vorbeireden/gehen

1. „frank,“ setzte cecile ernst dreinschauend an,“frank, so geht das nicht weiter. du kannst nicht so hin und her treiben. wir reden mindestens einmal die woche und jedesmal hast du irgendwelche anderen flausen im kopf.“ gerade zuvor hatte ich ihr erzählt, das ich auswandern wollte, auf eine kleine vulkaninsel im südlichen indischen ozean, deren name „st. paul“ ist und die ich vor ein paar tagen auf dem virtuellen globus von google earth entdeckt hatte. erst wollte ich etwas erwidern, aber ich spürte insgeheim, dass sie recht hatte, wie so oft. also schwieg ich nur und sah sie an, um dann plötzlich zu schmunzeln, da ich wieder an meinen traum denken musste, den ich kürzlich gehabt hatte, der ganz ähnlich dem film „belle de jour“ verlaufen war und indem sie die rolle der protagonistin gehabt hatte. „immerhin kannst du dich noch freuen“, sagte sie und ich war froh, das ich keinen ärger in ihrer stimme feststellen konnte. ich konnte mich gerade eben noch zurückhalten, ihr von meinem traum zu erzählen, ich glaubte nicht nicht dass ihr dieser besonders gut gefallen hätte. wir hatten ein gutes verhältnis und sprachen stets über vieles, aber über solch absurde träume dann wohl doch besser nicht – eine affäre zwischen uns war erklärtes tabu. die gelben rosen waren an der tapete festgenagelt, so sah es zumindest aus. ich sah die tapete an, sie war alt, aber dann doch überraschend unkitschig. cecile hatte sich, als sie in die wohnung eingezogen war, entschieden eine wand nicht zu erneuern, sondern im stil der senilen vorbewohner gelassen. die waren in der wohnung verstorben, was den preis der wohnung gesenkt hatte. „aberglaube ist nicht auszurotten“ hatte ich gedacht. „was meinst du“, fragte ich, „soll ich vielleicht mal wieder mit so etwas wie großschreibung arbeiten? du weißt schon, bei den texten, die du nicht liest und auch sonst fast niemand.“ „du hast nicht eben ernsthaft die ganze zeit gerade darüber nachgedacht?“ „doch.“ „nein, erzähl keinen blödsinn!“ „doch.“ „wenn du meinst.“, cecile klang leicht trotzig, „und ich dachte gerade, du hättest über ein tabuthema nachgedacht. du hast mich so versonnen angesehen.“ „der gelbe wagen rollt langsam.“ „was?“ „weißt schon, ablenkungsmanöver.“ ich musste grinsen. „aha. also war´s so. erzähl!“ der scherz, der noch eben in ihren augen gelegen hatte, in ihrem gesicht, war weg. „ach weißt du, das einzige was ich mehr hasse als halsschmerzen ist krieg oder so.“ jetzt war auch der freundliche ausdruck verschwunden. ihre augen hatten etwas hartes, ceciles stimme klang plötzlich mehr nach kasernenhof als nach gemütlichem plausch. „ok. ist gut, reg dich nicht auf. es war etwas absurd. nicht schlimm. bin mir selbst ganz nicht sicher. kennst du vielleicht den film belle de jour? kommt manchmal abends im fernsehen, oder sagen wir nachts. ich kann ja gelegentlich nicht einschlafen und so habe ich diesen film mindestens zwei mal gesehen.“ „nein, den film kenn ich nicht“, sagte cecile, nach dem ich innegehalten hatte, „erzähl.“ ihre stimme klang wieder deutlich angenehmer. „nun“, setzte sich an, „schwierig. ich kann nicht gut zusammenfassen, das weißt du ja. ich vergesse immer irgendwas und springe hin und her. aber ich bin mir sicher, dass es einen wikipediaeintrag gibt.“

