eskapismus

vergänglichkeit

26. Januar 2010 · Hinterlasse einen Kommentar

laut hämmern meine finger worte auf papier, ihre waffe ist eine mechanische schreibmaschine, eine geräuschkulisse, bei der das wort “hacken” wieder seinen, in zeiten leiser notebooktastaturen mit geringem hub, fast verlorenen sinn gewinnt. wie finde ich diese cd nun, dieses neue album? mir fehlen die worte. “aus dir wird nie ein musikrezensent, dir fehlt nicht nur das vokabular, sondern auch das nötige musikverständnis – deine metaphern klingen alle hohl und vergleiche solltest du dir besser gänzlich sparen.” denke ich, und ja, da ist der zweifel wieder groß. passenderweise werden meine ohren dabei von “im zweifel für den zweifel” beschallt, sicherlich. ja, ein zweifler das bin ich, gäbe es “zweifel” als studiengang, das wäre mein fach, geeignetes nebenfach wäre dann noch “zeittotschlagerei”, wenn nötig. und sonst? meine konzentration ist kaum vorhanden, jeder zweite satz, den ich schreibe ist furchtbar, die anderen sind noch schlimmer.
aber zurück zum zweifeln, das kann ich wohl wirklich einigermaßen. seit jahren kann ich nicht davon ablassen, dieses und jenes von zeit zu zeit anzuzweifeln… moment, stimmt das noch? zweifel ich noch so viel? ich zweifele daran, ob ich noch wirklich so viel zweifel, genial, großartig, aber ein berechtigter zweifel, hat der zunehmende zynismus doch dazu geführt, dass ich viel mehr akzeptiere, eine lakonische bemerkung und ich gebe mich zufrieden. oder so. wer bin ich? wer ich bin? bin ich wer?

ich weiß es längst nicht mehr. so manche position ist aufgegeben, geblieben ist ein beliebiger haufen, der positionen nur noch vortäuscht. ja, dahin hast du mich getrieben, oh verzweiflung! wer sich außer dem eigenen ableben irgendwann in der zukunft nichts sicher sein kann, der kann keine positionen mehr haben. wer sich selbst von all dem gesocks in seiner umgebung am wenigsten vertraut, da er weiß wie gut er lügen kann, der muss auch keine positionen mehr haben.
die klarheit, sollte sie jemals mein benebeltes hirn erreicht haben, ist vergangen. “man schlägt sich irgendwie durch die eigene existenz, mehr macht man nicht mehr”, denke ich und weiß, dass dieser gedanke eine lüge ist, es gibt noch ziele, nur bedeuten sie mir selbst nichts mehr. “die folter endet nie”, ein titel dieser cd, ja, ich mag die cd, das kann ich sagen, wenn ich auch in diesen liedern keine antworten sehen kann, es gibt keine antworten mehr für mich. denke ich jetzt und gleich nicht mehr, sei es da ich immer noch antworten erwarte, oder eher brauche, antwortillusionen sind mir herzlich willkommen, antwortillusionen zahlen an meiner tür keinen eintritt, nein, sie werden mit kusshand begrüßt (zweifel: begrüßt man mit kusshand?).

denn ich brauche viele antwortillusionen, ich vernichte sie wie der ameisenbär ameisen, in rauhen mengen, ich brauche viel um satt zu werden, den hunger für kurze zeit davon zu jagen, kurz ruhe zu finden, mal wieder eine nacht durchzuschlafen.

das telefon. ein konzert im schloss, mendelssohn bartholdy, eintritt frei, passenderweise tönt dabei “stürmt das schloss” aus meinen kurzzeitig an den hals verlagerten kopfhörern, ich sage zu, denn eine meiner erlogenen eigenschaften ist kulturbegeisterung, eine farce, die funktioniert und die man mir, benehme ich mich nur borniert genug und gebe mir etwas mühe, mich gewählt auszudrücken, scheinbar glaubt.

doch es ist noch zeit, ich kann und muss noch weiter hören. eine meinung muss gebildet werden, auch wenn ich nicht bei der sache bin, vielleicht gar nicht sein kann, denn eure liebe tötet mich, all ihr leute, die ihr immer wieder auf mich setzt, in mich vertraut, was doch bestenfalls einer großen idiotie gleichkommt, denn es bringt nichts und wird nichts bringen – wäre ich ein rennpferd, so wäre ich eines, das stets vielversprechend läuft, doch niemals gewinnt, immer wieder einen meter vor der ziellinie scheut oder oder auf der schlussgerade knapp schlappmacht – bestenfalls, auch bei niedrigen quoten.

wie ich so über mich als rennpferd denken muss, bekomme ich plötzlich appetit auf hafer – ein hauch von terror umfängt mein bewusstsein, als ich realisiere, wie absurd es wäre nach diesen gedanken hafer zu fressen, nein, das ginge nicht. und joggen gehen sollte ich ohnehin mal wieder. vielleicht jetzt? die zeit könnte reichen, auch wenn es draußen eiskalt ist, aber klar ist, ich brauche vorher das album auf meinem smartphone, um nicht nur meine performance zu messen, sondern mich dabei auch in musik ergehen zu können… doch ich zögere und zögere, muss noch dieses und jenes… kurzum: zum laufen kommt es nur kurz, als ich rennen muss, um den bus nicht zu verpassen.

