eskapismus

24 abschnitte

01. November 2009 · Kommentar schreiben

1.
ralf sitzt vor seinem computer, er ist gerade erst zurück von einer tortour, er will es niemanden wissen lassen, verhält sich leise, hängt nachts eine dunkle baumwolldecke vor sein fenster um seine anwesenheit geheimzuhalten, kein lichtschein soll ihn verraten.
er ist leise, musik hört er nur mit kopfhörern und wenn er schreibt, so bemüht er sich, die tastatur nicht zu sehr zu beanspruchen – was wäre, wenn vor seiner verschlossenen tür jemand lauschte.

2.
maxim ist detektiv (aber das ist für diese geschichte egal) und er ist es noch nicht lange. er muss zu einer beerdigung, ein guter freund ist gestorben, schockierend, plötzlich, man sagt es sei ein natürlicher tod, aber maxim hat zu viele krimis gelesen, um zu glauben, dass man mit unter 30 außer beim bedrogten autofahren wirklich einfach so sterben kann.
schlimmer noch ist allein, dass er, wie er seinem traumtagebuch entnehmen kann (was er führt, da er unter deja vus ‘leidet’), von so einem ereignis bereits zweimal zu vor geträumt hat: einmal vor zwei jahren und dann noch mal vor zwei monaten, und dann hatte er zwei tage, bevor dieser ganz unabsehbare tod geschah, noch einen wirren traum, in dem ihm eine alte frau mit glaskugel prophezeite, dass ein ereignis, welches er vorhergesehen und gefürchtet habe, bald eintreten würde.

3.
jasper geht den weg zur hochbrücke. er hat eine münze dabei, ein altes zweimarkstück mit dem prägungsdatum 1985, dem jahr, in dem er geboren ist. wenn er auf der brücke ist, wird er sie werfen. bei kopf muss er dran glauben und wird springen, bei zahl fliegt die münze in den kanal und er geht weiter durch sein miserables leben , jedenfalls für zwei weitere jahre, dann steht die nächste entscheidung dieser art an, so ist der plan. es ist ein verdammter, sonniger septembertag, niemand weiß von diesem plan – denn jasper will nicht gestoppt werden, diese münze soll sein schicksal entscheiden und sonst nichts, wenn er sich selbst schon nicht entscheiden kann, ob er dieses letzte jahr angemessen durchlebt hat, fest steht nur, dass er ordentlich gefeiert hat – glücklich hat ihn das aber auch nicht gemacht.
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→ Einen Kommentar schreibenKategorien: hauptsachen

kein titel

15. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

die hölle steht offen / der himmel strahlt rot
du stolperst besoffen / hast vergessen deinen tod
über karteileichen und strauchelst, fällst fast
über erinnerungen / die du vergessen hast

die schatulle hat einen doppelten boden
voller zigarren nach neuesten moden
dahinter steckt / schmutzig und verdreckt
ein schelm / der dich gerne neckt

doch der fall / ums nicht zu vergessen
auch wenn ein werwolf lauert dich zu fressen
ginge trotz allem diesmal nicht ins nichts
des blendenden und nicht diffusen lichts

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der weg ist das ziel

15. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

man kann nichts machen, denkt frank, denn er ist wieder auf dem weg. in den nächsten tagen wird er viel unterwegs sein, so viel ist klar. heute abend wird ihn der zug noch zur verwandschaft bringen. morgen zu einem guten freund. und dann, übermorgen, zurück dahin, wo er glaubt hin zu gehören.
das heute ist ihm egal, es wird vergehen, vermutlich mit ein paar bieren und schlechter musik – danach sieht es jedenfalls aus. morgen dann verkatert aufstehen, ein wenig radeln, die großeltern auf dem friedhof besuchen.. und noch irgendwas. wann er dean besucht, weiß er nicht, entweder morgen, oder übermorgen. vermutlich ist übermorgen besser, bevor es gen norden geht, ein kaffee am hauptbahnhof zu ddorf.
eigentlich bräuchte all das, was frank in der letzten woche getan hat und das was noch anliegt, bevor es zurück geht an die heimische ostsee, mehr zeit. aber zeit ist geld und frank muss zurück, denkt er jedenfalls, oder besser: er fühlt es.
die ankunft muss nicht schwer werden. sie kann es aber, genauso wie sie leicht und schön werden kann. das ist immer so, alles kann einfach sein, alles kann schwer sein, mag man jetzt denken. aber darum macht sich frank keine sorgen.
frank fürchtet sich davor, carla wiederzusehen. „ich will sie nicht“, denkt er. und dann ist da die, die er jetzt zu wollen glaubt, auch wenn er das zuletzt vor sich selbst und anderen verleugnet haben mag. stella. mit ihr zu reden macht frank glücklich. nein, weniger noch, es reicht worte zu lesen, die sie schreibt, und franks herz macht freudensprünge, sobald er sich anschickt ihr bild zu betrachten oder sie selbst zu sehen.
freudensprünge, bis es an die decke stößt, der kopf schmerzt und er verstört am boden sitzt.

