winterliches gedankentheater / dwl 3

es ist ein tag im ausgehenden winter, der baum vor meinem fenster hat bereits knospen. die tage werden wieder merklich länger und zudem auch gefüllter. es ist ein tag, nicht wie jeder andere, ein freitag. den tag vorher habe ich die halbe nacht durchgelernt, ich bin kaputt. als ich aufwache, habe ich kopfschmerzen, als hätte ich gesoffen. gesoffen bis das portemonaie leer war. habe ich aber nicht, nur kopfschmerzen. eine flasche magnesiumwasser bringt mich wieder auf den damm. lernen will ich nicht, zumindestens jetzt noch nicht, es ist 14 uhr und ich will noch etwas von der helligkeit des tages auf meiner stets blassen haut spüren. luft atmen. draußen.

ich gehe ein wenig spazieren. gehe zur bank, um meinem portemonaie, welches leer ist als hätte ich die letzte nacht gesoffen bis das geld weg war… aber ich habe es ja nicht. wäre auch zu schön gewesen, nein, es ist nicht zeit zum leben, sondern zeit zum arbeiten. warum sich das ausschließen soll, begreife ich zwar nicht, aber es ist mir vollkommen klar, das sich erfolg nicht einstellt, wenn man verkatert herumliegt.
der tag ist eigentümlich: der himmel ist bläulich, aber irgendwie wirkt es eher gräulich, es ist winter, das ist zu spüren – auch wenn der tag im vergleich zur vorhergehenden woche angenehm mild ist. geradezu bedrohlich. die sonne, die schon wieder dabei ist, zu verschwinden, auch wenn es noch dauern wird, bis sie weg ist, lässt die schatten bereits länger werden, sie werden wachsen und das isolierglas der fenster der hochhäuser, die ich aus der küche sehen kann und von denen man den meeresarm, der in die stadt ragt, überblicken kann, wird rotgolden schimmern.

ich komme an der postfiliale vorbei, die vor ein paar tagen geschlossen worden ist, zugunsten einer dieser unsäglichen supermarktfilialen. ich sehe wieder mal (ich habe die .. man mag es „schmiererei“ nennen .. an der postwand bereits mehrfach bewundert), das ich nicht der einzige bin, der diese supermarktpoststellen nicht so toll findet.

man könnte so viel schreiben, denke ich, es wäre gut das zu tun, aber ich habe die zeit nicht. das ist blödsinn, das weiß ich. ich habe genug zeit, aber ich bin schlecht darin, sie zu nutzen. zu oft wollen die worte nicht fließen, meine gedanken sind zäh wie baumharz. ich kann das dann nicht erzwingen. auch schlimm ist, wenn ich denke, dass ich eher etwas anderes tun sollte, als gedanken auf papier oder in ein kryptisches format aus nullen und einsen abzusondern. das blockiert mich. ja, mir fehlt die ruhe, ich begreife es in einem moment, als ich über die straße gehe, gedankenverloren, ohne mich umzusehen, oder auch nur besonders umzuhören. ich habe glück, es kommt gerade kein auto, um mich umzufahren oder kreischend zu bremsen, dabei ist diese straße tagsüber doch recht stark befahren. die ruhe. nur welche ruhe? und ist ruhe, das richtige wort? ist nicht muße besser?

ich erreiche das wasser, mein ziel wie so oft. hier könnte man joggen gehen, sonntag vielleicht. ich verwerfe den gedanken schnell wieder: sonntags geht hier jeder joggen. und der rest geht langsam spazieren. wobei: hier weniger. hier ist die marine und das wasser
stinkt, als ob die abwässer des marinestützpunktes aus sicherheitsgründen kein klärwerk sehen dürften. aber dort, wo ich in ein paar minuten sein werde, wo ich langschreiten werde, vermutlich, wenn ich nicht beschließe über einen abstecher in den nahen park meine runde zu verkürzen, da ist immer viel. die pflasterung an der betonküste ist voll mit menschen. manche trinken einen kaffee. andere essen einen kuchen. im sommer sitzen sie in der sonne und beobachten, taxieren durch ihre sonnenbrillen, teils lidl, teils armani, die passierenden. ist das ruhe? vielleicht. muße ist jedenfalls nicht. wiedereinmal frage ich mich, ob mir nicht die inspiration fehlt, ob es nicht eventuell nicht nur an der mangelnden muße liegt, sondern auch an der fehlenden muse. das kitschige bild der verkörperten inspiration baut sich auf, ich lasse es zu, lasse es entstehen und bemühe mich, dabei nicht in das hier nicht abgezäunte wasser zu fallen, zwei meter durch die luft in das brackwasser dieser ecke, welches immerhin tief genug für einen hafen von segelbooten zu sein scheint, jedenfalls gibt es einen, vermutlich für die armanisonnenbrillenträger, die nicht an der promenade sitzen möchten und dem gewöhnlichen pack beim entlangstratzen zugucken wollen.

nein, dieser musengedanke ist so ganz und gar nicht realistisch. alles was ich derzeit kennenlerne, eignet sich für eine derartige rolle ganz und gar nicht. nun gut, vielleicht sehe ich nicht genau genug hin, vielleicht zu genau, vielleicht habe ich auch ein falsches musenbild.
vielleicht erwarte ich auch zu viel.