am nächsten tag werde ich erst spät und leicht verkatert wach, dabei will ich doch seit wochen erstmals seit jahren wieder in einen sonntagsgottesdienst gehen um zu beten, dass die vergänglichkeit, die meine gedanken so oft heimsucht nicht das leben derjenigen nimmt, die mir meines gegeben hat. doch zu spät, es ist 13:13, die doppelte glückszahl bringt mir kein doppeltes glück, mir bleibt nach zwei schokoladencrossaints und einem glas milch nur mich zu duschen, mich dann warm zu kleiden um das, nun bereits schwindende, kalte wintersonnenlicht für einen spaziergang zu nutzen, durch gefrorene schneereste an flüssigem salzwasser entlang.

am abend dann eine eventuell grobe missachtung des prinzips “keine meisterwerke mehr”, denn donnie darko spricht durch den spiegel hindurch mit frank, dem unheimlichen riesenhasen. später, nach ein paar stümperhaften drehungen an den stangen, die die welt bedeuteten und wenig definierten worten über das neue album, im flimmern und blitzen der halb defekten schreibtischlampe, der versuch dem tag noch ein wenig abzugewinnen, für das, um das es ja angeblich geht. und das einzige, das nicht vergeht, bleibt der ewige zweifel, gift in meinen adern, willens jede allzugroße zufriedenheit und zuversicht auszurotten, auf das sie vergehe, so wie auch die begeisterung für diese cd sich mindern wird, vergehen, wie alles, das lebt.

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(schlechte) fragmente

19. Januar 2010 · Hinterlasse einen Kommentar

[kein titel] – “einleitung”

die wut verschwand irgendwann. ich kann mir bis heute nicht erklären, warum – plötzlich war einfach keine wut mehr da und ich war, wie ich immer dann sah, wenn ich es schaffte, meinen eigenen körper zu verlassen, nur ein farbloses abbild meiner selbst, als hätte da jemand am farbsättingungsregler gedreht. kleiner war ich auch geworden, unauffälliger, kaum noch fassbar, ein diffuser rest. jedenfalls erschien es mir so. andere sahen das anders, ein guter freund fragte, ob ich nun kreide fräße, oder irgendein medikament nehmen würde, ich hätte mich verändert. neutral, nicht positiv oder negativ, wurde mir versichert, während ich mich fragte, ob dieses furchtbare gefühl, weniger energie zu haben, vielleicht doch irgendwann wieder vorbeigehen würde – immer öfter ertappte ich mich dabei, wie ich stundenlang einfach nichts tat. ich saß dann auf meinem stuhl oder lag auf meinem bild und schaute nach löchern in der luft, ohne dabei fündig zu werden. ein gefühl des misserfolges, oder gar eine wut darüber, die mich belebt hätte, trat nicht ein. die lethargie schien triumphiert zu haben.

so vergingen wochen und monate, in denen ich mehr und mehr feststellte, dass mich meine eigenen gedanken selbst nicht mehr interessierten, mein eigenes schicksal mir so egal war wie irgendein beliebiges in den fernsehsendungen, mit denen ich nun ein zuvor unvorstellbares zeitkontingent verbrachte, im sessel hängend und nicht wirklich aufmerksam dem gebotenen, höchstwahrscheinlich ohnehin vernachlässigbarem inhalt, folgend.

alles schwand, alles schwindet. der text, den ich gestern angefangen habe, gefällt mir nach null uhr plötzlich gar nicht mehr, erscheint nutzlos, sinnentleert und überflüssig, pathetisch, gekünstelt und übereifrig. manchmal kann man dann doch noch weiterschreiben, manchmal nicht. das hier sind solche fragmente, bei denen ich die hoffnung aufgegeben habe – auch wenn das nicht bedeutet, dass ich mich ihnen nie mehr annehme.
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november

02. Dezember 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

verflucht, denke ich, während ich auf die “tomatensoße” auf meiner lasagne starre, “das zeug ist aber rot, könnte auch blut sein.” durch meinen kopf rasen bilder von verschiedensten tötungszenen, von klassischer strangulation über mafiamäßige bleispritzenschießanfälle bis hin zu der kettensägenszene aus “Scarface” (von 1983), bei der man aber nur blutspritzer sieht – nein, vielleicht doch kein blut, zu hell. wenn es dunkler wäre, dann könnte man es für blut halten, aber es ist tageslichthell in der mensa, was am glasdach liegen mag.

“November. Ein Monat ohne Herz.”, schreibe ich auf das blatt, das vor mir liegt und freue mich darüber, dass mir so ein schwachsinniger satz gelungen ist, denn das ist selten geworden in der letzten zeit. ja, ein monat ohne herz. so witzig ist das gar nicht. die ganze witzmaschinerie überhaupt, nein, nicht lustig. ein monat ohne herz. wie das stimmt. nur studium, studium, studium und ab und zu ein wenig twitter, heute diesen, morgen jenen film, konsumieren, konsumieren, konsumieren, überholen ohne einzuholen. der november ist fast vorbei und es kommt mir so vor, als hätte ich in diesem ganzen monat noch nichts vernünftiges zu wege gebracht. noch nichts vernünftiges? blödsinn! eher nichts unvernünftiges, sicherlich nichts gescheites, und das ist streng genommen viel schlimmer. ich habe keinen text geschrieben, kein layout gebastelt, kaum fotos gemacht. gelernt habe ich viel, aber gebracht hat es bislang wenig. ineffektiv, das alles. und ständig zweifel, ständig angst (auch vor menschen). “November. Ein Monat ohne Herz!” so ist’s recht.