schon rast der regionalexpress durch die weiten ebenen des bevölkerungsreichsten bundeslands deutschlands. den zug hat frank nur knapp erreicht, aber das spielt keine rolle – es ist alles noch mal gut gegangen, wieder einmal. franks gedanken kreisen um die seltsamen träume der letzten nacht, die fern zurück liegt, weit weg, ein schimmer am horizont sind die träume noch, ein dchimmer an einem horizont, der fast vollständig von den gebäuden des tages verdeckt ist, es ist klar, wenn frank nicht auf diese träume zugeht, wird er sie weder sehen noch entwirren können, wobei die entwirrung von träumen ohnehin eine herkulesaufgabe zu sein scheint – es ist zu klar, dass kein traum, wenn man erwacht ist, mehr einen klaren sinn hat, da man plötzlich in einer anderen zeit lebt, ein einer anderen welt, vielleicht vergleichbar mit den problemen beim versuch alte, in stein gehauene, überlieferte riten ferner und längst vergangener und vergessener kulturen zu verstehen.
und frank erinnert nur fetzen. ein traum hat wohl irgendetwas mit seinem tod zu tun, er wird in diesen traum wach und stellt fest, dass er bereits mehrere jahre tot ist, die menschen auf die frank trifft sind seltsam, alles ist verfallen, auch die sprache ist nur noch rudimentär, ein schock für frank, wenn man es so nennen will. und dann, eine wendung, das ganze, wäre es ein film würde man von setting sprechen, ist anders, und auf frank kommt eine person zu, die er mal kannte; es handelt sich seine ex-freundin. auch sie ist angegriffen wie franks seele, sie sieht geschlagen aus, hat ein blaues auge und ihr fehlen auf der rechten seite ein paar zähne, ihre kleidung ist zerfetzt. kurz: ihr ist wohl das fürchterlichste widerfahren, was einer frau widerfahren kann: sie wurde geschändet. frank umarmt sie, wohl aus mitleid, denn geliebt hat er sie schon nicht mehr, als er noch mit ihr zusammen war, um ihr schutz zu bieten, und sie drängt zum aufbruch. man flieht durch eine frank nicht wirklich bekannte stadt, die aber gewisse merkmale aufweist, die frank sie spontan im ruhrgebiet verorten lassen, es ist ein endloses weglaufen ohne ziel und ohne sinn (es gibt keine verfolger außer ihrer erinnerung).
dann ist da ein weiteres bild in franks kopf, er kann es nicht wirklich nicht zuordnen, vielleicht stammt es aus einem traum im traum, an den er sich nicht mehr erinnert, es ist eine begegnung mit stella, an einem Strand, den er vor kurzem ‘entdeckte’, man liegt nur so herum, umschlungen und sieht sorglos einem schiff beim sinken zu. das nächste bild ist dann wieder franks zerschundene ex – danach wachte frank auf, stand auf, verwirrt, fiel auf dem weg zum frühstückstisch (an dem er, wie schon in den tagen zuvor, nur 3 tassen kaffee in sich hereinschüttete) fast die treppe herunter.

der zug hat die fahrtrichtung gewechselt und in franks ohren besingt eine vertraute stimme ihren ruin, was frank prompt an seine lebenssituation erinnert, er hat die wahl zwischen ruin (der mir bleiben wird, ohnehin) und aufbegehren gegen all die ständigen selbstmordgedanken, die süchte, trägheit und faulheit, hin zu einer existenz mit dem zeug zur egenständigkeit. das heißt, er hat keine wahl mehr, er hat sich entschieden, er will mit sich gegen sich für sch kämpfen, so schizophren das klingen mag.

aber diese gedanken werden auch bald an den rand gedrängt von den eindrücken der an sich vertrauten durchquerung jenes molochs, welches sich ruhrgebiet nennt. schon immer haben frank diese fahrten durch dieses gebiet mit eindrücken versorgt und da die letzte fahrt mehrere monate zurückliegt, es dunkel ist und man nur die menschen auf den schnöden, breiten bahnsteigen sieht, ist der eindruck vielleicht noch stärker als sonst. nicht dass es schockierend wäre, wie die verhältnisse in den vorstädten new york citys, die man sieht wenn man von jfk nach manhattan fährt, die wohl auch nur so beeindrucken, da es einen nicht schwachen kontrast gibt – wohlstand hier, armut dort, nein, es ist nicht armut, sondern die fühlbare tumbheit vieler hier, dritte generation „alkoholkrank, sozialhilfe & co. kg“, diese abgestumpftheit. es geht nicht ums lästern, nein, frank würde diese region wohl dem vergreistem mittelgebirge vorziehen, in dem seine eltern existieren, auch wenn es hier nicht besonders schön sein mag, ist es gewiss nicht so langweilig.

im letzten zug des tages (für frank) dann eine art flashback, dass er einer nicht gerade magersüchtigen jungen frau zu verdanken hat, die ihm gegenüber platz nimmt – eine erinnerung an eine episode die sich vor über einem monat und 1700 höhenmeter höher abspielte. eine frau in lila, ähnlicher statur saß ihm im zug zwischen samedan und chur gegenüber.

*

im zug zurück an die ostsee, der durch die lande jagt, ein intercity, dessen sitze frank, obwohl sie geräumig sind, unbequem findet, versucht er proust zu lesen, aber es gelingt nicht. ständig sind da andere gedanken und zudem gelingt es ihm nicht, eine haltung einzunehmen, in der er sich nicht verspannt fühlt.
verspannt ist er, so viel ist sicher, nicht wegen dem, was hinter ihm liegt, sondern aufgrund jener ereignisse die vor ihm liegen oder die vor ihm liegen können, er kann nicht aufhören, sich seine ankunft vorzustellen. wer wird heute abend in der vertrauten kneipe sein, wenn frank sich dort einfindet? und wie werden welche gespräche verlaufen? es ist unsinn sich so den kopf zu zerbrechen, über etwas das nicht klar ist, sondern sich fügen wird, wie es sich fügen wird – aber er kann nicht aufhören, mir gedanken zu machen. die letzten tage hingegen, klar, da geschehen, bereiten ihm kein kopfzerbrechen, sie sind angefüllt von angenehmen gesprächen, was frank vielleicht konstatieren muss, ist dass er, seinen verwandten seine gefühle über mein derzeitiges leben nicht ganz offen bekannt hat, aber, so entschuldigt er dieses verhalten, was hätte es geholfen? auch im gespräch mit dem guten alten dean, der bald für ein paar monate oder sogar ein jahr auf eine japanische insel entflieht, die okinawa heißt, den frank zum letzten mal für längere zeit gesehen hat, weswegen er ihn zum essen eingeladen hat, was etwas ist, das er höchst selten macht, hat er ein paar düstere seiten seiner geschichte ausgelassen. frank will sich nicht mehr damit aufhalten, sich auf hohem niveau zu beklagen, will seine vertrauten nicht mit dingen belasten, die nichts als krankhaft sind, sondern dafür kämpfen, dass die farben der bilder, die man nach seinen tagen malen könnte, wieder heller und froher werden; die düsternis soll, das ist sein erklärter wille, schwinden. daran will er sich auch jetzt halten: es ist ein großes glück, so tüchtige verwandte zu haben und so gute freunde und das ist nicht euphemisiert, es ist wahrhaftig so.