ich entschließe mich, dieses thema hintenanzustellen und die winterliche natur, in die der frühling bereits zart hereindrängt, zu genießen, zu beobachten, während die menschen um mich herum mehr und mehr werden, auch wenn es glücklicherweise keine sommersonntäglichen massen sind. noch sind direkt neben mir bäume, die bebauung wird, das weiß ich, bald wieder die natur, ohnehin verdrängt, noch mehr verdrängen. villen. hotels. das kraftwerk. dann der hafen mit der werft. es ist eben doch eine stadt, wenn auch keine, die die welt allzu sehr bewegt. und dann noch immer wieder anlegestellen für segelboote und jachten. es ist tatsächlich eine „sailing city“, man kann es nicht wegdiskutieren, ob man segeln mag oder nicht.

*

etwas später, ich bin wieder zuhause, um bald wieder zu gehen, ein improvisationstheater an der universität, dessen genuß ich zugesagt habe, ohne zu wissen, ob ich das wirklich will, es ist klar, es wird komödiantisch werden und nein, ich weiß nicht wirklich, ob ich die leute, die die person, mit der ich dorthingehe mögen werde, es ist heute kein leute-tag bei mir, das kann schon ätzend werden. ich gehe wohl nur der abwechslung wegen und wenigstens verstehe ich mich ja mit der person, die ich dorthingehe, das reicht fürs erste. ich liege auf meinem bett, von dem ich die gestern gewaschene wäsche auf den boden gestellt habe und sehe der sonne beim untergehen zu. klar, die sonne geht nicht unter, es liegt nur an verschiedenen drehungen, aber ich bin geneigt, diese realitäten auszublenden für ein bild, welches blödsinn ist, aber mir gefällt. ich mache ein nickerchen. sie wird mich schon wecken.

*

sie weckt mich tatsächlich, es geht los, den bus bekommen wir nur durch eine art sprint – es ist ein lockeres joggen, keine große distanz, aber sie keucht danach, als wäre es ein sprint gewesen. dabei wirkt sie nicht unsportlich.
der bus setzt uns wieder erholt ab, sie kauft sich zigaretten, ich investiere zehn cent in 38 streichhölzer, ich habe ja noch ein paar revals. dann ein cappucino für mich, für sie ein bier, bald kommen ihre menschen, es ist nicht so, dass diese missfallen bei mir erregen, nein, scheinen in ordnung zu sein, aber wie befürchtet muss ich feststellen, dass ich heute einfach keinen leute-tag habe. kein smalltalk will mir ohne anstrengung gelingen und so hülle ich mich in rauchwolken (auf lunge), um mir ein wenig ruhe zu gönnen. sie bemerkt den geruch meiner zigarette und nimmt einen zug von meiner zigarette, um festzustellen, dass es nichts für ihre light-lungen ist.

nach etwas rumstehen in der kälte nimmt das elend dann ein ende, die tür öffnet sich, theater bald, erst noch musik. davor nochmals getränke kaufen, ich wähle wasser, ich habe keinen leute-tag und keine lust das mittels bier oder rotwein zu ändern. die stühle sind nicht wirklich bequem, aber als dann endlich nach der zugegeben überaschend guten musik der zuschauerraum, der aus ein paar tischgruppen und ein paar stuhlreihen dahinter besteht abgedunkelt wird, kann ich mich doch ganz gut mit meinem stuhl arrangieren. endlich ist das gefühl, beobachtet zu werden, weg. stattdessen kann man nun selbst beobachten. das theater nimmt seinen lauf, und ich kann lachen, von herzen.

in der pause, vor der zum schreiben von zetteln aufgerufen wird, schreibe ich einen selten dämlichen satz auf papier, der dann auch als erster in die improvisation eingebunden wird. ja, ich hätte besser meine erste idee schreiben sollen, die so dumm ist, so daneben, dass ich sie hier nicht widergeben will, gar nicht mehr drüber nachdenken will. aber gut.

irgendwann ist es vorbei, es gibt brötchen, belegte, kunstvoll belegte, für umsonst.

nachdem draußen, wo ich es mittlerweile doch ziemlich kalt finde, noch eine zigarette pro person den flammen geopfert wird, bis auf eine von meinen, denn meine lunge rasselt bereits wieder genug (die lungentorpedos haben ihr ziel getroffen) und ich aus irgendeinem grund einen vergleich zwischen der gelegentlichen bekifftheit der person, die ich begleite und baumharz gemacht habe, an den ich mich sekunden später nicht mehr erinnere, der aber immerhin auf eine bessere rezeption trifft, als mein blöder satz, verabschiede ich mich und laufe durch die nacht alleine nach hause. party will ich jetzt nicht mehr, nein, ich will noch eine dusche und dann ins bett.

*

bevor ich zu bett gehe, male ich mir in meinen gedanken noch eine unterhaltung mit einer fiktiven person aus, von der ich enttäuscht bin, da ich festgestellt habe, dass sie nicht zur muse taugt, die so endet:
„du kannst mich mal. mein bett liebt mich und das reicht mir!“

der baum vor meinem fenster aber hat immer noch knospen. ich kann sie nur nicht sehen, da es zu dunkel ist.

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