“‘Zeitverschwendung ist die leichteste aller Verschwendungen’, Henry Ford ” lese ich in der zitate-box der startseite meines internetbrowsers. recht hat er, recht mag er haben. zeitverschwendung, das geht einfach, insbesondere mit der zeitverschwendungsmaschine, die ich gerade erst eingeschaltet habe. was soll ich auch sonst machen? lesen, auf papier? habe ich schon, an diesem tage, mehrere tausend worte, die größtenteils nichtssagend verhallt sind, die bedeutungen der worte (eigentlich ja: wörter) verschwammen mir heute nur so vor den augen. draußen ist es dunkel, auch wenn die uhr behauptet, dass es gerade mal 17 uhr sei, also noch nachmittag, ‘tea time’ – woran ich mich halte: ein pfefferminztee verdampft neben mir und erfüllt die spärliche und ungenügend gelüftete kammer mit seinem frischen duft. behaglich ist es, ich habe aufgeräumt, so ordentlich war es lang nicht mehr. aber die ordnung ist nur oberflächlich, der schubladenschrank, der meine tischplatte stützt, ist seit monaten in einem zustand, den man vielleicht mit bürgerkrieg vergleichen könnte, nur weniger blutig. ich habe keine ahnung von bürgerkrieg, genauso wie ich nicht weiß, wie kalt es in russland ist (da ich noch nie dort war) und dennoch sage ich ständig “es ist aber auch kalt wie in russland!” – ich kann nicht anders, als es zuzugeben: ich äußere mich wie ein idiot, rede von dingen, von denen ich so wenig ahnung habe, wie ein gewöhnlicher fisch vom radfahren – und auch das weiß ich nicht wirklich, vielleicht wären fische ja die geborenen radfahrer, wenn sie nur nicht unter wasser leben würden und beine hätten.
“Ein Vollidiot bin ich gern”, singt es da aus den tonausgabegeräten meines notebooks, ‘Element of Crime’, das passt gut zu dieser katerstimmung, die besteht, obwohl ich seit wochen keinen alkohol mehr trinke (und übermäßig spät gehe ich auch nicht zu bett in der letzten Zeit), “der letzte Verstand, da geht er.” oh ja, der letzte verstand muss mich vor monaten verlassen haben, denn… ich weiß auch nicht. genauer: nichts mehr. jeden morgen, wenn ich mich mühsam aus dem bett quäle, denn diesen ganzen november schlafe ich schlecht, sehe ich einen imaginären croupier vor mir stehen, grinsend: “rien ne va plus – nichts geht mehr!”

auch croupiers kenne ich nur aus filmen, auch wenn ich mal für ein paar minuten in einem französischem casino war, wenn ich mich recht entsinne, muss das in saint malo gewesen sein, einer stadt mit imposanten stadtmauern, im 2. weltkrieg durchaus beschädigt, aber anschließend wieder weitgehend aufgebaut. wenn ich so zurückdenke, frage ich mich, zu welcher jahreszeit das gewesen sein mag, entweder war es wohl im frühjahr, oder im herbst – bei all den farbigen bildern, die mir zum mont st. michel, rennes und saint malo einfallen, weiß ich nur, dass es nicht sommer war und nicht winter, mäßig warm also, in der schönen bretagne, gelegentlich regnerisch. wie die meisten erinnerungen sind die bilder in meinem kopf unscharf, ungenau, ja, bei manchen bin ich mir nicht sicher, ob ich sie richtig zuordne. etwa wenn es um busfahrten geht, also längere, da habe ich einige hinter mich gebracht, die ich spontan nicht wirklich auseinander halten kann, es braucht immer ein wenig zeit, um zu wissen, ob es da nach rumänien, in die bretagne, die schweiz, nach schottland oder rom geht, wenn ich mich plötzlich bildlich erinnere, was in letzter zeit oft geschieht, vermutlich aufgrund meiner miserablen situation – moment, miserabel? je unbewusster man schreibt, desto wahrer? ich weiß nicht, was miserabel ist, ok, ich fühle mich selten gut und oft schlecht und bin wohl zu einsam, aber macht das gleich eine miserable situation? und ist das nicht letztlich auch egal?

wenn ich träume, dann reise ich. die traumfetzen, an die ich mich erinnern kann, wenn ich morgens wieder erwache, ereignen sich alle nicht im “jetzt” und nur selten im “hier”. ich unternehme reisen durch verdrehte vergangenheiten voller grauer städte und in diffuse zukünfte, farbiger als das leben und wenn ich dann wach werde, ein mühsamer vorgang mit bereits beschriebenen croupier, dann muss ich immer erstmal feststellen wo ich bin, wer ich bin und womit ich mich beschäftige. das geht mal sehr schnell, mal dauert es länger. und ich bin in meinen träumen niemals im november unterwegs, mal stapfe ich durch februarschnee, mal ist weihnachten, oft frühling oder sommer, hin und wieder sogar oktober. november ist nie. “warum kann das jahr nicht einfach 11 monate haben? dann könnte man diesen trübsinnigen november wegfallen lassen..”, denke ich und weiß, dass das genauso mist ist, wie opposition für franz müntefering. denn diese tage gingen trotzdem nicht, sie hießen nur anders.