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herbsttage

29. September 2009 · Kommentar schreiben

die dunkle nacht hat sich gelichtet. „das ist einer der letzten hellen tage dieses jahr“, denkt frank, „man sollte an den strand fahren, oder gehen.“ – genau wissend, dass er es nicht tun wird, er wird wieder zur uni gehen, etwas in der bibliothek lernen, etwas zeitung lesen, viel kaffee trinken. wieder nur einen teil dessen schaffen, das auf seiner liste steht.

diese tage in der stadt am meer wären grau und monoton, hätte frank es nicht geschafft, wieder mal genauer hinzusehen – mit der zeit wird diese freude an den kleinen dingen zurück in die bücher fliehen, in denen er sich diesen blickwinkel erschlossen hat, aber noch reicht es, den gleichen weg wie jeden tag entlang zu gehen, es ist nie dasselbe, die schatten fallen anders, eine ungesehene frucht, ein blatt, das langsam fällt, mit aller ruhe, das dann von einem windstoß verweht wird – die welt ist so reich und dieser herbst ist bunt, nicht grau wie der im letzten jahr.

„es ist alles nur schein“, denkt frank, „der schein ist wichtiger als das sein“ – er hat es kürzlich mehrfach so erfahren. etwa, als er seine verwandschaft am rhein besuchte, schien er, ohne seine alten, langen haare gleich viel zielstrebiger – auch wenn er es, da ist er sich sicher, nicht ist, es ist lange zeit alles nur schlimmer geworden, „da kann man sich nicht binnen zwei wochen herauswinden, das ist ein langer weg“. aber es wird besser, die traurigkeit der letzen monde schwindet, stück für stück, die lähmung mancher gehirnwindung löst sich, auch wenn die polkappen weiter rapide abschmelzen.

aber die traurigkeit, wie alles, das schwindet, ist noch existent und drückt sich gelegentlich darin aus, dass sie frank lähmt, dann kann er nichts tun. dagegen ankämpfen, ja, aber zu oft hat er diesen kampf verloren – was seine gefühlslage nicht gerade verbesserte. die einzige lösung ist die traurigkeit weg zu schlafen, zu schlafen, bis ein wunderbarer morgen den gedanken an all die ungerechtigkeiten und unmöglichkeiten in franks welt wegeschwemmt hat, wie ein regenguss den dreck auf den straßen.

doch nicht immer, wenn es frank packt, kann er schlafen – mal, weil partout nicht müde ist, mal, weil er einfach noch ein paar stunden vorlesung hat, mal, weil er die bar noch mindestens zwei stunden offenhalten muss, da erst 23 uhr ist. es sind materqualen, die frank in jenen situationen durchleidet, der kampf, die maske von aufmerksamkeit und guter stimmung aufrecht zu erhalten, ist kein leichter – und darf doch nicht verloren gehen, es dürfen keine tränen fließen.

und doch wird es besser, mit jedem tag, an dem frank es schafft, ansatzweise das zu erledigen, das auf seiner liste steht, mit jedem tag, an dem frank vor die tür geht oder sogar eine runde laufen geht, so sinnlos ihm dieses gelaufe auch scheinen mag, macht es doch unbestreitbar glücklich, genau wie die dusche danach.

die blätter fallen und fallen und der tag, nach dem frank behaupten muss, er sei nun sein ehemaliges alter plus eins, obwohl ziemlich genau nichts passiert ist, als das eben jener jahrestag passiert ist, überstanden sozusagen, rückt näher und näher.

fortsetzung folgt

→ Einen Kommentar schreibenKategorien: außenwelt

in dunkler nacht

23. September 2009 · Kommentar schreiben

„Bester Beweis einer guten Erziehung ist die Pünktlichkeit“, das ist von g. e. lessing überliefert, und wenn daran ein funken wahrheit ist, dann ist frank wohl gut erzogen. oder er war es jedenfalls mal. frank hat nie großen wert auf die pünktlichkeit anderer gelegt. gut, es ist kein schönes gefühl, versetzt zu werden oder warten zu müssen. aber frank hat sich nie deswegen beschwert, so weit er zurückblicken kann, er hat versucht, verständnis zu haben, noch nicht mal enttäuscht zu gucken. und in den wenigen fällen, in denen er zu spät war, hat er sich stets entschuldigt. so war es jedenfalls einmal. jetzt aber kommt es öfter vor, dass frank zu spät ist. es ist ein symbol dafür, dass sein leben aus den fugen geraten ist. oder sogar ein symptom?