2. es war ein langer abend gewesen. eine lange nacht. ich ging nach hause, die sonne schien, das meer lag still, die stadt auch. ich war allein, seit gerade eben. verdammt, was für ein abend. nicht schlecht. wenn auch wohl nicht superb. hatte alles ganz friedlich angefangen, grillen im park. wir waren etwas spät gewesen, die sonne ging unter als wir kamen. dann irgendwann waren wir fertig mit grillen und bereits angenehm betrunken und da rike es unbedingt so wollte, gingen wir – mehrheitsbeschluss – zu einem rockbandcontest in die „fluidenergiemaschine“ und nicht, das hatte der rest gewollt, zu einer wg-party am ring – später wollten wir da noch hin. band-contest war ok, nicht weltbewegend, die bands waren leider schlecht abgemischt, man konnte die texte allenfalls raten. aber gut, scheiß auf texte. feiern. der wie auch immer von meinen begleitern – teils freunden, teils freunde von jenen durch die (zugegebenermaßen eher lasche) türkontrolle geschmuggelte vodka (den ich wegen seiner fuselhaftigkeit nicht anrührte) war irgendwann leer, die band, die interessierte, war irgendwann fertig – es ging weiter. es sollte weitergehen, sagen wir es so. aber irgendwie: schwierige entscheidungsfindung. gar keine entscheidungsfindung. weswegen ich irgendwann allein mit frederik, einen kumpel von rike zur party am ring ging. wir kamen natürlich nicht mehr rein, nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass sich tausende für den abend einen besuch dort vorgenommen hatten.
dann, im tolstoi. langer abend. menschen, die man nicht so gerne sieht. menschen die man gerne sieht. plötzlich sah ich einen streit zwischen rike und sverre, ernsthaft wie selten. sverre, der ein sonniges gemüt hat und an sich die ausgeglichenheit in person ist, war rike ernsthaft böse. es ist so, das rike meistens stichelt. nicht schlimm, aber anstrengend auf die dauer. ich versuchte die fronten mit saurem zu erweichen, was wohl nur deswegen gelang, weil die beiden keine lust mehr auf streit haben. – jedenfalls: um halb sieben verlassen wir die partyhölle. ich will nicht taxi fahren und gehe allein, durch die morgensonne.

3.
„es war eine schöne zeit, als wir uns gut verstanden, sie ist schon mehr als ein paar tage her.
die sonne schien hell damals, und es war frühling, so wie jetzt, es war vielleicht ein paar wochen später und ein paar grad wärmer. und verdammt, was war ich verliebt, damals.“
„ach frank, was erzählst du mir das? du weißt doch, dass das vorbei und zwar nicht für jetzt, sondern für immer.“
„es ist doch zu simpel mit dir, ich hätte wetten können, dass du genau so reagierst, meine liebe. natürlich, es ist mir vielleicht noch klarer als dir, dass das vorbei ist, bin ich doch selbst zu einem nicht allzu gering daran schuld.“
„jetzt hör auf, oder ich gehe.“
„na dann, was muss ich tun, damit du gehst?“
„so weiter machen.“
„gut, also. was möchtest du trinken? einen latte macchiato?“
„schon besser. ja.“
„war auch …“
„war auch was?“
„.. vorhersehbar“
„ja. aber du verlangst ja wohl nicht, dass ich keinen latte macchiato mehr trinke, bloß weil du weißt, dass ich das gerne mag.“
„nein, niemals. ich nehme mich nicht so wichtig.“
„das wage ich zu bezweifeln.“
„warum?“
„nun, ich weiß nicht, mir fällt kein beispiel ein… obwohl, vielleicht schon. wenn es etwa draußen regnet und du nicht rausgehen willst.“
„pff.“
„jetzt sag doch nicht „pff“, frank!“
„ok. bullshit. oder eben: schlechtes beispiel.“
„stimmt. aber mir fällt nichts besseres ein.“
[eine stunde später]
„war ein gutes gespräch, frank.“
„ja. alles gute“
„tschüss.“
sie fährt auf ihrem fahrrad davon.

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