und dann, ständig, wenn auch nicht unablässig, szenen aus meiner Vergangenheit vor augen. ob sie jahre zurückliegen oder nur tage, ob sie sich mit personen abspielen, mit denen ich eine beziehung hatte oder mit denen ich nur dieses eine mal gesprochen oder interagiert habe: sie gehen mir nicht aus dem kopf. und auch wenn ich bei einigen bereits irgendwann des rätsels lösung fand, das “richtige” verständnis für diesen satz, jene tonlage, dieses zwinkern oder was auch immer – es kann sein, dass ich mich beim nächsten mal, wenn mir diese, nun eigentlich gelöste situation, szene, begebenheit vor augen kommt, mich der “lösung” partout nicht entsinnen kann. und er quält mich weiter, dieser eine, launige satz einer ex-freundin, dessen bedeutung ich damals nicht ergründen konnte.

“du hast dich in eine argumentative und philosophische sackgasse verrannt, ohne wendehammer. du musst den rückwärtsgang einlegen und da raus.” wie leicht sie das sagt. “ich habe keinen.” denke ich, dann sag ich es. dumm von mir, so etwas zu sagen, aber im moment kommt es mir wirklich so vor. jedes schlamassel, in das ich mich stürze, muss ich bis zum letzten auskosten und wenn es dann vorbei ist, dann brauch ich das nächste. bis zum ende und noch weiter. und schlamassel stammt nicht um sonst aus dem westjiddischen. wir erinnern uns…
wobei auch das letztlich keine rolle spielt, denn auch wenn ich recht haben könnte, hat sie doch recht, diese pythia, dieses verfluchte orakel, ich bin mir so sicher, dass sie keinen schimmer hat, was ich denke, fühle, bin – und doch liegt sie stets allzu richtig, es ist wahrhaftig gut, dass ich nicht an übersinnliches glaube, denn täte ich es, so wäre ich wohl noch verwirrter, als ich es ohnehin schon bin, würde gegenüber jeder beliebigen person behaupten, dass ich das orakel wiedergefunden hätte und alsbald eingesperrt werden – oder wäre das am ende besser?

das einzig gute was bleibt, in dieser zeit, in der mein blut allzu unverdünnt durch meinen körper fließen muss, ist so etwas, dass kaum greifbar ist, denn es ist die tatsache, dass meine tagträume andere sind, als die, die ich habe wenn sich die sonne nicht zeigt, genauer, denn wir sprechen ja vom november, vom fast-winter (in dem nicht nur die natur erstirbt, sondern auch die gebäude zu verfallen scheinen und ich auch), von mitteleuropa, wenn die sonne sich seit mehreren stunden nicht mehr zeigt, der wind da draußen vor dem fenster einsam durch die starren äste fegt, an denen er keine blätter mehr zum abreißen und spielen findet. und auch bei mir gibt es nichts mehr zum abtrennen, jeder gedanke mir selbst den kleinen ginger der linken hand zu nehmen ist gegangen, da es ja auch letztendlich nichts ändern würde, sogern ich das hätte.
und hoffentlich ist bald dezember, der richtige winter in dem dann wahrlich alles erstirbt um aus dem reflektierten licht der schneedecke neu zu erstehen, nur um erneut zu vergehen.

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24 abschnitte

01. November 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

1.
ralf sitzt vor seinem computer, er ist gerade erst zurück von einer tortour, er will es niemanden wissen lassen, verhält sich leise, hängt nachts eine dunkle baumwolldecke vor sein fenster um seine anwesenheit geheimzuhalten, kein lichtschein soll ihn verraten.
er ist leise, musik hört er nur mit kopfhörern und wenn er schreibt, so bemüht er sich, die tastatur nicht zu sehr zu beanspruchen – was wäre, wenn vor seiner verschlossenen tür jemand lauschte.

2.
maxim ist detektiv und er ist es noch nicht lange. er muss zu einer beerdigung, ein guter freund ist gestorben, schockierend, plötzlich, man sagt es sei ein natürlicher tod, aber maxim hat zu viele krimis gelesen, um zu glauben, dass man mit unter 30 außer beim bedrogten autofahren wirklich einfach so sterben kann.
schlimmer noch ist allein, dass er, wie er seinem traumtagebuch entnehmen kann (was er führt, da er unter deja vus ‘leidet’), von so einem ereignis bereits zweimal zu vor geträumt hat: einmal vor zwei jahren und dann noch mal vor zwei monaten, und dann hatte er zwei tage, bevor dieser ganz unabsehbare tod geschah, noch einen wirren traum, in dem ihm eine alte frau mit glaskugel prophezeite, dass ein ereignis, welches er vorhergesehen und gefürchtet habe, bald eintreten würde.