überhaupt ist frank nicht ganz da. er kann sich schlecht konzentrieren. er vergisst sachen. er redet wirres zeug, selbst wenn es ihm nicht egal ist, selbst wenn er mit stella spazieren geht, die wieder zurück ist und schon wieder studieren darf.
aber das ist auch alles egal. frank ist krank. nicht nur im kopf, auch seine nase läuft marathon und gelegentlich trainiert er für die nächste meisterschaft im „krass husten ohne zu verrecken“ (khozv) – es ist unnötig noch zu erwähnen, dass er nichts effektiv machen kann.

frank geht abends spazieren, wenn es dunkel ist, allein durch den wald. er hustet sich die lunge aus dem leib, und wenn ein später vogel kreischt, fährt er zusammen, als drohe gefahr von vereinzelten eulen. es ist fast vollkommen dunkel, neumond, aber der himmel ist sternenklar, vereinzelt sieht man den lichtschein von fernen straßenlaternen durch die bäume blinzeln. die kopfhörer auf franks ohren singen „es ist nicht schön, allein zu sein“ aus dem lied „morgen wird wie heute sein“ und frank weiß aus seinem leben heraus, dass beides wahr ist. wird er seinen geburtstag feiern? erleben wird er ihn, wenn nicht ein unfall geschieht oder die leichte grippe tödlich wird, so viel ist klar, dass hat er beschlossen, aber das war es dann auch. was soll man tun? er weiß, er darf sich nicht hängen lassen, muss sich ständig selbst in den faulen arsch treten, er weiß aber auch, dass sich das leichter denkt und sagt, als es tatsächlich umzusetzen ist.

die schatten des damwilds hingegen stören frank nicht, es sind schöne zahme tiere, im vergleich zu jenen ist er ganz klar das raubtier. er muss daran denken, wie er mal ein schaf gefangen hat und muss schmunzeln. „ja, wo ist der unterschied? haben tiere auch depressionen? sie hätten das recht dazu, so wie die menschheit mit ihnen umspringt“, denkt frank. ein falscher gedanke, denn er lässt das durchbrechen, was ihn seit jahren gelegentlich fertig macht, jenes, was seine mutter stets „weltschmerz“ nennt. dieses gefühl, welches frank lähmt, weil er weiß, dass er unmöglich gegen diese ganze scheiße angehen kann, die ihn bedrückt, er alleine ist zu schwach, ja gelegentlich sogar nicht stark genug dazu, all diesem wahnsinn mit seinem verhalten im kleinen rechnung zu tragen, etwa dann, wenn er heizt, aber das fenster den ganzen verdammten tag auf kippstellung lässt.

die lichtung ist erreicht. frank wundert sich, dass es so menschenleer ist, er scheint der einzige mensch in diesem wildpark zu sein. er versucht sich vorzustellen, dass alle anderen menschen tot wären und er der letzte seiner art sei – es ist vollkommen klar, wie er handeln würde – um nicht den gedanken zu denken, der ihn seit über einem jahr wieder täglich peinigt, denkt er: „ich würde die menschheit vollends ausrotten – sofern das möglich ist, in einer solchen situation“.

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nebel

04. September 2009 · 1 Kommentar

was vor kurzem noch lebte
wovon mein herz erbebte
es ist, ganz ohne not
vergangen und fast tot

was war, das war denke ich
und was wird, weiß ich nicht
der nächste schritt führt in den nebel
vorahnung warnt erstickt durch knebel

muss gehen, bei schatten und bei licht
denn bleiben, sprühregen, dicht
könnt` es schon, nur will es nicht

blind bin ich, nichts seh
gar nichts nicht versteh
nicht weiß wohin ich geh
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anti-mephisto

04. September 2009 · Kommentar schreiben


„Ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

– Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vers 1336 / Mephistopheles

„so weit ich denken kann, so weit meine erinnerung reicht, ist es immer so gewesen, dass ich mich stets bemühte, für ausgleich zu sorgen, konflikte so friedlich wie mir möglich bei zulegen, harmonie zu bewahren. und über lange jahre gelang mir dieses, so fern ich es denn wirklich wollte und mich nicht meinem jähzornigen temperament hingab, nicht meine wut mich ergreifen ließ, mein handeln mit dem bestimmte, was man landläufig verstand nennt, nicht allzu schlecht.“

„mit der zeit aber, mit den jahren, nachdem ich die ein oder andere krise durchgemacht hatte, durchaus existentieller natur, nach jahren, die den enthusiasmus und die gutgläubigkeit meiner kindheit und frühen jugend gänzlich aufgezerrt hatten, die mich zynisch gemacht hatten, verließ mich mein glück. ich wollte nach wie vor keiner person schmerzen zufügen, die das nicht verdiente, aber mein gefühl hatte mich verlassen. wollte ich eine diskussion auf freundliche weise zu einem ende bringen, kam es zu tränen und schlimmer noch war es, wenn es um mehr als diskussionen ging, etwa ernstere zwischenmenschliche verhältnisse.“

„goethes faust hatte ich in der schule nur widerwillig und wenig aufmerksam gelesen, aber jahre danach fand ich eine ausgabe, die faust I und II vereinte, als ich aufräumte. ich wollte das buch lesen, um es danach in ein antiquariat zu geben oder wegzuwerfen, und da ich wenig zeit hatte, verschlang ich das buch in erstaunlich kurzer zeit, was auch daran gelegen haben mag, dass ich nun eine ganz andere sicht auf diese verse hatte, als in den naiven tagen meiner jugend.“

„als ich faust II ebenfalls absolviert hatte, nach knappen zwei tagen, die nur aus lesen und dem ordnen meiner angelegenheiten bestanden, in denen ich mir kaum zeit zum schlafen und noch weniger zeit zum essen gönnte, schlief ich erschöpft ein. der traum war groß und leer, so wie meine träume zu dieser zeit stets waren und sie spiegelten meine fehler wieder, quälten mich mit situationen, die ich lieber vergessen hätte. eine stimme sprach zu mir aus der gestalt einer person, die schon vor jahren das zeitliche gesegnet hatte (so etwas erschreckte mich aber nicht mehr, denn es geschah nicht allzu selten, dass ich den geistern der vergangenheit in träumen begegnete):
‘du bist ein teil von jener kraft, die stets das gute will und stets das böse schafft.’“

