frühkindliche prägung

sie hatten ein ganzes wochenende damit verbracht, mal wieder ordentlich zu „reseten“- er hasste denglisch, aber manchmal ging es nicht anders – und nun war montag, zum glück arbeitslos, sonst wäre wohl gar nichts gegangen. blue monday. oder black monday?

am anfang waren sie ganz locker dagehockt, hatten filme geguckt und das ein oder andere bier getrunken, waren langsam aber sicher in einen angetrunkenen zustand gelangt, der angenehm war. natürlich konnten sie nicht aufhören, aber irgendwann um 3 schliefen sie dann doch ein. gegen 10 war er aufgewacht, es war ausgemacht, dass sofern jemand wach war, er die anderen wach machen musste oder eben wach halten musste, also tat er das, denn es ging ja darum, an die grenzen zu gehen. ans äußerste. die ganze kondition zu überwinden zur vollständigen erschöpfung, so hatte es sibille ausgedrückt und sie hatten ihr zugestimmt und damit war der weg eindeutig vorgezeichnet.

er rüttelte die leute wach, es gab konterpunsch, heiß, als wäre es kaffee, und für die, die keinen kaffee mochten: long island iced tea. man muss schließlich gut einsteigen, sonst wird aus dem tag nichts. hatte auch sibille gesagt.

es gab kein programm, kein festes pensum, nur nüchternheit war allerstrengstens untersagt. klar. wie scheiße wäre denn das. irgendwie kamen sie auf die idee, raus zu gehen, in den wald, auf eine lichtung, an irgendeiner weide voller scheiße die bewussten pilze zu suchen, wie auch immer, und so. da sie nicht sicher sein konnten, jemals (an diesem wochenende) zurück zu finden (in dieser dünn besiedelten gegend), nahmen sie zelte und sachen mit, gemeinsam mit dem bier im bollerwagen, auch wenn karl-gustav, genannt pirat, das spießig gefunden hatte, da es ihn an die beknackten, besoffenen, volkstümlichen maiwanderungen seiner teenagerzeit erinnerte.

er war überstimmt worden, so schlimm, sollte er später sagen, sei das ja auch nicht gewesen.

die welt war schön, denn die sonne schien. im raren schatten der lichtung plätscherte ein einsamer, kleiner bach lustig dahin und sie wussten sofort, dass sie hier ihr lager aufschlagen mussten, es war der ort, der ihnen dazu bestimmt war.

sie knallten sich zu, rannten wie bekloppt über die lichtung, fielen im sumpfigen matsch hin und suhlten sich im dreck, als gäbe es nichts schöneres und kein leid auf der welt. die bäume sahen schon längst aus wie wolkenkratzer und die grashalme wirkten wie nadeln. großes geschrei. am fertigsten war pirat, aber er kam wie immer recht schnell wieder runter, es war ja schließlich kein dusseliger opportunismus, aus dem sie dass hier taten, sondern wahre überzeugung und gewohnheit. hölle und paradies zugleich.

an die nacht zu dem tag, an dem die kirchen der städte und dörfer immer ganz besonders bimmelten, konnten sie sich alle nicht erinnern, irgendwann waren sie dann doch ins zelt gekrochen und hatten die kälte zusammen verdrängt. völlig erschöpft. völlig glücklich. halbtot.

die morgensonne war ein intensives erlebnis, das feuer wurde wieder entfacht. dieser letzte tag war immer problematisch, da der trott bevorstand, klar, unübersehbar und bedrückend. es war ein harter akt, den inneren spießer zu überwinden und zur flasche zu greifen, aber es ging im allgemeinen dann doch – wenn auch die ruhe regierte, äußerlich, und innerlich die unruhe. überkreuzt zum vortag. warum musste man überhaupt zurück?

„weil das sonst normalität wird, und normalität keinen spaß macht.“ wer das gesagt hatte, wusste er nicht mehr, aber es stimmte vermutlich schon. die zweifel würden hochkommen, noch verstärkter, als eh schon. die ewigen zweifel, ob man richtig handelte. obwohl man wusste, dass es kein absolutes richtig und kein absolutes falsch gab.

diese verdammte frühkindliche prägung.

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