3.
jasper geht den weg zur hochbrücke. er hat eine münze dabei, ein altes zweimarkstück mit dem prägungsdatum 1985, dem jahr, in dem er geboren ist. wenn er auf der brücke ist, wird er sie werfen. bei kopf muss er dran glauben und wird springen, bei zahl fliegt die münze in den kanal und er geht weiter durch sein miserables leben , jedenfalls für zwei weitere jahre, dann steht die nächste entscheidung dieser art an, so ist der plan. es ist ein verdammter, sonniger septembertag, niemand weiß von diesem plan – denn jasper will nicht gestoppt werden, diese münze soll sein schicksal entscheiden und sonst nichts, wenn er sich selbst schon nicht entscheiden kann, ob er dieses letzte jahr angemessen durchlebt hat, fest steht nur, dass er ordentlich gefeiert hat – glücklich hat ihn das aber auch nicht gemacht.
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kein titel

15. Oktober 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

die hölle steht offen / der himmel strahlt rot
du stolperst besoffen / hast vergessen deinen tod
über karteileichen und strauchelst, fällst fast
über erinnerungen / die du vergessen hast

die schatulle hat einen doppelten boden
voller zigarren nach neuesten moden
dahinter steckt / schmutzig und verdreckt
ein schelm / der dich gerne neckt

doch der fall / ums nicht zu vergessen
auch wenn ein werwolf lauert dich zu fressen
ginge trotz allem diesmal nicht ins nichts
des blendenden und nicht diffusen lichts

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der weg ist das ziel

15. Oktober 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

man kann nichts machen, denkt frank, denn er ist wieder auf dem weg. in den nächsten tagen wird er viel unterwegs sein, so viel ist klar. heute abend wird ihn der zug noch zur verwandschaft bringen. morgen zu einem guten freund. und dann, übermorgen, zurück dahin, wo er glaubt hin zu gehören.
das heute ist ihm egal, es wird vergehen, vermutlich mit ein paar bieren und schlechter musik – danach sieht es jedenfalls aus. morgen dann verkatert aufstehen, ein wenig radeln, die großeltern auf dem friedhof besuchen.. und noch irgendwas. wann er dean besucht, weiß er nicht, entweder morgen, oder übermorgen. vermutlich ist übermorgen besser, bevor es gen norden geht, ein kaffee am hauptbahnhof zu ddorf.
eigentlich bräuchte all das, was frank in der letzten woche getan hat und das was noch anliegt, bevor es zurück geht an die heimische ostsee, mehr zeit. aber zeit ist geld und frank muss zurück, denkt er jedenfalls, oder besser: er fühlt es.
die ankunft muss nicht schwer werden. sie kann es aber, genauso wie sie leicht und schön werden kann. das ist immer so, alles kann einfach sein, alles kann schwer sein, mag man jetzt denken. aber darum macht sich frank keine sorgen.
frank fürchtet sich davor, carla wiederzusehen. “ich will sie nicht”, denkt er. und dann ist da die, die er jetzt zu wollen glaubt, auch wenn er das zuletzt vor sich selbst und anderen verleugnet haben mag. stella. mit ihr zu reden macht frank glücklich. nein, weniger noch, es reicht worte zu lesen, die sie schreibt, und franks herz macht freudensprünge, sobald er sich anschickt ihr bild zu betrachten oder sie selbst zu sehen.
freudensprünge, bis es an die decke stößt, der kopf schmerzt und er verstört am boden sitzt.

schon rast der regionalexpress durch die weiten ebenen des bevölkerungsreichsten bundeslands deutschlands. den zug hat frank nur knapp erreicht, aber das spielt keine rolle – es ist alles noch mal gut gegangen, wieder einmal. franks gedanken kreisen um die seltsamen träume der letzten nacht, die fern zurück liegt, weit weg, ein schimmer am horizont sind die träume noch, ein dchimmer an einem horizont, der fast vollständig von den gebäuden des tages verdeckt ist, es ist klar, wenn frank nicht auf diese träume zugeht, wird er sie weder sehen noch entwirren können, wobei die entwirrung von träumen ohnehin eine herkulesaufgabe zu sein scheint – es ist zu klar, dass kein traum, wenn man erwacht ist, mehr einen klaren sinn hat, da man plötzlich in einer anderen zeit lebt, ein einer anderen welt, vielleicht vergleichbar mit den problemen beim versuch alte, in stein gehauene, überlieferte riten ferner und längst vergangener und vergessener kulturen zu verstehen.
und frank erinnert nur fetzen. ein traum hat wohl irgendetwas mit seinem tod zu tun, er wird in diesen traum wach und stellt fest, dass er bereits mehrere jahre tot ist, die menschen auf die frank trifft sind seltsam, alles ist verfallen, auch die sprache ist nur noch rudimentär, ein schock für frank, wenn man es so nennen will. und dann, eine wendung, das ganze, wäre es ein film würde man von setting sprechen, ist anders, und auf frank kommt eine person zu, die er mal kannte; es handelt sich seine ex-freundin. auch sie ist angegriffen wie franks seele, sie sieht geschlagen aus, hat ein blaues auge und ihr fehlen auf der rechten seite ein paar zähne, ihre kleidung ist zerfetzt. kurz: ihr ist wohl das fürchterlichste widerfahren, was einer frau widerfahren kann: sie wurde geschändet. frank umarmt sie, wohl aus mitleid, denn geliebt hat er sie schon nicht mehr, als er noch mit ihr zusammen war, um ihr schutz zu bieten, und sie drängt zum aufbruch. man flieht durch eine frank nicht wirklich bekannte stadt, die aber gewisse merkmale aufweist, die frank sie spontan im ruhrgebiet verorten lassen, es ist ein endloses weglaufen ohne ziel und ohne sinn (es gibt keine verfolger außer ihrer erinnerung).
dann ist da ein weiteres bild in franks kopf, er kann es nicht wirklich nicht zuordnen, vielleicht stammt es aus einem traum im traum, an den er sich nicht mehr erinnert, es ist eine begegnung mit stella, an einem Strand, den er vor kurzem ‘entdeckte’, man liegt nur so herum, umschlungen und sieht sorglos einem schiff beim sinken zu. das nächste bild ist dann wieder franks zerschundene ex – danach wachte frank auf, stand auf, verwirrt, fiel auf dem weg zum frühstückstisch (an dem er, wie schon in den tagen zuvor, nur 3 tassen kaffee in sich hereinschüttete) fast die treppe herunter.