„nach diesem satz wurde ich wach, schweißgebadet, und ich musste stundenlang über den satz nachdenken, den mein alter, toter onkel mir auf den weg gegeben hatte. ich war wie gelähmt, konnte nichts tun, musste erst diesen satz verarbeiten. und ich ging die geschichte meines handelns durch, und ganz falsch war das nicht. meine ideale verriet ich durch mein handeln, oder wenigstens die ergebnisse meines handelns ständig. es tut nichts zur sache, ich will keine beispiele nennen, es würde zum einen nichts ändern, zum anderen will ich nicht mit meinen geschäften prahlen. jedenfalls: ich erkannte, dass ich der anti-mephisto bin. seitdem ist dies mein geheimer name.“

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die berge und das feuer

30. August 2009 · Kommentar schreiben

es brennt. ein bär brennt, übergossen mit spiritus. er krümmt sich, zerläuft, es riecht abscheulich. die umstehenden, die häscher, sie genießen es. sie haben den anschlag seit tagen geplant. und jetzt brennt er, der verdammte bär, es ist das einzige, was er noch verdient. er hat sich mit den falschen angelegt, den falschen dreist ins gesicht gelächelt.
und ordnung muss sein.

frank ist in der schweiz, auf einem berg, er ist nicht allein dort und auch wenn sein verlangen nach solitude nicht gerade gering ist, bereut er es nicht, dort mit seinem vater und seinem bruder zu sein. denn es ist eine andere welt, sie scheint vermutlich freundlicher, als sie ist – und frank, der ein verdammter tagträumer ist, würde, wenn er allein hier wäre vermutlich so manch fixer idee aufsitzen, vom weg abkommen und fallen, den abhang herab – wer weiß schon, was passiert, wenn man die jeweilige realität, die ebene in der man sich befindet, verlässt und unbekanntes terrain erkundet.
und selbst, wenn man sich so verhält, dass der berg ein freund ist, darf man nicht vergessen, dass man auch mit freunden mal aneinander gerät oder besser auseinander.

an einem bergsee, einsam, wenn auch nicht allein, er sieht einen schwarm kaulquappen in einer pfütze, nicht nur das, auch blumen in vielen farben, klein und zart, in dieser natur, über der gestein und eis thront, eine ständige drohung für all dieses leben, denn es könnte dem gang des wassers folgen, dass in bächen und wasserfällen der schwerkraft folgt, sich im see eine kurze ruhepause gönnt, um dann den langen weg ins schwarze meer anzutreten. es ist nicht so, dass frank nichts an nichts anderes denken kann, aber die vorstellung, dass all das, was oberhalb ist, ins fallen geraten könnte, so wie er selbst beständig alles vor seinem geistigen auge zerfallen und zerbrechen sieht, fasziniert ihn, lässt ihn nicht los und er ist froh darum, dass es so ist und nicht anders, beim gedanken an all die gedanken, die er in den letzten tagen noch hatte, die er festgehalten hat in seinem grellgrünen notizbuch, das er nicht mochte, bevor er begann, es zu nutzen – jetzt ist es das wichtigste objekt, er würde eher sein leben hergeben, als dieses buch, welches seine geheime welt verbirgt, auch wenn dieser gedanke durchaus seine schwächen hat, da er, wenn er sein leben gegeben hat, auch das buch verliert, es sei denn, er könnte es im letzten moment noch verspeisen oder verbrennen oder irgendwie vernichten, wenigstens unauffindbar machen.

aber sie fallen eben nicht herab, die felsen oberhalb, sie wollen noch nicht diesen weg gehen, sie scheinen zu beabsichtigen, die höhenluft noch ein paar minuten, stunden, tage, wochen, monate, jahre, jahrzehnte, jahrhunderte, jahrtausende (wer weiß das schon?) genießen zu wollen was bedeutet, dass der aufstieg weiter gehen muss, die blühende natur am see bald aus franks blick entschwindet, unsichtbar wird, er wird nur noch das wasser sehen, nicht blau, sondern mintgrüngrau, gletscherwasser, das ufer wird seinem blick entschwinden, als hätte es niemals existiert und doch bleiben, bis die große lawine alles zerstören wird, eines tages, den noch niemand kennt.

ospizio bernina ist eine bahnstation der berninabahn, alp grüm ist eine andere, der weg dazwischen ist nicht besonders lang, aber frank geht ihn dennoch, zu fuß, allein, da er sich mit dem rest seiner anwesenden familie scheinbar wieder einmal hoffnungslos entzweit hat in der diskussion über irgendwelche belanglosigkeiten, es ist von vornherein klar, das sich die wogen bald geglättet haben werden, aber jetzt im moment geht frank seinen weg allein, so schnell er kann, denn auch wenn der weg kurz ist, es ist sein trainingslager hier und diese ganze natur mit ihrer atemberaubenden schönheit soll ihn nicht zu sehr in seinen melodramatischen gedanken stören.
die natur aber scheint kein gefühl für franks gedanken zu haben, nach dem der lago bianco passiert ist, erscheinen, nach einem kurzen gang mit auf und ab, als frank ein schönes, sonniges plateau mit schmalem, schnurgeradem pfad betritt zur linken schöne berge, zur rechten das berninamassiv mit wasserfällen und gletschern und bald, nach ein paar weiteren metern tut sich ein blick in das tal von poschiavo auf, es ist nicht irgendein blick, es ist ein verdammt atemberaubender, man sieht siedlungen und weiter abwärts, le prese am lago di poschiavo. und als frank am rande des plateaus angekommen ist, nimmt er einen weg, der für die an diesem tag ausnahmsweise den militärstiefeln vorgezogenen sportschuhen eine nummer zu rutschig ist, denn der boden ist überzogen von schmalen gesteinssplittern, die ihn ganz gut rutschen lassen – aber als ein glückspilz, der er ohne frage ist, auch wenn er das nicht zu bemerken pflegt, passiert ihm nicht viel, er erreicht alp grüm unversehrt, um von dort aus, nach dem er den gedanken verworfen hat, weiter ins tal abzusteigen, der schuhe wegen, mit dem nächten zug nach poschiavo zu fahren, einem jener raren orte in der schweiz, in dem italienisch gesprochen wird.

