ein dezemberabend

es war schon seit wochen für mich klar, wo ich diesen abend verbringen würde: ich hatte, nachdem ich ein paar biere dort nach einer klausur getrunken hatte – in spontanem übermut – einem burschenschaftsmitglied zugesagt, zur nächsten party zu kommen, um mein bier nicht bezahlen zu müssen.

aufgrund meines nicht verdrängbaren pflichtgefühls ging ich also an jenem abend in der ersten dezemberwoche zu besagtem verbindungshaus. ich wusste, dass ich einen guten freund dort treffen würde und auch jenen, dem ich wegen zwei bier die teilnahme an jener party versprochen hatte. und: „versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.“

ich ging also, nachdem ich zwei oettinger zur einstimmung getrunken hatte, los. dort angekommen (ein weiter, aber nicht allzu beschwerlicher weg) gönnte ich mir gleich das getränk des abends: glühwein.

der gute matthieu war wie so oft mächtig am plaudern, er war wie immer dabei irgendwem irgendetwas zu vermitteln. ich stand wie so oft relativ still daneben und mischte mich nur sporadisch ein, wenn ich glaubte, etwas beitragen zu können oder einfach, da ich das gefühl hatte, dass ich nicht nur den glühwein kühlpusten konnte. was war das zeug auch so verdammt heiß?

das haus füllte sich mehr und mehr, die stimmung wurde besser und besser. flüchtig bekannte studiengangsgesichter füllten die räume, glücklicherweise von ein paar unbekannten durchbrochen.
es wurde klarer und klarer: dieser abend würde lang werden und betrunken und spaßig und tendenziell gut.

der glühwein mit schuss, dem ich mich mittlerweile meine trinkende aufmerksamkeit schenkte, tat sein übriges.

irgendwann schaffte ich es, den feinen herrn kollegen und freund aus seinem unterhaltungswahn herauszureißen, um endlich mal den hauseigenen kicker auszuprobieren. es dauerte etwas, bis wir spielen konnten, in der wartezeit holte ich mir einen normalen glühwein, um etwas auszunüchtern, denn der mit schuss war doch sehr stark. schließlich konnten wir spielen. und wir durften nicht nur die stangen bewegen, sondern wir konnten es auch, die gegner waren überwiegend ein witz – je betrunkener ich wurde, desto besser reagierte ich – jedenfalls war das mein bescheidener eindruck, der auch mit den erzielten ergebnissen korrespondierte.

nebenbei sah ich mich ein wenig in der umgebung um, denn dieses gekickere wurde in dieser kombination ein wenig etwas langweilig. eher zufällig fand ich schließlich (nachdem matthieu und ich sie zuvor geplättet hatten) eine spielpartnerin, die mir schon vorher durch ihr nicht betont gelangweiltes auftreten fast aufgefallen war – sonst eher unauffällig.

auch diese spiele liefen gut, wenn auch schlechter als zuvor. nur mir wurde das gekicker langweilig – eine niederlage erlöste mich von torwart und abwehr.

auf, neues getränk, noch mal ohne schuss und dann dahin, wo die musik spielt. ich war sozusagen plötzlich von kopf bis fuß auf party eingestellt, hatte – wenn man es so brutal sagen will – meinen pegel erreicht und leicht überschritten. sie, die mittelfeld-und-sturm-frau folgte mir, es war mir nicht unrecht – aber auch wenn wir uns ganz nett beim kickern im rahmen des möglichen unterhalten hatten, war es mir doch ziemlich egal. ich wollte jetzt party, hatte in den partymodus geschaltet, albern schwarz mit schwarzem t-shirt, schwarzer cordhose und schwarzem cordjacket, albern und ohne sich noch um irgendetwas zu kümmern was nicht das eigene glück war.

ich tanzte vor mich hin, ein weiterer glühwein mit schuss (ich hatte eigentlich versucht, einen ohne schuss zu bestellen..) ließ mich aufgedreht und benebelt zurück. ich „tanzte“ auf kleinem raum vor mich hin ohne mich um die menschen um mich herum einen dreck zu scheren. natürlich achtete ich darauf, niemand allzusehr anzurempeln oder auf die füße zu treten, aber das war es auch mit meiner achtung. mein kopf sank herab, die haare verbauten mir so langsam aber sicher das blickfeld und ich sah nicht nur eigentlich mehr sehr viel. was mir noch keine sorgen machte, war dass die mittelfeld-und-sturm-frau, die man auch fast als mittelfeld-und-sturm-mädchen bezeichnen konnte, denn ihre unsicherheiten und naivitäten offenbahrten ihre erstsemestrigkeit – sich immer noch irgendwo in meiner nähe aufhielt.

ich ruhte in mir selbst, und es kam mir so vor, als wären ein paar nanometer zwischen meinen schuhen und dem boden, es kam mir so vor als wäre es nur die hand der erdenmutter gaia auf meiner schulter, die mich davon abhielt, so zu schweben, das es jeder sehen konnte.