der zug hat die fahrtrichtung gewechselt und in franks ohren besingt eine vertraute stimme ihren ruin, was frank prompt an seine lebenssituation erinnert, er hat die wahl zwischen ruin (der mir bleiben wird, ohnehin) und aufbegehren gegen all die ständigen selbstmordgedanken, die süchte, trägheit und faulheit, hin zu einer existenz mit dem zeug zur egenständigkeit. das heißt, er hat keine wahl mehr, er hat sich entschieden, er will mit sich gegen sich für sch kämpfen, so schizophren das klingen mag.

aber diese gedanken werden auch bald an den rand gedrängt von den eindrücken der an sich vertrauten durchquerung jenes molochs, welches sich ruhrgebiet nennt. schon immer haben frank diese fahrten durch dieses gebiet mit eindrücken versorgt und da die letzte fahrt mehrere monate zurückliegt, es dunkel ist und man nur die menschen auf den schnöden, breiten bahnsteigen sieht, ist der eindruck vielleicht noch stärker als sonst. nicht dass es schockierend wäre, wie die verhältnisse in den vorstädten new york citys, die man sieht wenn man von jfk nach manhattan fährt, die wohl auch nur so beeindrucken, da es einen nicht schwachen kontrast gibt – wohlstand hier, armut dort, nein, es ist nicht armut, sondern die fühlbare tumbheit vieler hier, dritte generation “alkoholkrank, sozialhilfe & co. kg”, diese abgestumpftheit. es geht nicht ums lästern, nein, frank würde diese region wohl dem vergreistem mittelgebirge vorziehen, in dem seine eltern existieren, auch wenn es hier nicht besonders schön sein mag, ist es gewiss nicht so langweilig.

im letzten zug des tages (für frank) dann eine art flashback, dass er einer nicht gerade magersüchtigen jungen frau zu verdanken hat, die ihm gegenüber platz nimmt – eine erinnerung an eine episode die sich vor über einem monat und 1700 höhenmeter höher abspielte. eine frau in lila, ähnlicher statur saß ihm im zug zwischen samedan und chur gegenüber.

*

im zug zurück an die ostsee, der durch die lande jagt, ein intercity, dessen sitze frank, obwohl sie geräumig sind, unbequem findet, versucht er proust zu lesen, aber es gelingt nicht. ständig sind da andere gedanken und zudem gelingt es ihm nicht, eine haltung einzunehmen, in der er sich nicht verspannt fühlt.
verspannt ist er, so viel ist sicher, nicht wegen dem, was hinter ihm liegt, sondern aufgrund jener ereignisse die vor ihm liegen oder die vor ihm liegen können, er kann nicht aufhören, sich seine ankunft vorzustellen. wer wird heute abend in der vertrauten kneipe sein, wenn frank sich dort einfindet? und wie werden welche gespräche verlaufen? es ist unsinn sich so den kopf zu zerbrechen, über etwas das nicht klar ist, sondern sich fügen wird, wie es sich fügen wird – aber er kann nicht aufhören, mir gedanken zu machen. die letzten tage hingegen, klar, da geschehen, bereiten ihm kein kopfzerbrechen, sie sind angefüllt von angenehmen gesprächen, was frank vielleicht konstatieren muss, ist dass er, seinen verwandten seine gefühle über mein derzeitiges leben nicht ganz offen bekannt hat, aber, so entschuldigt er dieses verhalten, was hätte es geholfen? auch im gespräch mit dem guten alten dean, der bald für ein paar monate oder sogar ein jahr auf eine japanische insel entflieht, die okinawa heißt, den frank zum letzten mal für längere zeit gesehen hat, weswegen er ihn zum essen eingeladen hat, was etwas ist, das er höchst selten macht, hat er ein paar düstere seiten seiner geschichte ausgelassen. frank will sich nicht mehr damit aufhalten, sich auf hohem niveau zu beklagen, will seine vertrauten nicht mit dingen belasten, die nichts als krankhaft sind, sondern dafür kämpfen, dass die farben der bilder, die man nach seinen tagen malen könnte, wieder heller und froher werden; die düsternis soll, das ist sein erklärter wille, schwinden. daran will er sich auch jetzt halten: es ist ein großes glück, so tüchtige verwandte zu haben und so gute freunde und das ist nicht euphemisiert, es ist wahrhaftig so.

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herbsttage

29. September 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

die dunkle nacht hat sich gelichtet. “das ist einer der letzten hellen tage dieses jahr”, denkt frank, “man sollte an den strand fahren, oder gehen.” – genau wissend, dass er es nicht tun wird, er wird wieder zur uni gehen, etwas in der bibliothek lernen, etwas zeitung lesen, viel kaffee trinken. wieder nur einen teil dessen schaffen, das auf seiner liste steht.

diese tage in der stadt am meer wären grau und monoton, hätte frank es nicht geschafft, wieder mal genauer hinzusehen – mit der zeit wird diese freude an den kleinen dingen zurück in die bücher fliehen, in denen er sich diesen blickwinkel erschlossen hat, aber noch reicht es, den gleichen weg wie jeden tag entlang zu gehen, es ist nie dasselbe, die schatten fallen anders, eine ungesehene frucht, ein blatt, das langsam fällt, mit aller ruhe, das dann von einem windstoß verweht wird – die welt ist so reich und dieser herbst ist bunt, nicht grau wie der im letzten jahr.