frank übersteht die stunde, die er auf eigene faust in poschiavo verbringt, ganz gut – zunächst kauft er sich grissini in einem kleinen geschäft, bei leibe kein supermarkt, ein einfaches lebensmittelgeschäft, und seine drei bis vier brocken italienisch reichen, prego, mille grazie, bongiorno, ciao – es kann tatsächlich genug sein, auch wenn er sich sicher ist, das sein akzent ihn verrät, da dieser bestimmt schrecklich ist, aber man kann nicht alles ändern. danach sitzt er auf einer bank am bach, der den ort kanalisiert durchschneidet und liest eine weitere episode aus dürrenmatts „meine schweiz“, um dann recht bald zum bahnhof zu gehen, an dem nun, eine stunde nach ihm seine eltern und sein kleiner bruder eintreffen, man verbringt weitere 45 minuten in poschiavo, darüber diskutierend, dass es besser gewesen wäre, fahrkarten bis le prese an den lago di poschiavo zu lösen, da poschiavo sich einem jedenfalls in der knapp bemessenen zeit nicht wirklich erschließt, ein see hingegen, ein see – ein gelatto am see und die welt ist, gerade an einem heißen sommertag wie diesem, 800 höhenmeter tiefer und einige grade mehr als mittlerweile gewöhnt, ein schönerer ort.

dann der rückweg, wenn man sich vorher quietschend herabgeschraubt hat, in unzähligen kehren und kurven, schraubt man sich nun wieder hoch, gezogen von gleichstrom auf der breite eines meters, stück für stück, es kreischt und dauert, irgendwann ist die höchste stelle am lago bianco erreicht, 2300 meter über dem meer – und nebenan, man sieht es aus dem fenster, geht es noch mal 1700 meter höher, so dass man sich nicht dem höhenrausch hingeben braucht, da ersichtlich und klar ist, dass man nichts erreicht hat – so denkt es sich jedenfalls frank, der sich nebenbei notizen widmet, versucht, personen zu beschreiben, insbesondere eine junge französin, die ihm schon auf jener fahrt nach ospizio bernina auffiel. und er stellt abermals fest: „wenn ich beschreiben will, wirklich beschreiben, so, dass das ergebnis lesbar ist, dass meine worte nicht ein diffuses, unklares bild zeichnen, so muss ich noch viel lernen, wege finden, die wichtigen konturen zu erkennen und mit wenigen worten klar zu zeichnen.“

letztlich ist dieses fragment, aus franks notizbuch entnommen, ein symbol dessen, was frank die ganze zeit fühlt, wenn er nachts aufwacht, weil ihn ein alpdruck geweckt hat oder er einfach nur durstig ist – er fühlt sich hilflos, die pläne, die er hatte, als er nach pontresina kam, lang, über ein semester geformt in dem zähen prozess, in dem sich die pläne bilden, die frank tatsächlich umzusetzen gedenkt, scheinen ihm entweder nicht erreichbar oder sinnlos, er zweifelt daran, dass die wanderung, die er sobald als möglich an diesen aufenthalt, dieses bergige trainingslager anschließen will, ihm irgendetwas bringen wird außer schmerzen, die bei den distanzen, die er plant wohl unabwendbar sind. und der andere plan, nein, den verwirft er in einer dieser nächte, im dunkeln bei offenem fenster notierend: „es kann nicht gut werden, was ich da plane, meine skizzen, die bestehenden szenen sind allesamt schwach, kranken an mangelnder detailliertheit und belanglosigkeit und doch sehe ich mich nicht im stande, bessere als diese zu schreiben.“

lediglich auf dem berg, oder genauer, beim aufstieg oder abstieg, schweißtreibend muss es sein, und ständig neue ausblicke freigeben, ist dieses diffuse gefühl, welches manchmal in gedanken gipfelt, deren tristes thema die frage ist, ob es nicht besser wäre, nicht zu existieren als so, nicht da — in der flora und fauna der alpen, mit der stellenweisen buntheit, die in ihrer zufälligkeit in franks augen schöner ist, als es der schönste park sein kann, den insekten, den pfiffen der murmeltiere, den sich ewig ins tal stürzenden wassern, diesem ständigen gegensatz zwischen kargheit von felsen und gletschern und dem pflanzenreichtum der almen und täler, dem klang der kuhglocken unsichtbarer herden – lediglich unter dem einfluss all dieser eindrücke und der erschöpfung fühlt er sich gut. danach verurteilt er sich selbst für seine andauernden zweifel, seine schwarzsichtigkeit, die nicht geht, obwohl das essen gut schmeckt und die natur eine augenweide ist, die luft rein, die sonne so wärmend, fragt sich, ob er notwendigerweise so enden musste, wie er ist, oder ob da nicht vielmehr ein verlangen ist, sich schlecht zu fühlen, ein „worrior“ (warrior + to worry) zu sein, denkt, dass es vielleicht helfen könnte, dazu überzugehen, die umgebung genauer wahr zu nehmen, genauer zu beobachten und sich selbst dabei, das ist am wichtigsten, mehr freude über kleine dinge zu erlauben. aber nachts, wenn die sonne im westen hinter den gipfeln bei st. moritz versunken ist, dabei diese gipfel hat glühen lassen, in der einsamkeit der nacht — das hatten wir schon.

