das wahre leben

„du solltest was über die menschen schreiben“, sagte sie, „nicht über sisyphos und griechische götter. irgendwas über das leben, das reale leben, was die menschen leben. oder wenn du schon abgehobenen scheiß schreibst, dann bau dir doch einen eigenen stoff.“

ich fühlte mich in die enge gedrängt. einerseits mochte ich sie wirklich gern, sie war sozusagen zu hübsch um sie zu hassen, aber ich mochte sie auch darüber hinaus, sonst hätte ich sie niemals in mein wirres geschreibe blicken lassen. „nun“, antwortete ich, „da hast du recht. aber sehe ich aus, als würde ich das wahre leben beschreiben wollen, oder können? und zudem: ohne einen festen stoff zu schreiben führt, so erfahren bin ich da nicht, zum abschweifen. ich meine: es ist wohl das erste stück, das ich anfange, bei welchem ich eine chance sehe, es zu ende zu bringen. weiter zu kommen als zwei szenen, wenn du verstehst, worum es mir geht: einmal etwas zu vollenden.“

sie nickte und nippte an ihrem gin tonic. ich nahm einen schluck kaffee. was hatte ich da gesagt, ich hätte mich ohrfeigen können. ich hätte es auch getan, aber ich hätte aufstehen müssen und mich auf der toilette ohrfeigen müssen und das war mir dann doch zu blöd.
sie nippte noch mal an ihrem gin tonic.
„ich finde, das du ganz gut darin bist, deine unfähigkeit in schönen worten offen zu gestehen.“

„hm“, brummte ich, „wenn du meinst. es ist einfach so: ich habe nicht den bezug zum leben wie es wirklich ist. ich mache nicht nur das, was ich will, bei weitem nicht, mein studium macht mir oft nicht wirklich spaß. überhaupt, studium, studium ist doch nicht das wirkliche leben. das ist eine wissenschaftliche scheinwelt. und dann bin ich viel zu sehr in mir selbst gefangen. ich komme da kaum raus.“

„ja, du solltest dich selbst nicht so wichtig nehmen. einfach die sachen laufen lassen, nicht immer 5-mal vor und zurück überlegen.“

„ich überlege nicht immer 5 mal vor und zurück. etwa wenn es um partys geht. da sage ich gleich: ich bin dabei. wenn mich das anspricht. wenn nicht, dann natürlich nicht.“

„aber sonst.“

ich nahm einen schluck aus meiner kaffeetasse. schöner, schwarzer, heißer kaffee. verdammt. ich hätte niemals gedacht, dass sie mich so durchschaute. es war aber auch nicht zu überraschend, denn sie gehörte zu den menschen, denen man potenziell alles zutrauen musste.

„vermutlich hast du da recht. ja, ich bin wohl gewissermaßen egozentrisch. aber nicht, weil ich egozentrisch sein will, sondern weil ich einfach keine ahnung habe, was ich mit mir und meinem leben anfangen soll. weil ich kein ziel habe, und den start auch aus den augen verloren habe, weil ich nicht weiß, wo ich bin und noch weniger, wo ich hin will, weil ich unterwegs längst das vertrauen verloren habe, dass sich das alles von selbst fügt.“

ich stand auf, packte meinen text ein, zahlte und ging.

„machs gut.“

„jetzt lauf doch nicht weg“, lächelte sie, „wohin gehst du?“

„keine ahnung. ich könnte genauso gut hierbleiben. aber ich glaube, das ich jetzt irgendwie bewegung brauche.“

„es regnet.“

„ich habe einen schirm.“

„ich weiß. ich nicht.“

„das ist schlecht.“

„nein, gar nicht. du bringst mich jetzt mit deinem schirm nach hause, und dann kannst du machen, was du willst. ok?“

ich stimmte zu.

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2 Antworten zu “das wahre leben

  1. Hm, die besten Geschichten schreibt schließlich immer noch das wahre Leben.

  2. Hm, sicher?

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