herr d.: sisyphos 4

herr d. war sisyphos. er war es gern. nicht mit passion. aber seine tätigkeit, seine aufgabe gab ihm etwas, was ihm sonst nichts geben konnte. früher hatte er alles mögliche ausprobiert, hatte im theater karten abgerissen, in lagerhäusern den rücken gestählt – oder eher geschädigt, hatte als clown gearbeitet, als barkeeper. er hatte sich gebildet. er hatte versucht, seine ängste zu beherrschen, was ihm aber nie gelungen war. aber das hier, diese herrliche arbeit: dieses heraufwälzen. dieses loslassen. diese ewige wiederholung. das wissen, nach dem loslassen den immer gleichen weg gehen zu dürfen, hinab, um dann wieder – ebenfalls wie immer – wieder den stein den steilen abhang hinaufzuwälzen. tagein, tagaus – sogar nachts.

keine überraschungen, keine experimente. keine unvorhersehbaren geschehnisse. wie oft hatte er es erlebt, dass er dachte, alles sei sicher, alles sei „in ordnung“ – doch dann, plötzlich hatten sich abgründe der veränderung aufgetan. als barkeeper: gewalt in der kneipe. als clown: einen lacher an einer stelle, an der kein lacher sein sollte. als lagerarbeiter: ein unwahrscheinlich leichter karton. als theaterkartenabreisser: begegnungen mit menschen, die er dort niemals erwartet hätte, denen er lieber aus dem weg gegangen wäre, oder auch furchtbare stücke, deren appetizer sich ganz gut lasen.

ihn hatte das stets aus dem konzept geworfen, ihn gestört, es hatte an seinen grundfesten gerüttelt, ihn fast zerstört. nun aber, der stein: stets gleich schwer, stets die gleiche route. volle kontrolle, keine anderen menschen. nur persephone, die wächterin, schrecklich wachsam, gleichsam ins schicksal fügend, wunderbar berechenbar. keine überraschungen. auch wenn er der war, der die position eines vor langer zeit von längst vergesssenen göttern zu dieser arbeit verdammten übernommen hatte, so war er doch, durch seine einsamkeit, die stete wiederkehr der ereignisse sehr entschädigt für seine köperlichen anstrengungen. er war, auf eine gewisse weise, dadurch, dass er allein in dieser welt war, sein eigener herr, fast sogar der herrscher, der gott seiner welt.

zum ersten mal in seinem leben verspürte er etwas wie seelenfrieden. er musste sich nicht mehr auflehnen.

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