dann geht es zurück, er hat es tatsächlich geschafft, in 8 tagen kein ernsthaftes gespräch zu führen, er ist dem immer wieder entflohen, und der zug wird ihn in 13 stunden von der welt des gebirges an die heimische ostsee bringen, zurück dorthin, wo er lebt, mal gern, mal ungern, dorthin, wo sein leben vor sich hin mäandert, ziellos, sinnlos, nutzlos, ein verlust von etwa 1700 höhenmetern in dreizehn stunden, wenn man sich von höhenmetern etwas kaufen könnte, wenn sie kapital wären, dann wäre man an der ostsee recht arm, an diesem „mare balticum“, welches noch nicht mal eine wirkliche brandung aufweist. „ein gebirgssee im tal, salzig“, denkt frank und muss grinsen, in einem zug, in dem sich neben ihm schweizer landjugend mit alkohol und schnupftabak für zürich vorbereitet.

schlussendlich, als er die stadt an der förde erreicht hat, stellt er fest, dass er keine freude mehr empfindet, hier anzukommen, zum ersten mal in fast drei jahren, der zauber ist verflogen, die einstige schönheit wird von der hässlichkeit der offenen wunden und fragen des lebens überschattet.

am nächsten abend, nach einem tag voller überlegungen und bestellungen, um diese wanderung realisieren zu können, jene wanderung an die er nicht mehr glaubt, der er zuvor in seiner idiotie eine große heilende wirkung zuschrieb, die er nur zu einem kleinem teil des ursprünglich gedachten umfangs absolvieren wird, denn was im leben fehlt ist die zeit allein, und frank verschwendet sie gern – ein ’sit in’ in der wohnheimküche, es ist genauso, wie es schon vor einem jahr war, man betrinkt sich ein wenig, dann geht man zu unsinn über, dazu sich mit einem softball in pflaumiger footballform abzuwerfen – ein gewisses glück in der sinnlosigkeit jener handlungen führt weiter, frank fällt etwas ein: „wir müssen den bären verbrennen“, das hat er mit dem getreuen heinrich schon vor seiner abfahrt ausgemacht, und da frank spiritus hat, stellt es auch kein problem da, diesen spielzeugbären aus billigster ostasiatischster produktion, vermutlich produziert von kinderhänden, zu richten, für das, was er tut.

und es brennt, ein bär brennt, übergossen mit spiritus. er krümmt sich, zerläuft, es riecht abscheulich. die umstehenden, die häscher, sie genießen es. sie haben den anschlag seit tagen geplant. und jetzt brennt er, der verdammte bär, es ist das einzige, was er noch verdient. der bär hat sich mit den falschen angelegt, den falschen dreist ins gesicht gelächelt.
und ordnung muss sein, denn die berge sind weit weg, die errinnerung an sie ähnelt der an einen schönen traum, scheint nicht mehr real passiert zu sein beim blick auf den brennenden bären, dessen grinsen nicht schwindet, da er niemals lebte, er ein produkt einer welt ist, die so weit von den kaulquappen am bergsee entfernt ist, dass sie ein stern sein könnte, dessen licht man noch sieht, obwohl er längst erloschen ist. und das dach über franks kopf will auch nicht einstürzen und ihn unter sich begraben – es geht weiter.

er wird wandern müssen.

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nichts los

12. August 2009 · Kommentar schreiben

„es ist aber auch wirklich gar nichts los“, denkt frank, „da draußen, und mit mir hier.“ wieder einmal sitzt frank bis in die tiefe nacht vor seinem pc und er hat schon den tag so begonnen – es ist ruinös, er weiß es und doch kann er es nicht stoppen.

er sollte seinen pc am besten ausschalten und wegpacken, das könnte helfen – denn so verdaddelt er seine tage. wenn er wenigstens schreiben würde oder sich aktiv zu einem thema informieren – aber das geschieht nicht, er vertut nur seine zeit, unterbricht nur selten jene sinnlose tätigkeit um rauszugehen, etwa um neue lebensmittel zu beschaffen.

vergangene woche war frank in der schweiz und computerlos – es hat ihm unendlich gut getan – bergwandern, bücherlesen statt internetblödsinn. aber zurück in der stadt an der see verfällt er in alte verhaltensmuster zurück – was zwar auch an seinem motivationstief oder am nicht berauschenden wetter liegen mag, aber dennoch: es ist fatal.

irgendwann schläft frank ein, nachdem er sich entschlossen hat, noch einen gangsterfilm zu sehen, einen alten aus dem jahr 1939.
später wird er einmal rekonstruieren, dass er exakt 20 minuten vor ende des films eingeschlafen ist.