“es ist alles nur schein”, denkt frank, “der schein ist wichtiger als das sein” – er hat es kürzlich mehrfach so erfahren. etwa, als er seine verwandschaft am rhein besuchte, schien er, ohne seine alten, langen haare gleich viel zielstrebiger – auch wenn er es, da ist er sich sicher, nicht ist, es ist lange zeit alles nur schlimmer geworden, “da kann man sich nicht binnen zwei wochen herauswinden, das ist ein langer weg”. aber es wird besser, die traurigkeit der letzen monde schwindet, stück für stück, die lähmung mancher gehirnwindung löst sich, auch wenn die polkappen weiter rapide abschmelzen.

aber die traurigkeit, wie alles, das schwindet, ist noch existent und drückt sich gelegentlich darin aus, dass sie frank lähmt, dann kann er nichts tun. dagegen ankämpfen, ja, aber zu oft hat er diesen kampf verloren – was seine gefühlslage nicht gerade verbesserte. die einzige lösung ist die traurigkeit weg zu schlafen, zu schlafen, bis ein wunderbarer morgen den gedanken an all die ungerechtigkeiten und unmöglichkeiten in franks welt wegeschwemmt hat, wie ein regenguss den dreck auf den straßen.

doch nicht immer, wenn es frank packt, kann er schlafen – mal, weil partout nicht müde ist, mal, weil er einfach noch ein paar stunden vorlesung hat, mal, weil er die bar noch mindestens zwei stunden offenhalten muss, da erst 23 uhr ist. es sind materqualen, die frank in jenen situationen durchleidet, der kampf, die maske von aufmerksamkeit und guter stimmung aufrecht zu erhalten, ist kein leichter – und darf doch nicht verloren gehen, es dürfen keine tränen fließen.

und doch wird es besser, mit jedem tag, an dem frank es schafft, ansatzweise das zu erledigen, das auf seiner liste steht, mit jedem tag, an dem frank vor die tür geht oder sogar eine runde laufen geht, so sinnlos ihm dieses gelaufe auch scheinen mag, macht es doch unbestreitbar glücklich, genau wie die dusche danach.

die blätter fallen und fallen und der tag, nach dem frank behaupten muss, er sei nun sein ehemaliges alter plus eins, obwohl ziemlich genau nichts passiert ist, als das eben jener jahrestag passiert ist, überstanden sozusagen, rückt näher und näher.

fortsetzung folgt

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in dunkler nacht

23. September 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

“Bester Beweis einer guten Erziehung ist die Pünktlichkeit”, das ist von g. e. lessing überliefert, und wenn daran ein funken wahrheit ist, dann ist frank wohl gut erzogen. oder er war es jedenfalls mal. frank hat nie großen wert auf die pünktlichkeit anderer gelegt. gut, es ist kein schönes gefühl, versetzt zu werden oder warten zu müssen. aber frank hat sich nie deswegen beschwert, so weit er zurückblicken kann, er hat versucht, verständnis zu haben, noch nicht mal enttäuscht zu gucken. und in den wenigen fällen, in denen er zu spät war, hat er sich stets entschuldigt. so war es jedenfalls einmal. jetzt aber kommt es öfter vor, dass frank zu spät ist. es ist ein symbol dafür, dass sein leben aus den fugen geraten ist. oder sogar ein symptom?

überhaupt ist frank nicht ganz da. er kann sich schlecht konzentrieren. er vergisst sachen. er redet wirres zeug, selbst wenn es ihm nicht egal ist, selbst wenn er mit stella spazieren geht, die wieder zurück ist und schon wieder studieren darf.
aber das ist auch alles egal. frank ist krank. nicht nur im kopf, auch seine nase läuft marathon und gelegentlich trainiert er für die nächste meisterschaft im “krass husten ohne zu verrecken” (khozv) – es ist unnötig noch zu erwähnen, dass er nichts effektiv machen kann.

frank geht abends spazieren, wenn es dunkel ist, allein durch den wald. er hustet sich die lunge aus dem leib, und wenn ein später vogel kreischt, fährt er zusammen, als drohe gefahr von vereinzelten eulen. es ist fast vollkommen dunkel, neumond, aber der himmel ist sternenklar, vereinzelt sieht man den lichtschein von fernen straßenlaternen durch die bäume blinzeln. die kopfhörer auf franks ohren singen “es ist nicht schön, allein zu sein” aus dem lied “morgen wird wie heute sein” und frank weiß aus seinem leben heraus, dass beides wahr ist. wird er seinen geburtstag feiern? erleben wird er ihn, wenn nicht ein unfall geschieht oder die leichte grippe tödlich wird, so viel ist klar, dass hat er beschlossen, aber das war es dann auch. was soll man tun? er weiß, er darf sich nicht hängen lassen, muss sich ständig selbst in den faulen arsch treten, er weiß aber auch, dass sich das leichter denkt und sagt, als es tatsächlich umzusetzen ist.