eine hand auf meiner schulter, um einiges realer als die der gaia, riss mich auf meinen wachträumen. wäre ich nicht so weit von der realität entfernt gewesen, ich hätte mich wohl sehr erschreckt und meiner trunkenheit wegen eine rauhe abwehrreaktion nicht verhindern können. so schaute ich in das gesicht einer, wie mir ihre stimme sehr bald verraten sollte, verdammt betrunkenen frau und war ganz ruhig. „du hast ja doch ein gesicht“, lallte sie, „ein ganz schönes sogar.“ ich schaffte es nur mühsam zu erwidern „danke, dein gesicht ist auch ganz schön“ – obwohl ich es nicht wirklich wahrnahm. aber sie hatte mich geweckt. um meinen tagtraum und meine innere ruhe war es geschehen, ich war zurück in der realität, der harten studentenpartyrealität, schwebte nicht mehr, aber war mir nicht sicher, ob ich das wollte.

ich holte mir als erstes einen weiteren glühwein mit schuss, wollte meine plötzliche nüchternheit mit harten waffen bekämpfen. aber es half nichts: ich nahm meine umgebung wieder wahr – und fand das gar nicht mal so gut. nicht, weil die umgebung nur schlechtes bot, sondern weil meine innere ruhe weg war, als wäre sie niemals da gewesen. irgendwann ging ich mit der dem mittelfeld-und-sturm-mädchen heraus, deren fast demonstrative mittelmäßigkeit mir eben wie die ganze umgebung plötzlich glasklar vor augen war. die frische luft half auch nicht, nein im gegenteil, in einer unerklärlichen manie sagte ich zu, sie nach hause zu begleiten, wenn es denn so weit sei, denn sie schaffte es, mir gewisse absurde heimwegsängste glaubhaft zu vermitteln. und ihren namen: rosalyn.

wieder im warmen, in der stickigen luft des improvisierten dancefloors, den ich fleißig mit glühwein tränkte, ging es mir genauso wie zuvor. lustig war allenfalls, dass die person, die mich aus meiner ruhe gerissen hatte, ungewollt und irreversibel, mittlerweile gelegentlich hinfiel, bis sie plötzlich (in begleitung, versteht sich) verschwand. ich wechselte zurück auf glühwein, wollte nun wenigstens nicht die kontrolle in dieser dämpfigen glühweinhölle verlieren. matthieu, den ich um rat fragen wollte, fand ich nicht, wie er mir später erzählen sollte, war er draußen, saufen und rosalyn, der ich mittlerweile entfliehen wollte, entkam ich auch nicht.

ein besuch auf der toilette mit ordentlich kaltem wasser im gesicht schaffte es, mich dann doch wieder etwas zu entspannen. ich tanzte locker weiter, unter anderem mit einer blonden schönheit, die mir wirklich gefiel und die mich zumindestens nicht allzu abstoßend fand.
aber irgendwie blieb ich beobachtet und langsam aber sicher war ich einfach zu voll. schlussendlich schaffte ich es, mich auf der tanzfläche auf den boden zu setzen, ohne irgendein fremdverschulden. dieser glühwein, vor allem der glühwein mit schuss!

letztlich begleitete ich rosalyn dann doch nach hause, ohne es wirklich zu wollen, aber so etwas wie urteilskraft war mir mittlerweile einigermaßen abhanden gekommen. wir unterhielten uns, draußen, es war kalt, dezember, anfang dezember, ich habe nicht die geringste ahnung worüber, es war wohl eines dieser vielgerühmten small-talk gespräche, die ich ständig führe und deren noch nicht mal immer gänzlich belanglosen inhalt ich stets ein paar stunden später gänzlich vergessen habe. relativ schnell gingen wir rein.

wir redeten bis 12 uhr mittags, mehr nicht, dann aßen wir einen döner, bei ihr um die ecke.

unsere wege trennten sich an der kreuzung. ich ging durch den regen nach hause, meine hand fror, weil ich telefonierte.

mit meiner mutter.

Advertisements

2 Antworten zu “ein dezemberabend

  1. Klasse! Das ist mein Lieblingsteil:
    ich ruhte in mir selbst, und es kam mir so vor, als wären ein paar nanometer zwischen meinen schuhen und dem boden, es kam mir so vor als wäre es nur die hand der erdenmutter gaia auf meiner schulter, die mich davon abhielt, so zu schweben, das es jeder sehen konnte.
    😉

  2. eskapismus

    herzlichsten dank.

    diese textstelle schrieb ich, nachdem der anfang schnell geschrieben war, unterwegs im hiesigen regen in mein schwarzes notizbuch. der gedanke war in mich gekommen, diese metapher zu verwenden und ich wusste: dieses bild musst du festhalten, sonst ist weg.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s