der traum den er träumt, kann er am nächsten morgen nicht mehr so ganz erinnern, was er aber weiß, sobald er aufgewacht ist: da war ein langer leiser schrei, mein name wurde gerufen: fraaaank
frank mag diese aufwacherinnerungen nicht, denn er kann niemals sagen, ob sie aus der realen welt in den traum hereingetropft sind, oder nur aus dem traum in die reale welt. aber zurück zum traum: es sind noch ein paar bilder, in franks kopf. etwa ein riesiger kellerraum mit hoher decke und vielen großen fernsehern – kein überwachungsraum, nein, die fernseher sind unterschiedlich groß, zeigen spielfilme und fussball, sind in den verschiedensten ecken jener kellerhalle angebracht, und kellerraum – frank erinnert sich, eine treppe heruntergegangen zu sein, und dieser raum hat keine fenster, und die wände sind ab einer gewissen höhe nicht gut verputzt. in diesem raum hat das rufen begonnen, als frank gerade ein gespräch mit dem gastgeber über einen gemeinsamen nachbarn geführt hat, einen alternden professor, den man kaum noch sähe und wenn sei dieser oft übel gelaunt. bei diesem gespräch war man nicht allein – es hatte aber nicht den charakter eines empfangs, mehr den eines familienabends, auch wenn aus franks nächstem familienkreis niemand da war „die sind noch in der schweiz“, so doch aus seinem weiteren familienkreis sind menschen anwesend, wie frank älter als real, aber doch noch erkennbar, frank (oder hat sich sein name geändert?) erkennt alle ohne zu stutzen und wird genauso erkannt, man muss also — aber nein, der schrei. es ist der schrei einer frau und der schrei klingt, als komme er durch eine der mauern, genauer, durch die mauer, der frank seinen rücken zuwendet, der schrei klingt, als brauche jemand dringend franks hilfe.

das aufwachen, so viel ist klar, ist kompliziert, irgendwann schlägt frank die augen auf, sieht das gelbe licht, dass durch die vorhänge vor seinem offenen zimmerfenster diffundiert, es muss tag sein, er setzt seine brille auf, trinkt ein glas orangensaft, geht wasser lassen. in seinem kopf jener schrei, der ihn nicht gleich loslassen will – es dann aber doch tut: „es ist eben gar nichts los, da fängt man schon an zu phantasieren.“

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notizbuch

24. Juli 2009 · Kommentar schreiben

frank, müde, trinkt einen weiteren espresso.

er sitzt bequem, man könnte seine körperhaltung auch liegen nennen, es fehlt nicht viel. auf seinen beinen ruht sein grünes notizbuch, es ist grellgrün und auf die erste seite hat frank vor längerer zeit geschrieben.
„Ich hasse liniert.“ und darunter: „Ich hasse grellgrün.“
Und dadurch, dass er das getan hat, hat er dieses gelbgrüne (das grün ähnelt dem grün des frischen laubes im mai, ist nur noch einen tick heller und dadurch fast schrill) notizbuch begonnen und kann nicht mehr in seinem alten moleskine weiterschreiben, das noch ein paar freie seiten anzubieten hätte.

irgendwie ist frank auch ganz froh darum, wie jedes seiner notizbücher bislang ist auch das moleskine „a mixed back“, zwischen gedichts- und geschichtenentwürfen lauern lose notizen und, der abgrund, einkaufszettel. „nicht gut“, denkt frank, „nicht gut, wenn man beim durchsehen auf so profanen scheiß trifft.“ tatsächlich haben ihm diese einkaufszettel schon oft die laune verdorben, er hat sich gefragt, warum er sich damals bloß nicht beherrschen konnte „ich hätte mir den scheiß doch auf die hand schreiben können“ – eins hat er sich vorgenommen: in dieses notizbuch kommen nicht solche lapalien – sonst könnte er, von linierung und farbe schon mitgenommen das büchlein wutentbrannt in den papierkorb werfen – man stelle sich vor, er vergäße es wieder herauszunehmen..

frank trinkt den vorletzten schluck seines mit nicht zu wenig milch angereicherten espressos, den er mit honig etwas gesüßt hat – er muss sich unbedingt mal haselnusssirup beschaffen, denn kaffee mit milch und haselnusssirup, dafür würde er sterben, fast jedenfalls. wie in der letzten zeit in jeder freien minute – also wenn er nicht lernt und hinter dem tresen zu tun hat, denkt frank über die planungen und vorbereitungen seiner wanderung nach, es gibt viel zu tun – und so glücklich, wie ihn die planungen machen, wird die wanderung nach skagen wunderbar – er darf sich nur nicht verletzen. am nächsten tag, das hat er sich jedenfalls vorgenommen, will er die erste etappe nach seiner tour wandern, diese hirnrissige idee, von skagen nach syrakus zu wandern, sie ist ihm gekommen, als er im januar nach einer böse durchzechten nacht vor der europakarte im treppenhaus gekommen und ist nicht mehr gegangen: frank wird solotrekker, er hat es sich fest vorgenommen, nur die beine können es ihm noch verleiden.

und die planungen, frank hat schon lange nicht mehr mit so viel spaß und akribie an etwas gearbeitet, noch nicht man an seinen buchplänen, es ist ist konkret und vor allem: was er dann tun wird, hat nichts mit kopfarbeit zu tun, sondern nur mit körperlichem kampf und krampf, er hofft inständig, dass ihm diese wanderung in der bösen sache mit seinem roten notizbuch hilft, es muss ihm weiterhelfen, ein strohhalm, kein letzter, aber einer von wenigen. „die wiederherstellung eines selbstbewusstseins, von tatkraft“, denkt frank, „das ist, worum es geht.“ und er denkt an ein anderes thema, daran, dass er noch stellas email beantworten „muss“, er mag die fragen nicht, die darum kreisen, wie es ihm geht, was er macht, er hat stets angst zu ausufernd zu antworten, zu wenig auf die andere person einzugehen,“zu egozentrisch vorzugehen“ um es mit heinrichs worten auszudrücken, mit dem er sich beim espressokochen bereits über dieses thema ergangen hat.

„ich muss aufhören zu denken, sonst geht es mir gleich scheiße“, denkt frank und schaut aus dem fenster, siehe da, es regnet, wie gemacht für einen regenjackentest, er wird rausgehen, er trinkt den restlichen (zwischendurch nachgefüllten) espresso auf ex, legt das grüne buch weg, steckt sein smartphone in die hosentasche, schirmmütze auf den kopf, regenjacke an, kapuze über schirmmütze und los. „man muss nur sehen, dass man genug zu tun hat, um nicht nachzudenken.“

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