die schatten des damwilds hingegen stören frank nicht, es sind schöne zahme tiere, im vergleich zu jenen ist er ganz klar das raubtier. er muss daran denken, wie er mal ein schaf gefangen hat und muss schmunzeln. “ja, wo ist der unterschied? haben tiere auch depressionen? sie hätten das recht dazu, so wie die menschheit mit ihnen umspringt”, denkt frank. ein falscher gedanke, denn er lässt das durchbrechen, was ihn seit jahren gelegentlich fertig macht, jenes, was seine mutter stets “weltschmerz” nennt. dieses gefühl, welches frank lähmt, weil er weiß, dass er unmöglich gegen diese ganze scheiße angehen kann, die ihn bedrückt, er alleine ist zu schwach, ja gelegentlich sogar nicht stark genug dazu, all diesem wahnsinn mit seinem verhalten im kleinen rechnung zu tragen, etwa dann, wenn er heizt, aber das fenster den ganzen verdammten tag auf kippstellung lässt.

die lichtung ist erreicht. frank wundert sich, dass es so menschenleer ist, er scheint der einzige mensch in diesem wildpark zu sein. er versucht sich vorzustellen, dass alle anderen menschen tot wären und er der letzte seiner art sei – es ist vollkommen klar, wie er handeln würde – um nicht den gedanken zu denken, der ihn seit über einem jahr wieder täglich peinigt, denkt er: “ich würde die menschheit vollends ausrotten – sofern das möglich ist, in einer solchen situation”.

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nebel

04. September 2009 · 1 Kommentar

was vor kurzem noch lebte
wovon mein herz erbebte
es ist, ganz ohne not
vergangen und fast tot

was war, das war denke ich
und was wird, weiß ich nicht
der nächste schritt führt in den nebel
vorahnung warnt erstickt durch knebel

muss gehen, bei schatten und bei licht
denn bleiben, sprühregen, dicht
könnt` es schon, nur will es nicht

blind bin ich, nichts seh
gar nichts nicht versteh
nicht weiß wohin ich geh
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anti-mephisto

04. September 2009 · Hinterlasse einen Kommentar


“Ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.”

– Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vers 1336 / Mephistopheles

“so weit ich denken kann, so weit meine erinnerung reicht, ist es immer so gewesen, dass ich mich stets bemühte, für ausgleich zu sorgen, konflikte so friedlich wie mir möglich bei zulegen, harmonie zu bewahren. und über lange jahre gelang mir dieses, so fern ich es denn wirklich wollte und mich nicht meinem jähzornigen temperament hingab, nicht meine wut mich ergreifen ließ, mein handeln mit dem bestimmte, was man landläufig verstand nennt, nicht allzu schlecht.”

“mit der zeit aber, mit den jahren, nachdem ich die ein oder andere krise durchgemacht hatte, durchaus existentieller natur, nach jahren, die den enthusiasmus und die gutgläubigkeit meiner kindheit und frühen jugend gänzlich aufgezerrt hatten, die mich zynisch gemacht hatten, verließ mich mein glück. ich wollte nach wie vor keiner person schmerzen zufügen, die das nicht verdiente, aber mein gefühl hatte mich verlassen. wollte ich eine diskussion auf freundliche weise zu einem ende bringen, kam es zu tränen und schlimmer noch war es, wenn es um mehr als diskussionen ging, etwa ernstere zwischenmenschliche verhältnisse.”

“goethes faust hatte ich in der schule nur widerwillig und wenig aufmerksam gelesen, aber jahre danach fand ich eine ausgabe, die faust I und II vereinte, als ich aufräumte. ich wollte das buch lesen, um es danach in ein antiquariat zu geben oder wegzuwerfen, und da ich wenig zeit hatte, verschlang ich das buch in erstaunlich kurzer zeit, was auch daran gelegen haben mag, dass ich nun eine ganz andere sicht auf diese verse hatte, als in den naiven tagen meiner jugend.”

“als ich faust II ebenfalls absolviert hatte, nach knappen zwei tagen, die nur aus lesen und dem ordnen meiner angelegenheiten bestanden, in denen ich mir kaum zeit zum schlafen und noch weniger zeit zum essen gönnte, schlief ich erschöpft ein. der traum war groß und leer, so wie meine träume zu dieser zeit stets waren und sie spiegelten meine fehler wieder, quälten mich mit situationen, die ich lieber vergessen hätte. eine stimme sprach zu mir aus der gestalt einer person, die schon vor jahren das zeitliche gesegnet hatte (so etwas erschreckte mich aber nicht mehr, denn es geschah nicht allzu selten, dass ich den geistern der vergangenheit in träumen begegnete):
‘du bist ein teil von jener kraft, die stets das gute will und stets das böse schafft.’”

“nach diesem satz wurde ich wach, schweißgebadet, und ich musste stundenlang über den satz nachdenken, den mein alter, toter onkel mir auf den weg gegeben hatte. ich war wie gelähmt, konnte nichts tun, musste erst diesen satz verarbeiten. und ich ging die geschichte meines handelns durch, und ganz falsch war das nicht. meine ideale verriet ich durch mein handeln, oder wenigstens die ergebnisse meines handelns ständig. es tut nichts zur sache, ich will keine beispiele nennen, es würde zum einen nichts ändern, zum anderen will ich nicht mit meinen geschäften prahlen. jedenfalls: ich erkannte, dass ich der anti-mephisto bin. seitdem ist dies mein geheimer name.”

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