herr d.: sisyphos 3

„ich tu dies nur, weil ich meinen stein liebe, weil ich ihm zu höchsten höhen verhelfen will. ich mache es geradezu freiwillig, formal existiert ein zwang dies zu tun, aber ich habe mich davon gelöst, ich mache es geradezu für mein selbstwertgefühl. es ist schön, jedes mal aufs neue festzustellen, dass ich diesen stein so emporwälzen kann. denn ich weiß: andere schafften das nicht. andere an meiner stelle hätten längst kapituliert. ich aber kapituliere nie!“

herr d. war sisyphos und er war es voller begeisterung, mit allen sinnen. er liebte nichts mehr als ständig den stein zu rollen, unter anstrengung, jede faser seines körpers zu spüren, diese erschöpfung. es war seine berufung, nichts sonst, keine qual. formal war es natürlich eine qual, eine strafe, von den göttern auferlegt, aber sisyphos glaubte nicht an die götter, aber daran, dass einer diesen „job“, so nannte er es, tun müsse – und er sei nun einmal sehr geeignet.

und nein, es war nicht eintönig, trotz der immer gleichen problemstellen, an denen es besonders schwer war, trotz der ewigen schicksalsstelle, an der er stets seinen stein verlorengeben musste. musste? nein, mittlerweile wollte er es so. denn er wusste: wenn er den stein nicht mehr rollen könnte, dann müsste er sich eine neue berufung ausdenken, erfinden, suchen. und ob er das genau so gut können würde, wie diese aufgabe? er war so ein perfekter sisyphos, jahrelang gestählt, trainiert, er wollte nichts anderes, dachte an nicht anderes: wenn er es schaffen würde, den stein endgültig emporzuwälzen, wäre es sein größtes scheitern gewesen. kein sinnvoller abstieg mit aufgabe mehr. gar keine aufgabe mehr, nur eine abstieg. mehrdimensionaler abstieg.

irgendwann, wenn es ihn jemals anöden sollte, diesen ewigen stein wieder hochzuwälzen, oder der stein sich durch das ewige, erodierend wirkende, hoch- und runterrollen zu sehr verkleinert haben sollte, dann könnte er es vielleicht über sich bringen, den einen kniff auszuführen, um dafür zu sorgen, das dieses spiel beendet sei – aber andererseits: wäre das nicht das ende der welt, wie man sie kannte? eine welt ohne einen sisyphos, der ewig seinen stein rollte? er war sich zwar sicher, dass es bei dieser sisyphosarbeit nicht darauf ankam, sich zu quälen – es reichte, gelegentlich den anschein zu erwecken, dass es eine quälerei sei – aber ganz ohne dieses ewige bild? diese nicht endende müh? bedeutete das nicht das ende der versinnbildlichten, ewigen qual, des sich ewigen wiederaufrappelns, des kampfes des menschen mit seinem leben?

„nein“, sprach herr d. zu sich, da gerade niemand in der nähe war, „das könnte ich niemals verantworten.“ sprach´s und rollte seinen stein ein weiteres mal empor, um ihm dann wieder in die senke zu folgen. mit (gekonnt verborgenem) vergnügen.

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