herr d.: sisyphos 2

„mein stein, ich will ihn nicht mehr emporwälzen“, dachte herr d., „zumindestens nicht so. nicht in dieser kalten, versifften welt, in der ich nichts bin als müde und einsam. in der ich mich fühle wie ein hindernis, welches sinnlos im weg rumsteht, unbeteiligt, wie mein stein.“

manchmal hatte herr d. solche anwandlungen, er fühlte sich dann nur schlecht. nicht akzeptiert, nur geduldet. nie geliebt, bestenfalls mal gemocht. hinter seinem rücken, lachten da nicht alle über ihn, in einer weise, mit der man nicht leben konnte? er, sisyphos, er rollte immer wieder seinen stein herein in die gesellschaft der anderen menschen. er bearbeitete den stein kunstvoll, packte ihn schön ein und schenkte ihn menschen, die er äußerst sympathisch fand. manchmal ging das gut. aber irgendwann, nach meistens viel zu kurzer zeit, nahm sein stein dann reißaus ins tal der depression. und dann, wieder das gleiche. mühsam, zentimeter um zentimeter irgendwie trotz entkräftung und hemmungsloser hingabe zur aufgabe den stein wieder aus seinem tal herausbekommen – und wenn der stein in eine gletscherspalte gefallen ist, abwarten bis er diese verlässt, um es dann wieder zu versuchen. bis kurz vor den gipfel. keine gnade. „jetzt geht alles wieder von vorne los“, hieß es dann, dem schnellen stein langsam und ruhig folgen, ein abstieg – scheinbar ohne große last.

und der abstieg wäre auch ohne last gewesen, wenn herr d. ein wirklich wahrer sisyphos gewesen wäre. aber der abstieg war nicht seine große freiheit, sondern, da er sich nicht in sein schicksal fügen wollte, seine größte qual. ja, er rollte lieber mühsam den stein hinauf zum höchsten der gefühle, als dass er sich herunterquälte. so groß die versuchung, dem stein schnell zu folgen, sich einfach nur den abhang herunter zu werfen, mit aller macht und aller kraft. wenn es irgendetwas geändert hätte, er hätte es getan, mit dem allergrößten vergnügen, mit hingabe zur aufgabe. nicht dass er angst vorm tod gehabt hätte, aber er hatte angst davor, mal wieder alles zu wollen und nur einen bruchteil, sogar nur einen kleinen zu erreichen.

ein trost war das natürliche ableben: es war nicht sein schicksal, dieses auf ewig zu tun. theoretisch könnte er sogar aus dieser lebenssituation entfliehen. real entfliehen, nicht in ein schillernd ausgemaltes eskapadia. eine andere situation:. „die magische hand, die dich aus deinem abgrund zieht, die dich den stein vergessen lässt! die dich direkt aus einer sphäre greift, die sich hinter dem blau deines stoffhimmels verbirgt.“

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Eine Antwort zu “herr d.: sisyphos 2

  1. Mit Hingabe zur Aufgabe, sehr schön getroffen.

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