herr d.: sisyphos

„ich bin wie sisyphos“, dachte herr d., „ich rolle den stein immer wieder den hügel hinauf, aber es gelingt mir nicht, dass er oben bleibt. ich rolle natürlich keine steine, genaugenommen rolle ich gar nichts, aber: ich scheitere oft und gern. insofern ähnele ich sisyphos.“

tatsächlich war herr d. ein mensch, der gelegentlich, um nicht zu sagen oft, an seine persönlichen grenzen ging. er lief bis zur absoluten erschöpfung, er soff bis zur alkoholvergiftung, er fror bis zum erfrieren, er liebte bis zur völligen selbstaufgabe. nie ganz, er brach nie völlig zusammen, aber er versuchte so weit zu gehen. ohne erfolg, ratio schlug ihm stets ein schnippchen, wofür er sich dann widerum von neuem mit großer intensität hasste und wieder eine grenzerfahrung suchte. er schmiss sich abhänge und treppen herunter, er machte sich mit größtem vergnügen zum idioten, zum clown, er stellte sich ins abseits. er lief, schlief, wachte, lachte, weinte – aber alles in übertriebenem maße. geradezu maßlos. aber doch nicht so maßlos, wie er gerne gewollt hätte. „ich bin nicht frei“, dachte herr d. dann, „ich kann mich zwar in bestimmten gebieten bemühen, überwinden geradezu, aber mich selbst als ganzes kann ich doch nicht ablegen. ich kann nicht nur nicht aus meinem körper fliehen, sondern auch nicht meinem verstand oder meinem herzen gänzlich entsagen. ich kann kaum etwas tun, ohne vorher oder im nachhinein mir drüber den kopf zu zerbrechen. nein, ich bin nicht frei – oder nicht frei genug, wenn man so will. denn ich wäre gern freier, frei wie ein vogel – wobei kein mensch wirklich weiß wie frei ein vogel ist: ich will frei sein, wie ein literarischer vogel, der nicht an irgendwelche zwänge oder konventionen gebunden ist und sich, wenn er will, fressen lassen kann.“

das schlimmste an seiner persönlichen unfreiheit war die für ihn nicht zu erkennende ursache seiner unfreiheit. während sisyphos genau wusste, wieso er auf ewig dies tun musste, was er tat – er war der weiseste und klügste unter den sterblichen gewesen und hatte den zorn der götter (seiner götter?) auf sich gezogen, da er gegen die gängigen regeln verstossen hatte.

er aber, herr d., wusste nicht warum. er hatte keinen gott, wie er zumindestens stets bekräftigte und er hatte auch keine ahnung, warum er das tat, was er tat. er konnte es nicht ergründen, auch in den phasen der ruhe (manchmal plagte ihn sein dasein über monate nicht besonders), sein verstand hatte somit auch eine grenze gefunden – war es instinkt? zwang?

er wußte es nicht, vielleicht, weil er es nicht ergründen wollte, in seinem innersten, unterbewusst.

was herr d. aber wußte und was ihn zutiefst tröstete war dieses: „mein leben ist endlich. ich bin nicht verdammt auf ewig – oder solange, bis sich niemand mehr an mich erinnert, bis ich niemand mehr bewusst bin – meinen stein emporzuwälzen. ich weiß nicht wann, aber ich kann und werde gehen, wenn die zeit dazu gekommen ist.“

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3 Antworten zu “herr d.: sisyphos

  1. morbiderengel

    Schöner Text.

  2. Danke.

  3. Sehr tiefgründig-schön.

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