genderbar

ralf saß an der bar und dachte nur „mensch, was bin ich nüchtern“. der einzige andere mensch, der vielleicht genau so nüchtern war, war frank, der hinter der bar geschäftig gläser spülte und mit einem sanften gesichtsausdruck seinen willen nun mal zu schließen überdeckte.

ralf unterhielt sich mit jaqueline und salma, dann war noch henrik dabei, mit dem er sich vor einer woche über politik unterhalten hatte und der ihn nun stets mit genosse anredete, was ihm nicht so ganz gefiel.
henrik sprach gerade mit jaqueline, die bald, so hatte sie erzählt, ihr phonetik-studium vollendet haben würde und ralf unterhielt sich mit salma, es ging um diese ewigen geschlechterfragen. „fabian, da vorne, der war eben total hinter mir her, aber dann hat er den ring an meiner hand gesehen“ – salma war seit einem jahr verheiratet, allem anschein nach glücklich – „und jetzt knutscht er mit der hässlichen blonden da herum. warum? ich versteh das nicht.“ ralf hasste solche fragen. „nun, vermutlich ist er besoffen und will heute unbedingt noch zum zuge kommen..“ „meinst du? aber wie kann er das? erst so wirken als sei er ernsthaft interessiert an mir, und jetzt.“ am liebsten hätte ralf gefragt, ob salma wirklich in ihrer ehe glücklich war, aber er entschied sich dagegen. „vielleicht, wenn sie den caipirinha da auch noch leer hat“, dachte er, „ach quatsch, ich kenne mich ja, ich stelle an so abenden keine unangenehmen fragen, vor allem nicht hübschen besoffenen frauen.“ „nun, vielleicht hat er nur mit dir gespielt, unehrlich und so. aber das muss natürlich nicht so sein, es kann auch einfach sein, dass er großen respekt vor der ehe hat, vielleicht da sich seine eltern wegen einer dritten person in seiner kindheit geschieden haben. aber ich will da nicht den psychologen raushängen lassen, ich befürchte, du hast von so themen mehr ahnung als ich.“ „dass mein ich aber nicht, ralf.“ „sondern?“, ralf bemühte sich, seine stimme nicht genervt und sanft klingen zu lassen und anscheinend gelang ihm das gar nicht mal so schlecht, denn salma verzog nicht warnend das gesicht. „nun, ich frage mich, wie können männer so sein? frauen können das nicht.“ ralf spürrte in sich eine leichte wut aufkommen. er tat so, als würde er nachdenken. „vielleicht bist du nicht so eine frau. vielleicht bin ich nicht so ein mann. aber ich sag dir, ich kenne auch frauen, die so sind. genau so. meine theorie ist..“ „ach quatsch, frauen sind nicht so.“ „nein, klar, frauen sind niemals nur auf das eine ausgerichtet, frauen sind immer furchtbar romantisch, frauen weinen jedesmal wochenlang nach one-night-stands, deswegen kommt so etwas nie vor.“, sagte er ironisch. frank hinter der theke grinste, hielt sich aber raus. salma schien es ihm nicht übel zu nehmen. anscheinend nahm sie ihm nichts übel. „nein, salma, es tut mir leid: aber ich halte deine haltung da nicht für realistisch. wenn die welt so wäre, wie du sie dir zu denken scheinst, dann…“ ralf wurde unterbrochen, weil henrik ihm fest auf den rücken schlug, das er fast vom stuhl fiel. jaqueline war wohl gerade weg. ja, sie war weg. „genosse! du musst noch was mit mir trinken. frank, gib uns mal sauren, am besten, du trinkst einen mit.“ „das geht nicht“, sagte frank, „das ich einen mittrinke. aber ich geb´ euch einen aus. salma, auch noch einen sauren auf kosten des hauses? einmalige gelegenheit, du weißt, ich bin ein geizkragen.“ ralf starrte an die decke. „ralf, salma, einen sauren?“, fragte frank, „wird euch guttun bei dem harten thema über das ihr da spricht!“. ralf nickte, salma sagte: „ja, danke.“ „auf dich, frank!“, sie tranken.

„jetzt habe ich nicht erfahren, wie du denkst, dass ich mir die welt denke.“, sagte salma zu ralf, als henrik nach einer kurzen politischen agitation „ich muss euch jetzt mal kurz agitieren, ihr nehmt das nicht übel, hm?“ auf eine zigarette nach draußen verschwunden war. sie lallte leicht. sie sah ihn mit ihren hellen augen an und rückte näher. ihre schenkel berührten sich. „nun, ich weiß nicht mehr ganz, was ich sagen wollte. lass mich kurz nachdenken… ja, es scheint mir, dass du zu stereotypen neigst. du siehst einen mann auf eine gewisse weise handeln. hast das vorher schon mal gesehen. und du fragst einen, den du nicht kennst, den du an dem abend auch noch nicht so hast handeln sehen, unvermittelt danach, warum männer so handeln. darin steckt dann eine gewisse naivität, die vielleicht aber auch gar nicht mal so unabsichtlich ist – du willst eine ehrliche antwort erreichen oder was auch immer. die habe ich dir gegeben.“
„du bist zu nüchtern.“ salmas sah ihn streng an. „lass uns raus gehen, schauen was die andern machen. komm schon, mir ist schlecht, ich brauche frischluft.“

frank spülte weiter gläser.

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