drei andere sind auch noch wach, dämmern aber mehr vor sich hin, „smoke is in the air“ und die gelben vorhänge sind erstaunlich ruhig und nicht so gelb, kerzenlicht.

frank trinkt noch ein glas milch, wünscht eine gute nacht und legt sich schlafen – nachdem er die wäsche aus dem trockner geholt hat. ausnahmsweise schläft er ruhig und traumlos.

Advertisements

4 Antworten zu “rikes geburtstag

  1. Eine sehr melancholische Ansicht eines Geburtstags. Irgendwie verkehrt sich im Text die eigentliche Konnotation mit einer Party als etwas voller Frohsinn zu einer sinn und bedeutungslosen Zusammenkunft sich zufällig begegneter Menschen.

  2. eskapismus

    für frank ist diese zusammenkunft bedeutungslos, die leute zufällig und beliebig. wenn er der zusammenkunft, dem abend im gesamten mehr bedeutung beimäße als dem glas milch, dass er gegen ende trinkt, so würde sie ihn nur frustrieren.

  3. ich hab eine freundin die rike heißt

  4. das ist schön. freundinnen zu haben macht das leben lebenswerter.

    um auf die eventuell versteckte frage zu antworten: die rike, um die es hier geht, heißt in der realität da draußen nicht rike – ihr vorname beginnt auch mit r, und hat auch ein e, aber da sind noch andere buchstabe, die hier nichts zu suchen haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s